Die Kunst ist frei. Sie schafft Räume zur Veränderung der Welt.

Abschlusserklärung RATSCHLAG DER VIELEN in NÜRNBERG

Zum ersten RATSCHLAG DER VIELEN sind in Nürnberg über 200 Aktive aus der Kunst und Kulturlandsc haft aus Deutschland und Österreich zusammengekommen, die sich in 32 regionalen ERKLÄRUNGEN DER VIELEN für die Fortentwicklung einer freien und offenen Gesellschaft einsetzen. An die 3.000 Kunst und Kultureinrichtungen Kulturinitiativen sowie zahlreiche Künstler*innen, Freie Akteur*innen der Kunst aus allen Genres setzen damit seit genau einem Jahr ein glänzendes Zeichen gegen Rechtsextremismus, autoritären Populismus und die Versuche einer Renationalisierung der kulturellen Landschaft

Es gilt, die Kunstfreiheit als unveräußerliches Recht in einer demokratischen Gesellschaft zu verteidigen, die Verankerung der Kulturorte (Theater, Opernhäuser, Museen, Musikclubs, Bibliotheken, Galerien, Kulturhäuser, freien Spielstätten, Bildungseinrichtungen u vm.) in der Zivilgesellschaft zu stärken und ein solidarisches Netzwerk untereinander kontinuierlich zu festigen.
© Michael Lyra
Es geht zudem um die Frage nach den sozialen Veränderungsprozessen, die untrennbar mit der Rolle der Kunst in einer sich immer weiter ausdifferenzier enden Gesellschaft verbunden ist. In diesem Sinne arbeiten wir beispielsweise am Abbau von gesellschaftlicher Diskriminierung institutionellem Rassismus und gleichzeitig an der strukturellen Öffnung hin zu pluralen Gestaltungsprozessen als Labor für eine Kultur der VIELEN für eine Demokratie der VIELEN .

Mit Unruhe beobachten wir das Zunehmen eines menschenverachtenden, faschistisch geprägten Sprachgebrauchs in Medien, sozialen Netzwerken und bis in die Parlamente hinein. Ungehalten nehmen wir eine zune hmend gewalttätige, insbesondere rechtsextremistische Szene wahr, die nicht entschieden genug von Verfassungsschutz und Polizei bekämpft wird, wohl auch weil deren Netzwerke teilweise bis in diese staatlichen Institutionen reichen, wie zahlreiche in der le tzten Zeit öffentlich gewordene Fälle beispielsweise im NSU Verfahren oder die Hannibal Gruppe in der Bundeswehr belegen. Dabei stehen wir Partei organisationen entgegen, die rechtmäßig als Faschisten benennbare Politiker zu ihrer Mitte erklären und damit deutlich machen, dass sie zurecht als antidemokratisch und rechtsradikal zu bezeichnen sind. Solche Parteien können daher nicht Teil des demokratischen Meinungsbildungsdiskurses sein.

Den mit diesen kurzen Sätzen beschriebenen Gefahren für eine offene und freie Gesellschaft mit Widerstand und Entschlossenheit, aber auch Empathie und Solidarität entgegenzutreten, ist erklärtes Ziel DER VIELEN.
© Michael Lyra
© Michael Lyra
Daher rufen DIE VIELEN für den 8. und 9. Mai 2020 zu GLÄNZENDEN AKTIONSTAGEN auf, um die Debatte über die Forten twicklung der Demokratie in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Glänzende Aktionstage, die den 75. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus und die Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Gedenken würdig feiern und am folgenden Tag, dem Europatag ein offenes EUROPA DER VIELEN proklamieren durchaus verbunden mit der Idee, diese beiden Daten als Erinnerungs und Gedenktage im kollektiven Bewusstsein zu verankern.

Denn dies ist die andere große Aufgabe, der wir uns mit unseren Aktionen stellen wollen: Das eigene Selbstverständnis als DIE VIELEN zu konkretisieren, indem wir als Gegenbild zu den düsteren Bedrohungsszenarien von rechts in unseren höchst diversen Netzwerken und Praktiken künstlerischen wie politischen Strategien sichtbar machen, wer das alles ist, sein kann, sein will: DIE VIELEN.
Und weil dies ein offener, pluraler und auf Teilhabe wie Teilnahme zielender Prozess ist, der sich nicht in der Nennung einzelner Gruppen und Positionen erschöpf t, wollen wir diese Frage nach den VIELEN derart in den Raum stellen, dass sie zur Partizipation einlädt: Lasst uns alle zusammen immer weiter und immer neu beantworten, wer DIE VIELEN sein können, indem wir sichtbar, hörbar, erfahrbar machen, in welchen Kontexten, Allianzen, Perspektiven und Horizonten wir arbeiten, kämpfen, streiten, uns gegenseitig stärken und manchmal auch aneinander scheitern. Wie wir zusammengehören (können). Wer dabei (noch) fehlt Und auch, wer, trotz aller Aufmerksamkeit, vergessen oder verloren gegangen sein mag. Für diese Aufgabe erscheint uns die Methode der Selbst Öffnung (der eigenen Institutionen, Praxen und Strukturen) ein geeigneter Weg. Erst wenn der Raum einer solchen Öffnung wirklich entsteht, wird es für andere, mithin möglichst VIELE ANDERE, überhaupt mög lich, sich einzubringen, sich zu positionieren, teilzunehmen und Teil zu haben. Wer werden WIR in einem solchen Verständnis gewesen sein?

Wir wollen uns diesen Fragen im buchstäblichen Sinne öffnen. Das ist die konkrete Arbeit, jeden Tag, bis zum 8./9. Mai 2020 und darüber hinaus. Wir wollen als DIE VIELEN an diesen beiden Tagen regionale Erinnerungs Feiern für eine Gesellschaft von morgen realisieren. Mit Happenings gegen den Hass und für die SCHÖNHEIT DER VIELFALT. Mit künstlerischen Mitteln gegen die Angst und für die FREIHEIT DER KUNST. GLÄNZENDE AKTIONSTAGE, die wir nicht nur im Kreis der Aktiven in Kunst und Kultur begehen wollen, sondern in der Mitte unserer Stadtgesellschaften und in den äußersten Peripherien. Denn die Kunst ist nie in der Mitte und sie ist nie nur eine!

KUNST BLEIBT VIELE*

FÜR EIN EUROPA DER VIELEN
UNITE & SHINE

RATSCHLAG DER VIELEN NÜRNBERG, 17.11.2019

BADEN-WÜRTTEMBERGER
ERKLÄRUNG DER VIELEN

Als Kunst- und Kulturschaffende in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. In diesem Land wurde schon einmal Kunst als entartet diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil - unter ihnen auch viele Kulturschaffende.

Heute begreifen wir die Kunst und ihre Einrichtungen als offene Räume, die Vielen gehören. Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen. Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n.

Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteurinnen dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechte und nationalistische Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur. Ihr verächtlicher Umgang mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Kunst- und Kulturschaffenden, mit allen Andersdenkenden und Anderslebenden verrät, wie sie mit der Gesellschaft umzugehen gedenken, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern würden. Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung sind Alltag. Die extreme Rechte ist ein Symptom davon.

• Wir führen den offenen, aufklärenden, kritischen Dialog über rechte Strategien und gestalten
diesen Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum in der Überzeugung, dass alle Unterzeichnenden den Auftrag haben, unsere Gesellschaft als eine demokratische fortzuentwickeln.
• Wir fördern im Sinne der Demokratie Debatten, bieten jedoch kein Podium für völkischnationalistische Propaganda.
• Wir wehren jegliche Versuche der Rechtspopulist*innen ab, Kulturveranstaltungen für ihre
Zwecke zu instrumentalisieren.
• Wir solidarisieren uns mit Menschen, die durch rechte Ideologien immer weiter an den Rand
der Gesellschaft gedrängt werden.

DIE KUNST IST FREI.