Lange Nacht der Autoren

Fünf Lesungen und Autorengespräche

DISCOVER LOVE
von Nikolai Khalezin (Mitarbeit: Natalia Koliada)

DISCOVER LOVE ist die Geschichte einer Liebe, die auf realen Ereignissen beruht. Zur Grundlage des Stücks wurde der in Weißrussland bekannte Fall des Geschäftsmannes Anatoli Krassnovski, der wegen seiner Unterstützung der demokratischen Opposition entführt und ermordet wurde. Wie erlebte seine Frau Irina den Tod ihres Mannes? Zuerst spürt sie den Schock, dann realisiert sie die Tragödie, danach denkt sie an die Liebe, die sie nicht mehr erfahren kann, sie denkt an all das Ungesagte, Ungehörte, Unverwirklichte. Die Erinnerungen und die Lebensgeschichte von Irina Krasnovskaja – erzählt mit Poesie und Sinn für den zum Teil komisch-absurden Alltag in einer Diktatur – werden im Stück konfrontiert und vermischt mit ähnlichen Fällen politisch motivierter Entführungen in Asien und Lateinamerika.

Nikolai Khalezin, Jahrgang 1964, stammt aus Minsk/Weißrussland und ist Autor, Regisseur und Schauspieler. Er und seine Dramaturgin Natalia Koliada gründeten 2005 das "Freie Theater" Minsk. Die Aufführungen des Theaters wurden verboten; Kneipen, in denen sie spielten,wurde die Lizenz entzogen; einige Schauspieler verloren ihre Jobs an staatlichen Theatern, andere, wie auch Khalezin und Koliada, wurden mehrfach verhaftet. Die Aufführungen finden dennoch statt – in Bistros, Cafés, Privatwohnungen oder im Wald. Aus Angst vor Verfolgung wechseln die Aufführungsorte ständig und werden erst kurz vor der Aufführung per SMS weitergeleitet. Auf internationaler Ebene jedoch ist das Ensemble inzwischen auf allen namhaften Theaterfestivals präsent und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet (u.a. 2008 mit dem Spezialpreis der Jury beim Premio Europa in Thessaloniki). Bekannt wurde Khalezin vor allem mit seinem Stück HIER BIN ICH, das er 2006 beim Berliner Stückemarkt vorstellte.  Letztes Jahr nahm er an der von PEN organisierten Veranstaltung „Viva the Belarus Free Theater“ im Le Poisson Rouge in New York teil, wo er gemeinsam mit Michael Laurence Gedichte von Wladimir Nekljaew vortrug.


WENN GEFÄHRLICHE HUNDE LACHEN
von Maxi Obexer

Die junge Nigerianerin Helen sieht in ihrem eigenen Land weder eine berufliche noch eine private Zukunft für sich. Entschlossen an ihrer Situation etwas zu ändern, macht sie sich auf den Weg in ein besseres Leben, das sie nur in Europa zu finden glaubt. Die euphorisch angetretene Reise entwickelt sich jedoch zum Albtraum: Von Schleppern getäuscht, irrt sie mit ihrem Begleiter Benjamin durch die Sahara. Er rettet ihr das Leben und führt sie durch das Totenfeld nach Tanger, treibt sie dort jedoch in die Prostitution. Demütigungen, Angst und Resignation steht Helen nur durch, weil das heiß ersehntes Europa in Sicht ist. Ihrer Familie berichtet sie in ihren Briefen nichts von ihren Qualen. Vielmehr färbt sie mit ihren Briefen die grausame Realität um, die somit überlebenswichtig werden. Am Ende erreicht Helen zwar Europa, muss jedoch erleben wie der Traum, der sie die Torturen der Reise durchstehen ließ, zerfällt und ihr den Verstand raubt.

Maxi Oberexer wurde 1970 in Brixen (Italien) geboren. Sie ist freie Autorin von Theaterstücken (u. a. „Die Störung“, „Das Geisterschiff“, „Lotzer. Eine Revolution“), Hörspielen, Erzählungen und Essays (u. a. „Live free or die – Lebe frei oder sterbe“), in denen sie sich immer wieder mit dem Thema Freiheit auseinandersetzt. Neben dramaturgischen Arbeiten führt sie auch Regie für Bühne und Hörfunk. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, u. a. vom Literarischen Colloquium Berlin, der Akademie der Künste sowie der Akademie Schloss Solitude. Zur Zeit ist sie Gastprofessorin für Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin. Mit WENN GEFÄHRLICHE HUNDE LACHEN (2011) erschien Maxi Obexers erster Roman.


BEG YOU PARDON
von Marianna Salzmann

BEG YOUR PARDON erzählt von Thea, die an allem leidet: an der Ungerechtigkeit der Welt, der Einwanderungspolitik, ihrem glücklichen Leben mit ihrem perfekten Freund und vor allem an sich selbst. Sie ist schwanger und weiß nicht wohin mit sich und dem Kind und der Kombination aus dem beiden. Ihre Freundin Marwa, die auf Grund neuer Gesetzeslage aus dem Land musste, versteht sie eben so wenig wie der Freund, der glücklich auf das Kind wartet. Nur ihr Äffchen Chica scheint mit ihr zu wollen, wenn sie die Welt, die sie kennt verlässt, um ins Ungewisse zu gehen. Doch auch in dem Fremden findet Thea immer nur die selbe Hürde - sich selbst. Alles ähnelt dem Alten, die Sätze, die Fehler wiederholen sich, bis sie beschließt die Reise zu beenden und in die bekannte Welt zurückzukehren. Nur geht das nicht. Das Zurückkehren wird zum Betreten eines neuen Raums, in dem Thea die Regeln nicht mehr beherrscht, der nicht mehr ihrer ist. Das Stück BEG YOUR PARDON basiert auf Interviews, die Marianna Salzmann im Kopenhagen geführt hat mit Politikern rechter Parteien und Betroffenen der neuen Gesetzgebung Europas.

Marianna Salzmann, 1985 in Wolgograd geboren, wuchs in Moskau auf und emigrierte 1995 mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie arbeitete u. a. als Regieassistentin am Schauspielhaus Hannover und Dramaturgieassistentin am Theaterhaus Jena. Sie organisierte das Global Open Stage in Hannover und ist Mitbegründerin des Kultur- und Gesellschaftsmagazins "Freitext", für das sie bis heute als Redakteurin tätig ist. 2008 begann sie ihr Studium des Szenischen Schreibens an der Universität der Künste Berlin. Ihr zweites abendfüllendes Theaterstück WEISSBROTMUSIK gewann den Wiener Wortstätten Preis 2009. 2011 wurden ihre abendfüllenden Theaterstücke WELTRETTUNGSAUFTRAG in der Kaserne (Hildesheim), TOD EINES SUPERHELDEN am Ballhaus Naunynstraße (Berlin), sowie SATT am Bayerischen Staatstheater (München) uraufgeführt. Das Stück BEG YOUR PARDON wird im Rahmen des Projektes Wanderlust der Kulturstiftung des Bundes am Königlichen Theater Kopenhagen und am Staatstheater Dresden präsentiert.

 
STAATSFEIND KOHLHAAS
von István Tasnádi

Staatsfeind Kohlhaas erzählt die von Heinrich von Kleist zu Beginn des 19. Jahrhundert verfasste Novelle um Recht und Gerechtigkeit einmal ganz anders, nämlich aus der Sicht der beiden zurückgelassenen Pferde, die als Pfandgabe Quälereien und Grausamkeiten auf der Tronkenburg über sich ergehen lassen müssen. Hengst und Stute sind es, die wieder und wieder geschlagen und verprügelt werden und schließlich erkennen müssen, dass sie zwar Anlass, aber nicht Mittelpunkt des Geschehens um sie herum sind. István Tasnádi gibt den beiden Pferden von Kohlhaas in seiner Bearbeitung das Wort und lässt so zwar die gleiche Geschichte erzählen, jedoch auf neue Art und Weise. Denn die beiden Zugpferde der Handlung können nicht nur sprechen, sie können auch tanzen, steppen und Beziehungskämpfe ausfechten.

István Tasnádi, 1970 in Budapest geboren, studierte Theaterwissenschaft an der Universität Veszprém. Seit 1992 publiziert er regelmäßig Gedichte und Theaterstücke. Er war Mitbegründer und Dramaturg am Bárka Theater in Budapest, bevor er 2001 seine Arbeit als Hausautor und künstlerischer Kodirektor am Krétakör Theater begann. Sein literarisches Werk umfasst über 30 Stücke und Drehbücher, darunter z. B. NEXXT – FRAU PLASTIC CHICKEN SHOW, das unter der Regie von Árpád Schilling zum Festival in Avignon eingeladen war. 2009 wurde sein Stück TRANSIT unter der Regie von Viktor Bodó in der Halle Kalk in Köln gezeigt. 1999 wurde István Tasnádis bekanntestes Stück, PUBLIC ENEMY, mit dem Preis für das beste ungarische Nachwuchsdrama ausgezeichnet. 2011 inszenierte Lars Ole Walburg am Schauspiel Hannover Tasnádis Kleist-Bearbeitung Staatsfeind Kohlhaas.


ANNEMARIE
von René Zahnd

In Annemarie lässt der französischsprachige Schweizer Autor René Zahnd eine unkonventionelle Frau wieder aufleben: Annemarie Schwarzenbach, Schriftstellerin, Kommunistin, Reisende – eine Frau, die sich gegen die Begrenzungen ihrer Zeit und ihres Geschlechts stellte. Zusammen mit den „wilden Kindern“ Thomas Manns, Klaus und Erika Mann, schickt er sie durch die Wirren des aufsteigenden und schließlich regierenden Faschismus, spielt aber auch ihre persönliche und sexuelle Orientierungssuche durch. Es entsteht in behutsam unpathetischer Sprache ein bewegendes Portrait einer Zeit und einer mutigen Frau, die einen frühen Unfalltod starb.

Der frankophone Schweizer René Zahnd (*1959) arbeitete zu Beginn seiner Karriere zunächst einige Jahre als Theater- und Literaturkritiker für verschiedene Tageszeitungen. Seit 1999 leitet er zusammen mit René Gonzalez das Théâtre Vidy-Lausanne. René Zahnd schrieb bisher mehr als ein Dutzend Theaterstücke u.a. LA REINE DEIRDRE (1998), L’ÎLE MORTE (1999), MOKHOR (2004) und ANNEMARIE (2008). Diese wurden überwiegend in der Schweiz und in Frankreich aufgeführt, aber auch in mehr als zehn außereuropäischen Ländern, u.a. in Westafrika. 1999 wurde sein Stück L’ÎLE MORTE in der Regie von Henri Rose an der Comédie Française (Vieux-Colombier) gespielt. René Zahnd veröffentlicht auch Studien übers Theater sowie Gespräche mit anderen Künstlern. Seit einigen Jahren übersetzt er, meist mit Hélène Mauler, auch Stücke, u.a. von Norén, Strindberg, Dorst, Horváth, Schimmelpfennig. Zahnds jüngstes Stück BAB ET SANE (2009) feiert am 2. Februar im Rahmen des diesjährigen Autorenwochenendes seine Deutsche Erstaufführung.

Hier finden Sie das Gesamtprogramm der diesjährigen Autorentage.