Für Friedrich Schiller ist die Selbstbestimmung des Menschen nicht nur der wichtigste Gegenstand der Kunst, sondern auch deren Ziel. Der ‚Bau einer wahren politischen Freiheit‘ ist in seinem Konzept der ästhetischen Erziehung des Menschen das ‚vollkommenste aller Kunstwerke‘, das es zu schaffen gilt. Schillers Freiheitsbegriff ist rigoros, Mensch sein bedeutet für ihn, sich in jeder denkbaren Situation frei von den Zwängen der Natur wie der Gesellschaft entscheiden zu können. Für den Einzelnen gilt: »seine gerühmte Freiheit ist absolut nichts, wenn er auch nur in einem einzigen Punkte gebunden ist. Die Kultur soll den Menschen in Freiheit setzen und ihm dazu behilflich sein, seinen ganzen Begriff zu erfüllen. Sie soll ihn also fähig machen, seinen Willen zu behaupten, denn der Mensch ist das Wesen, welches will.« Freiheit verstanden als individuelle Selbstbestimmung und sittliche Autonomie ist seit der Aufklärung zu einem Eckpunkt unserer westlichen Wertvorstellungen geworden. Es ist diese Freiheit, die da angeblich am Hindukusch verteidigt wird. So fragwürdig es ist, wenn unsere eigene Freiheitsvorstellung exportiert
wird, können wir diese aber auch nicht relativieren, wenn ökonomische Vorteile winken. Im Unterschied zu Kant und Schiller, für die der Wille des Menschen frei war, sind wir heute allerdings veranlasst, die Bedingungen für individuelle Freiheit neu zu befragen.
Sind die Gedanken wirklich frei? Gibt es Freiheit jenseits von Kapital und Arbeit?
BILD dir deine Meinung, aber wie? Sagt mir ein Algorithmus, was ich wissen soll?
Ob die Natur des Menschen überhaupt freie Willensentscheidungen zulässt, ist von vielen Hirnforschern in Zweifel gezogen worden. Nach den ökonomischen Voraussetzungen für eine freie Existenz ist zu fragen und ob etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen eine Lösung darstellt. Wie kann sich der Einzelne in der kanalisierten Medienwelt und in den von Algorithmen strukturierten Suchmaschinen überhaupt informieren und eine eigene Meinung formulieren? Woher soll der Einzelne eine Orientierung für seine Entscheidungen wählen, wenn die Fakten nicht zu überblicken sind? Aus dem Glauben für oder gegen eine Sache, aus dem Gefühl für das politisch Richtige? Wo liegt der Maßstab, der Grund für mein Handeln? Wie kann ich mich frei machen von Meinungsmanipulation und ideologischer Zurichtung, aber auch von Abstumpfung und einseitiger Orientierung?
Ausgehend von Schillers Freiheitsutopien werden wir in dieser Spielzeit unsere eigenen, heutigen Vorstellungen von selbstbestimmter Existenz in das Zentrum unserer Aufführungen stellen. Mit DIE
JUNGFRAU VON ORLEANS, inszeniert von Annette Pullen, und
DON KARLOS in der Inszenierung von Hasko Weber führen wir zwei zentrale Dramen Schillers auf, die von großen Individuen und ihren Sehnsüchten erzählen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts hatte der französische Existenzialismus die Frage nach dem eigenen Lebensentwurf innerhalb einer determinierten Welt gestellt. In Sartres
DAS SPIEL IST AUS (Regie: Sebastian Baumgarten) erhalten zwei Liebende, die sich im Leben nicht gefunden haben, nach dem Tod noch einmal die Chance, das Leben zu beginnen – und scheitern. Genets
DER BALKON (Regie: Thomas Dannemann) formuliert den Spielcharakter des sozialen und politischen Lebens in Brüchen und Wendungen, in denen die Figuren versuchen, ihre eigene Existenz zu vervielfältigen.
Hausregisseur Volker Lösch greift zunächst mit seiner Adaption der
ILIAS das Thema des militärischen Einsatzes in Afghanistan auf, bevor er mit
ÖL! nach Upton Sinclair die Grenzen menschlicher Naturaneignung im Kapitalismus und damit die Grenzen unserer Freiheit befragt. Um den Export der Freiheitsideale der Französischen Revolution geht es in Heiner Müllers
DER AUFTRAG, den Nuran David Calis – als Fortsetzung seiner Arbeit in Stuttgart nach DANTONS TOD in der vergangenen Spielzeit – nun im Schauspielhaus inszenieren wird. Die junge Regisseurin Nora Schlocker stellt mit
WINTERREISE von Elfriede Jelinek eine der prägendsten Autorinnen der Gegenwart im Schauspielhaus vor.
Was Freiheit ganz konkret für die Bürger in Stuttgart bedeutet, untersuchen zwei Theaterprojekte. Im September 2011 beschäftigt sich Ulrich Rasche in einer chorischen Inszenierung mit den Ereignissen vom
30. September 2010. Unter dem Titel stuttgarter freiheit werden wir im Sommer 2012 nach Orten suchen, in denen Stuttgarter ihre ganz persönlichen Utopien und Lebensstile ausprägen.
Zwei Uraufführungen, die sich auf ganz unterschiedliche Art dem Thema Freiheit widmen, prägen den Spielplan im NORD. Jan Neumann wird nach seinem Erfolgsstück FUNDAMENT nun im nord mit
FREY! erneut einen Text gemeinsam mit dem Spielensemble entwickeln und zur Aufführung bringen. Martin Heckmanns schreibt im Auftrag des SCHAUSPIEL STUTTGART ein neues Stück mit dem Arbeitstitel
DREI WIEDERHOLUNGSTÄTER PROBEN DEN ÜBERMENSCHEN, in dem er drei Gefängnisinsassen auf die Suche nach Lebensmodellen in der Freiheit schickt.
Friedrich Schiller sah das Theater als einen Ort, in dem die Fähigkeit zur Freiheit spielerisch trainiert werden kann. Auch wenn wir nicht immer so optimistisch sind, bleibt die Freiheit ‚ein unendlich interessantes Schauspiel‘.
Jörg Bochow
Chefdramaturg