Die Vielen Baden-Württemberg

Baden-Württemberger Erklärung der VIELEN

DIE VIELEN wenden sich aus aktuellem Anlass an die Öffentlichkeit

Wir, Die VIELEN Baden-Württemberg, nehmen die Ängste und Sorgen vor den ökonomischen Folgen der Pandemie sehr ernst. Gerade viele Kulturschaffende und Künstler*innen sind zum Teil in existentielle Not geraten. Wir sehen es dennoch als eine unserer Hauptaufgaben an, kritisch zu hinterfragen, warum die Reaktionen auf die Pandemie bereits existierende Ungleichheiten, Rassismus und diffuse Verschwörungsmythen offen legen. Diffuse Behauptungen und Rassismus dürfen keinesfalls die Antwort auf die Herausforderungen der Pandemie sein. Auch den “Normalzustand” wiederherzustellen ist nicht das Ziel, denn die Unsicherheit und die z.T. prekären Arbeitsbedingungen existierten bereits bei vielen Kulturschaffenden vor der Krise. Vielmehr müssen wir die Strukturen des Kunstbetriebs grundlegend neu verhandeln.

Der erste Schritt hierfür ist zu lernen, mehr Perspektiven mitzudenken, eigene Privilegien anzuerkennen und die notwendigen Veränderungen gemeinsam zu gestalten und politisch einzufordern, anstatt den einen gesellschaftlichen Bereich gegen den anderen auszuspielen. Auch darf uns die Corona-Krise nicht dazu verleiten, die globalen Zustände vor dem Ausbruch der Pandemie zu vergessen: Klimakrise, Fluchtursachen, Kriegsgeschehen rund um den Globus – Deutschland ist an diesen Vorgängen in einer Form beteiligt, die nach wie vor nicht hinnehmbar ist und politisch verändert werden muss.

Die Pandemie betrifft uns alle und jede*r Einzelne von uns muss mit persönlichen Einschränkungen umgehen. Dennoch, und das stimmt uns hoffnungsfroh, gab und gibt es hier in Baden-Württemberg viele solidarische Aktionen aus der Zivilgesellschaft heraus. Das stärkt das Zusammenleben in unserer diversen Gesellschaft. Auch wenn Corona-bedingte Ein-schränkungen aufgehoben werden und das gesellschaftliche Leben verstärkt im öffentlichen Raum stattfindet, stellt sich die Frage: Wie vieles davon hat über die Krise hinaus Bestand? Schaffen wir es, diesen Zusammenhalt zu wahren?

Wir tragen als Künstler*innen und Kulturschaffende mit unserer Reichweite eine Verantwortung. Wir suchen in unserer Arbeit ständig nach Möglichkeiten des Dialogs, den wir als unabdingbare Grundlage aller demokratischen Prozesse verstehen. Aber wir blicken mit Sorge auf die jüngsten äußerst fragwürdigen Aktionen u.a. der sogenannten Querdenker an verschiedenen Orten in Baden-Württemberg, die sich angeblich für den Erhalt des Grundgesetzes einsetzen. Rechte Gruppierungen laufen auf diesen Demonstrationen selbstbewusst mit.

Wir distanzieren uns eindeutig von demokratie- und freiheitsfeindlichen, faschistoiden und damit letztlich auch kunst- und kulturfeindlichem Gedankengut. Unser Kunstbegriff ist immer ein offener, vielstimmiger und freiheitlicher.

Lasst uns Zeichen gegen den Populismus setzen, lasst uns an die Solidarität appellieren, lasst uns Aufklärungsarbeit betreiben und – vielleicht am Wichtigsten – lasst uns Stellung beziehen gegen Rechts und für eine nachhaltige, gerechte und diverse Gesellschaft.

Wir, DIE VIELEN und all jene, die diesen Brief unterschrieben haben, wollen die Komplexität der aktuellen Lage anerkennen und die Herausforderungen gemeinsam angehen.
Wir stehen weiter zu den notwendigen Maßnahmen, die diese Pandemie eindämmen sollen, auch wenn es uns - wie allen Betroffenen - nicht immer leicht fällt.

Wir erklären uns solidarisch mit allen unseren Kolleg*innen aus Kunst und Kultur und all jenen, die damit verbunden sind und somit von der Situation nicht nur finanziell sondern auch ideell betroffen sind.
Uns allen fehlte der Kontakt zueinander und zu unserem Publikum, und wir sind froh wieder sichtbar für alle spielen, singen, tanzen, ausstellen und schreiben zu können.

Wir sind VIELE - die Kunst bleibt frei!
Glänzende Grüße
Die VIELEN Baden-Württemberg

Glänzende Aktionstage 8./9. Mai

DIE VIELEN organisierten am 8. und 9. Mai 2020 GLÄNZENDE AKTIONSTAGE, um den 75. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus und die Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Gedenken würdig zu feiern sowie am folgenden Tag, dem Europatag, ein offenes EUROPA DER VIELEN zu proklamieren. Verbunden mit den Aktionstagen ist die Idee, die beiden Daten als Erinnerungs- und Gedenktage im kollektiven Bewusstsein zu verankern.
In über 32 Städten fanden am 8. und 9. Mai Aktionen im Stadtraum, in den Kulturorten, im Internet statt. In einem GLÄNZENDEN STREAM wurden die länderübergreifenden Aktionen gebündelt und online zugänglich gemacht.
Auch viele Baden-Württemberger Kulturinstitutionen und Einzelpersonen, die die Baden-Württemberger Erklärung der Vielen unterzeichnet haben, kamen am 8. Mai zum Teil mit eigenen Programmbeiträgen im GLÄNZENDEN STREAM zu Wort.
Anlässlich des Europatags am 9. Mai haben die Musikerinnen Bernadette La Hengst und Barbara Morgenstern die „Ode an die Freude“ umgeschrieben und eine ALTERNATIVE EUROPAHYMNE DER VIELEN verfasst, die zu einem offenen und solidarischen Europa aufruft. Am 9. Mai ab 12:30 Uhr wurden Unterzeichner*innen die über 30 regionalen Erklärungen der Vielen gemeinsam verlesen. Chöre und Musiker*innen in ganz Deutschland sangen anschließend die alternative Europahymne zuhause von ihren Fenstern und Balkonen, streamten diese und verbreiteten sie in den Sozialen-Medien.

Online-Stream

Im Rahmen der „Glänzenden Aktionstage“ der VIELEN zeigen wir „Italienische Nacht“.
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Glänzender Stream

Beiträge und Aktionen der 4.400 Unterzeichner*innen aus über 30 Erklärungen der VIELEN
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Die VIELEN in den Sozialen Medien

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Baden-Württemberger Erklärung der VIELEN

Über 30 Künstler*innen sowie Kulturinstitutionen lesen die Erklärung der VIELEN
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Erklärung der Vielen zu den
GLÄNZENDEN AKTIONSTAGEN
8./9. Mai 20

DIE VIELEN VERSAMMELN SICH IN DER ZERSTREUUNG

DIE VIELEN haben sich als Zusammenschluss für die Sicherung der Kunstfreiheit in Offenheit und Vielfalt gegründet und sind in den letzten drei Jahren zu einem länderübergreifenden offenen Zusammenhang zwischen zahlreichen Kunstinstitutionen, Aktiven der Kulturlandschaft und freien produzierenden Künstler*innen geworden. Mitten in der Vorbereitung für die GLÄNZENDEN AKTIONSTAGE am 8. und 9. Mai 2020 steht die Bewegung in einer vorhersehbaren wie urplötzlichen globalen Krise, in Form einer gesundheitlichen Gefährdung für viele Menschen weltweit.

Nun stehen wir vor den sichtbaren Abständen zwischen unseren Leben und sehen wie schon lange nicht mehr, was unter der Oberfläche unserer globalen Alltagsrealität verborgen ist. Wir sehen die gravierenden Unterschiede der divergierenden nationalen Entscheidungen über Leben und Tod. Wir erleben zeitgleich die Ungerechtigkeiten der sozioökonomischen globalen Verhältnisse, die Rückkehr und Festigung der nationalen Grenzen. Eine Safe-Space-Nationalstaatlichkeit, in der Reisende heim ins Land geholt werden, während schutzbedürftige Geflüchtete sich selbst überlassen bleiben. Wir erleben auch die Widersprüche unter den Aktiven in der Kunst, zwischen denjenigen, für die eine freischaffende Tätigkeit mit zum Freiheitsbegriff der Kunst gehört und jenen, welche die Kulturlandschaft und die Freiheit der Kunst institutionell sicherstellen.

Die Kultur als relevanter gesellschaftlicher Faktor ist in eine unbestimmte Pause geschickt. Ohne Publikum und Besucher*innen harrt die Kunst im Warteraum. Wir reiben uns die Augen und fragen: War die Kunstfreiheit real? Was bedeutet dieser Zustand für die Kunstfreiheit, was für die Kunst der Vielen und jeder*s Einzelnen? Ist es nicht gerade jetzt wichtig, sich die Kunstfreiheit zu nehmen, um auch außerhalb der gewohnten institutionellen Rahmen seiner Kunst und Haltung Raum zu verschaffen? Sich international zu vernetzen und zu solidarisieren?

Der Notstand zur Eindämmung der Pandemie schränkt Grund- und Freiheitsrechte wie das Versammlungsrecht bis weit in die persönliche Selbstbestimmung ein. Dabei sind sich die Regierungen nicht nur der Unterstützung der Opposition, sondern – sicherlich nicht zu Unrecht – von weiten Teilen der Bevölkerung sicher. Zurzeit ist der Parlamentarismus auf die Beschleunigung von notwendiger Abstimmung von Gesetzen zur Sicherung von Wirtschaft, Gesundheit und Schadensbegrenzung fixiert. Achten wir jedoch nicht nur auf uns und die Gesundheit aller, sondern auch darauf, dass diese Beschränkungen nicht dauerhafte Veränderungen der Grund- und Freiheitsrechte mit sich bringen, nicht bei uns und auch in keinem anderen Land.

Selten wurde so deutlich, dass politisches Handeln auch die Macht über Leben und Tod ist und das gilt vor allem mit Blick auf die EU-Außengrenzen, die Geflüchteten in Lagern und die Schutzsuchenden auf dem Mittelmeer - nicht erst seit Beginn der Pandemie. Gesundheit hat zu Recht einen hohen Stellenwert. DIE VIELEN beharren auf der Unversehrtheit und Würde aller, innerhalb und außerhalb Europas. Im Angesicht einer Pandemie, einer globalen Klimakrise und weltweiter Migration hilft keine enge nationalstaatliche Sicht, auch das gegenwärtige Europa zeigt sich als ein schlechter Versuch einer multinationalen Zusammenarbeit. Die globalen Aushandlungsmöglichkeiten haben keinen nationalen Souverän - in translokalen Zeiten eines internationalen Zusammenlebens sind wir VIELE. In Deutschland leben mehr als zehn Millionen Menschen ohne deutschen Pass1, in vielen Ländern ist die Bevölkerung
multinational geprägt, die Bewohner*innen müssen auf der Ebene der Regionen, Länder, Kontinente mitentscheiden können! Ein ‚Recht auf Rechte‘ darf nicht an die Passzugehörigkeit gebunden sein, sondern muss für jede*n dieser Erde in Form der Grundrechte wie eines Wahlrechts an seinem Lebensort Gültigkeit erhalten.

Europa war eine Antwort auf den ersten und zweiten Weltkrieg, den völkische Nationalisten, Faschisten und Rechtsextreme geführt hatten, begleitet von Motiven wie Antisemitismus, Rassismus, Xenophobie, Homophobie und vielfältiger Diskriminierung von politischem oder kulturellem Leben. Am 8. Mai 1945 endet diese Kriegszeit in Mitteleuropa mit der Befreiung und Niederschlagung des nationalsozialistischen Deutschlands. Fünf Jahre später wurde am 9. Mai 1950 die EU gegründet (Schuman-Erklärung). Zwei wichtige Daten für Erinnerung an Widerstand, Befreiung in Solidarität der Alliierten und den Versuch, die nationalstaatliche Verfasstheit der Länder nicht als die einzige Form der politischen Aushandlung anzusehen. Heute appelliert der UN-Generalsekretär António Guterres in bemerkenswerter Weise an den Frieden in der Welt angesichts der Gefahren durch die Pandemie.

Es wird Zeit für die UNITED EARTH, den Weltfrieden und neue Aushandlungsprozesse, die nicht allein durch eine Logik des Ökonomischen geprägt sind, sondern so etwas wie das Gemeinwohl aller in den Blick nehmen und auf Gleichberechtigung beruhen. DIE VIELEN stehen dafür, dass nach dieser globalen Krise nicht mehr alles so weiter laufen darf wie bisher! Es ist Zeit bei uns anzufangen: in unserer Region, unserem Land, Kontinent – zugleich gilt es, nicht auf diese Orte und Länder fixiert zu bleiben, sondern die Vielen im Blick zu haben. DIE VIELEN suchen nach neuen Wegen für eine derartige transnationale Gesellschaft, angefangen bei uns selbst, der Kunst und Kultur, bis in die globale Vernetzung.

Angesichts der offenen Fragen zu regionaler Produktion, Versorgung mit Nahrung und der Zugänglichkeit von Gesundheitsbedarf, erleben wir, was Fixierung auf ökonomische Vorteile Weniger bedeutet. Die großen Unterschiede in der sozialökonomischen Gerechtigkeit zwischen den Ländern, den Menschen, auch zwischen uns in der Kultur liegen offen: so ist die Freiheit von Formaten, Experiment und Scheitern zu häufig auf der Grundlage prekärer Lebenssituationen aufgebaut. Die Frage nach der Diversität von Bewohner*innen und der Repräsentation in der Kunst- und Kulturlandschaft ist keinesfalls gelöst. Das sind zwei konkrete Felder, in denen die Aktiven in der Kunst zeigen können, wie sie als Forschungslabor für die zukünftige, demokratische offene Gesellschaft agieren und mit vielen Institutionen, Kunst- und Kulturorten auf dem Weg der Kunst, die einen Raum zur Veränderung der Welt schafft, weiter vorangehen.

Am 8. Mai 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung und der Niederschlagung des nationalsozialistischen Deutschlands, von 18 bis 24 Uhr, und am 9. Mai, von 12:30 bis 13:30 Uhr, zum 70. Jahrestag der Europäischen Union, schaffen DIE VIELEN einen Möglichkeitsraum, eine Versammlung in der Zerstreuung. In über 32 Städten finden Aktionen im Stadtraum, in den Kulturorten, im Internet statt. Hunderte Menschen werden eine alternative „Europahymne der VIELEN“ singen, in ihren Wohnzimmern, auf den Balkonen, den Streams: Wir fordern dazu auf, niemanden zurückzulassen - nicht an den Grenzen, nicht in der Krise der Pandemie und nicht in den Wohnungen!

Die nächsten Glänzenden Aktionstage finden um den 9. November 2020 statt und in einem Jahr werden wir wieder am 8. Mai 2021 den Tag der Befreiung freudig erinnern und am 9. Mai für ein offenes EUROPA DER VIELEN streiten.

WIR SIND VIELE JEDE*R EINZELNE VON UNS!

PETITION DER VIELEN
#diebefreiungfeiern

»Der 8. Mai muss ein Feiertag werden. Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NSRegime gefeiert werden kann«, schrieb Esther Bejarano, Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in Deutschland, Überlebende von Auschwitz und Ravensbrück, in einem Offenen Brief zum 27. Januar 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee an Bundespräsident Steinmeier, Bundeskanzlerin Merkel und „alle, die wollen, dass Auschwitz nie wieder sei“. Ein solcher Feiertag würde helfen, »endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes«, so Bejarano, die 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert worden war und dort im Mädchenorchester spielte. Später zwangen die Nazis sie, auf einen der sogenannten Todesmärsche zu gehen, bei dem sie fliehen konnte.

Vierzig Jahre lang wurde in der Bundesrepublik Deutschland über das Kriegsende nur als „Zusammenbruch“ gesprochen. Erst die historische Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard v. Weizäcker am 8. Mai 1985 hatte dazu geführt, dass sich die offizielle Bezeichnung änderte.

Zehn Jahre später, zum 50. Jahrestag der Befreiung, wurde dieses Datum schließlich an verschiedenen Orten gefeiert, z. B mit einer großen Gala am Hamburger Thalia-Theater, die live im ZDF übertragen wurde und einem Bürger*innenfest auf dem historischen Paulsplatz in Frankfurt/M. Seit ein paar Jahren ist der Gedanke der Befreiungsfeier an verschiedenen Orten wieder aufgenommen worden, wie z.B. in Wien, wo das Mauthausen-Komitee jedes Jahr am 8. Mai ein „fest der freude“ auf dem Heldenplatz ausrichtet.

In diesem Jahr ist der 75. Jahrestag der Befreiung vom NS-Faschismus in Berlin zum einmaligen gesetzlichen Feiertag erklärt worden. Wir fragen uns: Warum nur in Berlin? Und warum nur einmalig? Wäre es nicht an der Zeit, diesen Tag bundesweit zum gesetzlichen Feiertag zu erklären? „Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten!“ meint Esther Bejarano.

Die Kulturinitiative der VIELEN, die für den 8./9. Mai zu „Glänzenden Aktionstagen“ aufrufen, unterstützen Esther Bejarano aus ganzem Herzen! Wir fordern die Unterzeichner*innen der ERKLÄRUNG DER VIELEN, fast 3500 Kunst- und Kulturinstitutionen, sowie alle Aktiven der Künste auf, sich gemeinsam mit den DGB-Gewerkschaften und vielen anderen zivilgesellschaftlichen Initiativen für die Einführung des 8. Mai als neuen gesetzlichen Feiertag einzusetzen und so viele Stimmen wie möglich zu sammeln! Bei den „Glänzenden Aktionstagen“ am 8./9. Mai 2020 werden wir die ersten Unterschriften dem Bundespräsidenten, der Bundesregierung und den Abgeordneten des Bundestages in Berlin symbolisch übergeben.

Wir glauben, es ist Zeit zu zeigen, dass die Bewohner*innen der Bundesrepublik bereit sind, eine Erinnerungskultur aus vielfältigen Perspektiven zu schaffen, um am 8. Mai gemeinsam die Befreiung zu feiern. Bietet doch dieser Tag die Gelegenheit, »über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken“, wie Esther Bejarano schreibt: „Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - und Schwesterlichkeit.“ Damit Auschwitz nie wieder sei – und dieses Land sich ändert!

#dievielen

Abschlusserklärung RATSCHLAG DER VIELEN in NÜRNBERG

Zum ersten RATSCHLAG DER VIELEN sind in Nürnberg über 200 Aktive aus der Kunst und Kulturlandsc haft aus Deutschland und Österreich zusammengekommen, die sich in 32 regionalen ERKLÄRUNGEN DER VIELEN für die Fortentwicklung einer freien und offenen Gesellschaft einsetzen. An die 3.000 Kunst und Kultureinrichtungen Kulturinitiativen sowie zahlreiche Künstler*innen, Freie Akteur*innen der Kunst aus allen Genres setzen damit seit genau einem Jahr ein glänzendes Zeichen gegen Rechtsextremismus, autoritären Populismus und die Versuche einer Renationalisierung der kulturellen Landschaft

Es gilt, die Kunstfreiheit als unveräußerliches Recht in einer demokratischen Gesellschaft zu verteidigen, die Verankerung der Kulturorte (Theater, Opernhäuser, Museen, Musikclubs, Bibliotheken, Galerien, Kulturhäuser, freien Spielstätten, Bildungseinrichtungen u vm.) in der Zivilgesellschaft zu stärken und ein solidarisches Netzwerk untereinander kontinuierlich zu festigen.
© Michael Lyra
Es geht zudem um die Frage nach den sozialen Veränderungsprozessen, die untrennbar mit der Rolle der Kunst in einer sich immer weiter ausdifferenzier enden Gesellschaft verbunden ist. In diesem Sinne arbeiten wir beispielsweise am Abbau von gesellschaftlicher Diskriminierung institutionellem Rassismus und gleichzeitig an der strukturellen Öffnung hin zu pluralen Gestaltungsprozessen als Labor für eine Kultur der VIELEN für eine Demokratie der VIELEN .

Mit Unruhe beobachten wir das Zunehmen eines menschenverachtenden, faschistisch geprägten Sprachgebrauchs in Medien, sozialen Netzwerken und bis in die Parlamente hinein. Ungehalten nehmen wir eine zune hmend gewalttätige, insbesondere rechtsextremistische Szene wahr, die nicht entschieden genug von Verfassungsschutz und Polizei bekämpft wird, wohl auch weil deren Netzwerke teilweise bis in diese staatlichen Institutionen reichen, wie zahlreiche in der le tzten Zeit öffentlich gewordene Fälle beispielsweise im NSU Verfahren oder die Hannibal Gruppe in der Bundeswehr belegen. Dabei stehen wir Partei organisationen entgegen, die rechtmäßig als Faschisten benennbare Politiker zu ihrer Mitte erklären und damit deutlich machen, dass sie zurecht als antidemokratisch und rechtsradikal zu bezeichnen sind. Solche Parteien können daher nicht Teil des demokratischen Meinungsbildungsdiskurses sein.

Den mit diesen kurzen Sätzen beschriebenen Gefahren für eine offene und freie Gesellschaft mit Widerstand und Entschlossenheit, aber auch Empathie und Solidarität entgegenzutreten, ist erklärtes Ziel DER VIELEN.
© Michael Lyra
© Michael Lyra
Daher rufen DIE VIELEN für den 8. und 9. Mai 2020 zu GLÄNZENDEN AKTIONSTAGEN auf, um die Debatte über die Forten twicklung der Demokratie in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Glänzende Aktionstage, die den 75. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus und die Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Gedenken würdig feiern und am folgenden Tag, dem Europatag ein offenes EUROPA DER VIELEN proklamieren durchaus verbunden mit der Idee, diese beiden Daten als Erinnerungs und Gedenktage im kollektiven Bewusstsein zu verankern.

Denn dies ist die andere große Aufgabe, der wir uns mit unseren Aktionen stellen wollen: Das eigene Selbstverständnis als DIE VIELEN zu konkretisieren, indem wir als Gegenbild zu den düsteren Bedrohungsszenarien von rechts in unseren höchst diversen Netzwerken und Praktiken künstlerischen wie politischen Strategien sichtbar machen, wer das alles ist, sein kann, sein will: DIE VIELEN.
Und weil dies ein offener, pluraler und auf Teilhabe wie Teilnahme zielender Prozess ist, der sich nicht in der Nennung einzelner Gruppen und Positionen erschöpf t, wollen wir diese Frage nach den VIELEN derart in den Raum stellen, dass sie zur Partizipation einlädt: Lasst uns alle zusammen immer weiter und immer neu beantworten, wer DIE VIELEN sein können, indem wir sichtbar, hörbar, erfahrbar machen, in welchen Kontexten, Allianzen, Perspektiven und Horizonten wir arbeiten, kämpfen, streiten, uns gegenseitig stärken und manchmal auch aneinander scheitern. Wie wir zusammengehören (können). Wer dabei (noch) fehlt Und auch, wer, trotz aller Aufmerksamkeit, vergessen oder verloren gegangen sein mag. Für diese Aufgabe erscheint uns die Methode der Selbst Öffnung (der eigenen Institutionen, Praxen und Strukturen) ein geeigneter Weg. Erst wenn der Raum einer solchen Öffnung wirklich entsteht, wird es für andere, mithin möglichst VIELE ANDERE, überhaupt mög lich, sich einzubringen, sich zu positionieren, teilzunehmen und Teil zu haben. Wer werden WIR in einem solchen Verständnis gewesen sein?

Wir wollen uns diesen Fragen im buchstäblichen Sinne öffnen. Das ist die konkrete Arbeit, jeden Tag, bis zum 8./9. Mai 2020 und darüber hinaus. Wir wollen als DIE VIELEN an diesen beiden Tagen regionale Erinnerungs Feiern für eine Gesellschaft von morgen realisieren. Mit Happenings gegen den Hass und für die SCHÖNHEIT DER VIELFALT. Mit künstlerischen Mitteln gegen die Angst und für die FREIHEIT DER KUNST. GLÄNZENDE AKTIONSTAGE, die wir nicht nur im Kreis der Aktiven in Kunst und Kultur begehen wollen, sondern in der Mitte unserer Stadtgesellschaften und in den äußersten Peripherien. Denn die Kunst ist nie in der Mitte und sie ist nie nur eine!

KUNST BLEIBT VIELE*

FÜR EIN EUROPA DER VIELEN
UNITE & SHINE

RATSCHLAG DER VIELEN NÜRNBERG, 17.11.2019

BADEN-WÜRTTEMBERGER
ERKLÄRUNG DER VIELEN

Als Kunst- und Kulturschaffende in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. In diesem Land wurde schon einmal Kunst als entartet diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil - unter ihnen auch viele Kulturschaffende.

Heute begreifen wir die Kunst und ihre Einrichtungen als offene Räume, die Vielen gehören. Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen. Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n.

Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteurinnen dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechte und nationalistische Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur. Ihr verächtlicher Umgang mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Kunst- und Kulturschaffenden, mit allen Andersdenkenden und Anderslebenden verrät, wie sie mit der Gesellschaft umzugehen gedenken, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern würden. Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung sind Alltag. Die extreme Rechte ist ein Symptom davon.

• Wir führen den offenen, aufklärenden, kritischen Dialog über rechte Strategien und gestalten diesen Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum in der Überzeugung, dass alle Unterzeichnenden den Auftrag haben, unsere Gesellschaft als eine demokratische fortzuentwickeln.

• Wir fördern im Sinne der Demokratie Debatten, bieten jedoch kein Podium für völkischnationalistische Propaganda.

• Wir wehren jegliche Versuche der Rechtspopulist*innen ab, Kulturveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

• Wir solidarisieren uns mit Menschen, die durch rechte Ideologien immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

DIE KUNST IST FREI.