Die Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut Karoline, die sich nur mal amüsieren wollte beim Oktoberfest, und dann böse auf die Nase fällt, gehört zu den schönsten Theaterstücken deutscher Sprache. Seit der Renaissance, die der Autor Horváth mit der Hinwendung zu Sozialkritik und der Wiederentdeckung des kritischen Volksstücks in den 1970er Jahren erlebte, ist es nicht mehr von den Bühnen wegzudenken. 1932 uraufgeführt, kurz nach der Weltwirtschaftskrise, zeigt es einsame Gestalten in einer schlechten Zeit, die viel Not und wenig Mitleid kennt. Karoline will aus dem tristen Alltag ausbrechen und sich spüren, ihr Verlobter Kasimir, der gerade entlassen wurde, ahnt schon, dass sie ihn, den Entwerteten, nun auch verlassen wird und provoziert den Abschied damit geradezu. Doch auch beim Zuschneider Schürzinger, der ihr ein Eis spendiert, hält es Karoline nicht lang, von haltloser Sehnsucht getrieben, trudelt sie von einem zum andern und verspielt dabei ihre Würde. Vor der gleichgültigen Kulisse des Volksfestes mit seiner dumpf dahindudelnden Musik und den zur Schau gestellten „Abnormitäten" verlieren sich Kasimir und Karoline, wird der brutale Merkl Franz beim Autoklau verhaftet, strudelt es seine von ihm malträtierte Erna zu Kasimir, bei dem auch die reumütige Karoline zum Schluss wieder Zuflucht sucht, während reiche Industriekapitäne mit dem Zeppelin nach Altötting fliegen und andere reiche Herren sich für ein bisschen Geld und Schnaps die Nähe junger Mädchen erkaufen.
Nina Mattenklotz, die in der vergangenen Spielzeit am SCHAUSPIEL STUTTGART das expressionistische Drama
VON MORGENS BIS MITTERNACHTS inszenierte, interessiert sich für die Atmosphäre von Depression und Stillstand in diesem Stück, in dem die Menschen ihre Wut nicht gegen die Welt richten, sondern nur noch auf ihre privaten Beziehungen verschieben. Aus Unvermögen, ein Selbstwertgefühl außerhalb der Arbeit aufzubauen, verletzen sie sich gegenseitig.