"Die Behauptung, dass Kinder Theater brauchen, löst natürlich Sympathie aus, einmal für das Theater und dann vor allem für die Kinder. Aber man kann auch umgekehrt sagen, Kinder brauchen das Theater nicht,
und man hätte die Realität auf seiner Seite.
Wir wissen, dass Kinder fast überall auf der Welt etwas ganz anderes brauchen, um zu gedeihen. Aber der Zustand der Welt wird nicht entmutigen dürfen zu fragen, was Theater für Kinder bedeutet oder bedeuten kann. Es ist nicht so notwendig wie der Schutz vor Hunger, Krankheit, Obdachlosigkeit oder Verstumpfung gegenüber Kultur. Theater ist Luxus... Aber Luxus gehört zu den Lebensgütern; man kann ohne ihn überleben, aber man lebt besser mit ihm. Damit ist nicht der Luxus einer hypertrophierten Konsumgesellschaft gemeint, sondern jener Teil des Lebens, der Menschen nicht einfach bereichert, sondern reicher macht.
Was also kann Theater Kindern bringen?
Ein frühes Bewusstsein dessen, dass der Mensch, indem er sich selbst darstellt, in eine neue Beziehung
zu sich und seinesgleichen tritt. Es ist ein spielerischer Akt des Kennenlernens, in dem Lust, Fantasie, Beobachtung, Bewertung der anderen Menschen eingebunden sind. Er beginnt mit der Alltagstheatralik,
in der Kinder Umgangsformen regulieren, sich dramaturgisch kleine persönliche Auftritte verschaffen... Sie ahmen Leute nach, die sie kennen, worin immer ein Gran von Erkennen steckt. Und schon bald zum Spiel die Verwirklichung von Texten, Bildern, Vorstellungen in der Fantasie.
Unsere heutigen Bemühungen, zwischen dem Theater und den heranwachsenden Menschen ein lebendiges Verhältnis zu behaupten und weiter auszugestalten, verlaufen auf zwei Ebenen, die beide gleichermaßen gebraucht werden; zum einen das theatralische oder darstellende Spiel der Kinder selbst... zum anderen das Theater, das von Künstlern für das junge Publikum gemacht wird..."
Christel Hoffmann (Auszug aus: Das andere Publikum | Berlin: henschel 1996)