Europa Ensemble

Ab dem 12. Dez 19 ist das Projekt 1
des Europa Ensembles "Imaginary Europe (UA)"
wieder im Kammertheater zu sehen.
(c) Michalis Archontidis
Das Europa Ensemble besteht aus sechs jungen Schauspieler*innen – je zwei von ihnen kommen aus Deutschland, Polen und Kroatien. Sie sind eingeladen, ihre eigene Vision von Europa zu entwerfen. Was setzen wir dem drohenden Scheitern des Projekts Europa entgegen? Wie können wir Europa neu denken? Was ist unsere Utopie?

Adrian Pezdirc (Kroatien), Jaśmina Polak (Polen), Jan Sobolewski (Polen), Claudia Korneev (Deutschland), Tina Orlandini (Kroatien), Tenzin Kolsch (Deutschland)

Die Idee

Wir haben ein Europa Ensemble gegründet! Zusammen mit dem Nowy Teatr Warschau, dem Zagreb Youth Theatre und dem Nationaltheater Athen als assoziiertem Partner schafft das Schauspiel Stuttgart eine gelebte Utopie. Während das europäische Projekt vielerorts zunehmend in Frage gestellt wird, macht eine Gruppe von Schauspieler*innen und Regisseur*innen u.a. aus Kroatien, Bosnien, Polen, Griechenland und Deutschland über einen längeren Zeitraum zusammen europäisches Theater.

Den Auftakt entwarf und inszenierte  der künstlerische Leiter des Ensembles, Oliver Frljić mit der Inszenierung Imaginary Europe (UA). Als Wanderer zwischen den Welten, der sowohl in Osteuropa als auch in Deutschland arbeitet, ist er für die Leitung des Ensembles prädestiniert. Für die folgenden Inszenierungen des Europa Ensembles lädt Frljić innovative Kulturschaffende unterschiedlicher Herkunft ein, um Theater zu machen – für ein neues Europa.

Das zweite Projekt des Europa Ensembles Erazm / Erasmus (UA) inszeniert die französisch-polnische Regisseurin Anna Smolar im Juli 2019 am Nowy Theatr in Warschau. Beim dritten Projekt Vječni malograđanin / Der ewige Spießer (nach Motiven aus Horváths gleichnamigem Roman) im Oktober 2019 am Zagreb Youth Theatre wird der griechische Anestis Azas die Regie übernehmen. Im März 2020 wird die junge bosnische Theatermacherin Selma Spahić im Kammertheater mit dem Projekt 4 des Europa Ensembles einen Blick auf die Zukunft des europäischen Projekts werfen. Welche Werte könnte ein europäisches „Wir“, trotz individueller und nationaler Identitäten, heute konstruieren? Für Ende 2019/20 bzw. Anfang 2020/21 ist abschließend eine Werkschau mit allen Produktionen des Europa Ensembles in Stuttgart geplant.

Eine Zusammenarbeit zwischen dem Schauspiel Stuttgart, dem Nowy Teatr, Warschau, und dem Zagreb Youth Theatre (Zagrebačko kazalište mladih) sowie dem Nationaltheater Athen als assoziiertem Partner.

Gefördert durch die
und

Vječni malograđanin / Der ewige Spießer

Projekt 3 des Europa Ensembles

Nach dem gleichnamigen Roman von Ödön von Horváth

Das Europa Ensemble erzählt den Roman Der ewige Spießer aus dem Jahr 1930 nicht als ein historisches Märchen von früher, als alles anders war als heute. Die Inszenierung von Anestis Azas entwirft einen polyglotten und rhythmisch-musikalischen „Road Trip“ durch Europa, der die vielfältigen Verstrickungen zwischen Damals und Jetzt spürbar macht.

Ähnlich wie sich das Europa Ensemble über die Grenzen der einzelnen Nationen hinweg bewegt und in verschiedene Sprachräume eintaucht, geht es der Hauptfigur im Roman Der ewige Spießer. Alfons Kobler ist ein kleiner Gelegenheitsganove, der damit kokettiert, ein erfolgreicher Kaufmann zu sein. Er ist noch nie aus seiner Stadt herausgekommen, betrügt gerne die Frauen und arbeitet ebenso gerne nichts.  Nach einem gelungenen Betrugsgeschäft hat er Geld in der Tasche und macht sich zum ersten Mal in seinem Leben auf den Weg ins Ausland. Ziel seiner Reise ist Barcelona, wo 1929 die große Weltausstellung stattfindet.  Dort hofft er, eine reiche Frau zu finden, die ihm ein arbeits- und sorgenfreies Leben schenken wird. In zahlreichen Begegnungen durchlebt Alfons Koblers nun seine Reise-Abenteuer auf der Fahrt durch ein Europa, das zwischen verschiedenen politischen Lagern hin und her gerissen ist. Er trifft auf italienische Polizisten, traurige Idealisten und radikale Kapitalisten, auf Spitzel, gescheiterte Existenzen und engagierte Europäer.
Fotos: Zagreb Youth Theatre (ZKM)
Wie ein roter Faden zieht sich die Frage nach Europa durch Koblers Reise in dieser Umbruchsphase zwischen den beiden Weltkriegen. Und wir, die Zuschauer fast hundert Jahre später, können mit Staunen feststellen, wie all die Themen, die uns heute nach der erfolgreichen Errichtung eines gemeinsamen europäischen Hauses beschäftigen, schon damals aktuell waren: Die Grenzkontrollen und die Fremdenfeindlichkeit, der Chauvinismus  und Rassismus, die Hackordnung zwischen den großen und den kleinen Nationen, die Sonderstellung Großbritanniens und die offensichtlichen Missverständnisse in der Kommunikation aufgrund einer fehlenden gemeinsamen Sprache.

Zwischen den schillernden Figuren mit ihren eindeutigen Haltungen, auf die Alfons Kobler trifft, muss er seine eigene Position behaupten. Und die besteht aus nichts anderem als aus dem Wunsch, reich zu werden. Ansonsten hat er keine großen Meinungen zur Welt. Er ist weder politisch engagiert, noch dezidiert unpolitisch, er ist nicht links und nicht rechts. Wie ein Chamäleon passt er sich den jeweiligen Bedingungen an. Er hat keine Hemmung, sich je nach Gesprächspartner als überzeugten Faschisten zu präsentieren und kurz darauf als überzeugten Paneuropäer. Hauptsache er kann sich durch alle Lebenslagen schadlos hindurch manövrieren.

Diese Meinungslosigkeit macht den neuen modernen Spießer aus, den das Europa Ensemble zeigt. Er ist nicht mehr der rigide Kleinbürger, der alles unter Kontrolle haben muss und nichts in seinem Leben darf sich ändern. Sondern der nach allen Seiten anpassungsfähige Mitläufer, der seine Fahne mit dem Wind dreht und bereit ist, auf jeden Trend aufzuspringen. Dass es am Ende ein amerikanischer Kapitalist ist, der dem europäischen Spießer den sicher geglaubten Schatz entreißt, ist eine hübsche Schlusspointe. Oder doch bittere Realität – damals in präfaschistischen genauso wie heute in postkommunistischen Zeiten?
Inszenierung: Anestis Azas
Romanadaption und Dramaturgie: Armin Kerber
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Marta Žegura
Video: Lovro Mrđen
Musik: Alen Sinkauz, Nenad Sinkauz
Licht: Aleksandar Čavlek
Übersetzung: Ivana Jurić

Mit dem Europa Ensemble: Tenzin Kolsch, Claudia Korneev, Tina Orlandini, Adrian Pezdirc, Jaśmina Polak, Jan Sobolewski 

Premiere: Do – 10. Okt 19
Ort: Zagreb Youth Theatre
Weitere Vorstellungen in Zagreb: 11., 12., 13. Okt, 1. und 2. Dez 19
Zur Website des Zagreb Youth Theatre


Eine Koproduktion von Schauspiel Stuttgart, Nowy Teatr, Warschau und Zagreb Youth Theatre (Zagrebačko kazalište mladih).
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.

Über die Premiere schrieb die Kritikerin Snježana Pavić in der kroatischen Zeitung Jutarnji List

"…eine dynamische und visuell ansprechende Vorstellung mit großartigen Schauspielern …. Perfekt aufeinander eingespielt, machen [sie] auch die Vielfalt der Theaterkulturen ihrer Herkunftsländer für das Publikum erlebbar. Das Ergebnis ist eine besondere Bühnenpräsenz und Ausdruckskraft."

ERAZM / ERASMUS (UA)

Projekt 2 des Europa Ensembles

Ein theatral-musikalisches Porträt des Erasmus von Rotterdam, dem Vater des europäischen Humanismus

Gibt es in der Diskussion über Europa noch Raum für humanistische Ideen? Und was passiert, wenn wir das humanistische Denken in den Mittelpunkt der Betrachtung über die europäische Utopie stellen? Können wir noch an das spirituelle Bündnis glauben, das Erasmus in einem – wahrscheinlich naiven – Gefühl von Verantwortung für diese hohen Ideale vorgeschlagen hat? Können wir immer noch zu politischem und sozialem Handeln bewegt werden, zur Bildung von Gemeinschaften, deren einziges Aufnahmekriterium es ist, ein Mensch zu sein? 
Das Stück konfrontiert Erasmus mit der Gemeinschaft der Erasmus-Stipendiat*innen, die an jenem Austauschprogramm teilnehmen, das zu Ehren dieses großen Denkers konzipiert wurde – scheinbar die letzte Hoffnung in unseren Bemühungen, Europa zu retten. Können die Studierenden des Erasmus-Projekts die Rolle der Missionar*innen der europäischen Hoffnung übernehmen und bei all ihren Schritten die Theorien über den Zerfall dieser schönen Utopie widerlegen? Oder vielleicht sind sie eine Gemeinschaft mit ganz anderen Zielen? Sind wir noch in der Lage Erasmus‘ Botschaften zu hören?

Eine Koproduktion von Schauspiel Stuttgart, Nowy Teatr, Warschau und Zagreb Youth Theatre (Zagrebačko kazalište mladih). Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.


Inszenierung: Anna Smolar
Text: Michał Buszewicz
Bühne und Kostüme: Anna Met
Musik: Jan Duszyński
Video: Liubov Gorobiuk, Anna Smolar & Ensemble
Licht: Jaqueline Sobiszewski
Übersetzung: Marek Kuźmierski

Mit dem Europa Ensemble: Tenzin Kolsch, Claudia Korneev, Tina Orlandini, Adrian Pezdirc, Jaśmina Polak, Jan Sobolewski 

Uraufführung: Do – 11. Jul 19
Ort: Nowy Teatr, Warschau
Weitere Vorstellungen: 12., 13. und 14. Jul 19
Fotos: Maurycy Stankiewicz

Imaginary Europe (UA)

Projekt 1 des Europa Ensembles

Mit Texten von Peter Weiss, J.B. Savigny und Alexandre

Corréard, Walter Benjamin und Heiner Müller

In Imaginary Europe macht sich Oliver Frljić mit seinem Ensemble auf die Suche nach einem theatralischen Utopia. Im Angesicht des Erstarkens rechtspopulistischer Bewegungen in Europa, zunehmender Intoleranz und den Herausforderungen moderner Migrationsgesellschaften fragen wir nach der Verantwortung von Intellektuellen und Künstler*innen. Mit Peter Weiss und seiner Ästhetik des Widerstands werfen wir einen Blick auf zwei Schlüsselwerke der Malerei und damit auf verschiedene Aspekte der Französischen Revolution: Was ist aus dem Ideal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geworden? Biographisches Material der Schauspieler*innen führt das Publikum mitten hinein in die Widersprüche unserer unübersichtlichen Gegenwart. Ist der europäische Traum noch zu retten?

Eine Koproduktion von Schauspiel Stuttgart, Nowy Teatr, Warschau und Zagreb Youth Theatre (Zagrebačko kazalište mladih). Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.

Konzept, Inszenierung und Bühne: Oliver Frljić
Kostüme: Sandra Dekanić
Licht: Jörg Schuchardt
Dramaturgie: Carolin Losch
Übertitel: Agnieszka Fietz
Übersetzung: Marek Kuźmierski

Mit dem Europa Ensemble: Tenzin Kolsch, Claudia Korneev, Tina Orlandini, Adrian Pezdirc, Jaśmina Polak, Jan Sobolewski 

Uraufführung: Mi – 10. Apr 19
Ort: Schauspiel Stuttgart
Fotos: Björn Klein

Oliver Frljić, der beim ersten Projekt des Europa Ensembles im April in Stuttgart Regie führte, spricht über die Mehrsprachigkeit der Inszenierung:

"Das Projekt wurde als Koproduktion zwischen drei EU-Ländern konzipiert: Kroatien, Polen und Deutschland. Allerdings wollte ich bei Imaginary Europe nicht auf ethnozentrische Identitäten eingehen. Stattdessen war ich an der Möglichkeit interessiert, zumindest für einen Moment ein transnationales Europa zu kreieren – ein Europa, das sich gegen die Logik nationaler Homogenisierung und die kapitalistische Logik der Profitmaximierung wendet. Die Schauspieler*innen sind nicht an ihre nationale Herkunft gebunden. Sie sprechen zwar teilweise ihre Muttersprachen, aber das Theater ermöglicht meiner Meinung nach trotzdem eine andere Art der Kommunikation, die von Nationalsprachen losgelöst ist. Ich komme aus einer Theatertradition, die stark an Interkulturalität interessiert ist – und natürlich auch am Scheitern dieser Bemühungen. Oftmals verbirgt sich hinter dem Versuch interkultureller Kunstprojekte nur eine perfidere Form des Eurozentrismus: Was lässt sich am ehesten auf dem internationalen Festivalmarkt verkaufen?"

KICK-OFF Meeting in Athen


Vom 17. bis 19. Februar fand das gemeinsame Kick-Off Meeting aller Beteiligten statt, bei dem das Ensemble erstmals zusammenkam. Gastgeber war das Nationaltheater Athen als assoziierter Partner des Europa Ensembles. Zudem war die Ortswahl durchaus symbolisch zu verstehen: Athen und Griechenland als Wiege der Demokratie und gleichzeitig als aktueller Schauplatz einer umstrittenen EU-Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik.

Für die französisch-polnische Regisseurin Anna Smolar, die das zweite Projekt des Europa Ensembles im Sommer am Nowy Teatr in Warschau inszenieren wird, war der Kick-Off in Athen vielversprechend:

„Es ist sehr schön zu sehen, wie das Europa Ensemble nun zum Leben erwacht. Schon beim ersten Aufeinandertreffen der Schauspieler*innen gestern konnte man merken, dass sie eine gemeinsame Sprache finden werden. In gewisser Weise ist das ganz natürlich, weil Schauspieler*innen immer – selbst wenn sie aus unterschiedlichen kulturelle, sozialen oder politischen Kontexten kommen – einen Weg finden, auch ohne Worte zu kommunizieren. Unsere sechs Ensemblemitglieder sprechen sehr gut Englisch, aber schon die ersten Improvisationen beim Workshop heute Morgen haben gezeigt, wie sie im Miteinander und aus dem gemeinsamen Austausch heraus Material entwickeln. Darin steckt sehr viel Potential. In den nächsten zwei Jahren wird das Ensemble in jedem Land Erfahrungen sammeln, mit unterschiedlichen Situationen konfrontiert werden und herausfinden, was uns das jeweils über Europa erzählt. Das ist eine sehr reichhaltige Erfahrung und ich bin in gewisser Weise neidisch, weil die Schauspieler*innen am Ende die meisten Erfahrungen von uns allen gesammelt haben werden. Die ganze Unternehmung ist wirklich außergewöhnlich und ich bin sehr aufgeregt und neugierig auf das, was kommt.“


Im Fokus stand der Austausch über die jeweilige Theaterarbeit in Warschau, Zagreb, Stuttgart und die Konkretisierung der Zusammenarbeit im Rahmen des Europa Ensembles. Außerdem gab es für das Ensemble erste Proben-Workshops unter der Leitung der Regisseur*innen der ersten drei Produktionen, Oliver Frljić, Anna Smolar und Anestis Azas. Die inhaltliche Auseinandersetzung wurde u.a. angeregt durch Begegnungen mit Athener Aktivisten der Flüchtlingshilfe und gegen Rechtspopulismus, mit einer Politikwissenschaftlerin zum Thema Gender, Gewalt, Migration sowie griechischen Theatermachern.

Der griechische Theatermacher Anestis Azas, der beim dritten Projekt des Europa Ensembles im Herbst in Zagreb die Regie übernehmen wird, fügt hinzu:

„In den drei Tagen konnten wir uns auch mit unterschiedlichen Menschen aus Athen austauschen über Themen und Probleme, die uns in ganz Europa auf ähnliche Weise beschäftigen: zum Beispiel die zunehmende Gefahr, die von rechtspopulistischen und rechtsextremen Bewegungen ausgeht, und die Frage nach dem richtigen Umgang mit Geflüchteten. Wir versuchen eine gemeinsame Sprache zu finden. Ich bin sehr froh mit dem Europa Ensemble zusammenzuarbeiten und ich finde, es ist eine Herausforderung, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Sprachen und auch unterschiedliche Theatertraditionen zu einem utopischen Projekt zu vereinen. Es war ein sehr produktives Treffen und ich bin nun gespannt auf die Proben.“
Fotos: Michalis Archontidis