3 Fragen an Achim Freyer

Achim Freyer, geboren 1934 in Berlin, ist Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner und bildender Künstler. Er studierte Malerei und Grafik in Berlin und war Meisterschüler von Bertolt Brecht.
1972 übersiedelte er nach West-Berlin und begann mit eigenen Arbeiten als Regisseur. Seine Inszenierungen führten ihn an die großen Theater Europas, nach Amerika und Südkorea. Er erhielt für sein Bühnenschaffen zahlreiche Preise und Auszeichnungen. In der Spielzeit 2018/19 inszeniert er Der goldene Topf am Schauspiel Stuttgart.

Interview: Sarah Rindone

„Der goldene Topf“ ist eigentlich kein Theaterstück, sondern ein Kunstmärchen. Sie haben sich dazu entschieden, die Geschichte nicht 1:1 zu erzählen. Was hat Sie stattdessen am Stoff interessiert?

Der Stoff beschreibt das dringende Bedürfnis, die großen Themen des Lebens zu erforschen. Jeder Mensch sucht sich Fluchtwege, um aus der Ferne die Nähe zu betrachten, das ist auch heute noch unser Zustand. Der Ich-Erzähler sind wir alle, sowie alle Figuren auf der Bühne. Der Zuschauer wird nicht zum Voyeur gemacht, nicht wie im Fernsehen oder in Filmen, wo der Zuschauer mitgezogen wird. Im Goldenen Topf dichtet er mit, ergänzt und sucht sich die Punkte, an denen er mit sich einverstanden ist. Diese Spiegelung wird durch die Bühne, die aus lauter Spiegeln besteht, betont. Sie erzeugt ein Prisma und einen Kristall, die die Brechung des Lichts auf spektakuläre Weise sichtbar macht. Die verschiedenen Farben und die Metapher des Kosmos sowie die Frage nach der Wahrheit der Natur, all das und noch viel mehr, vereint das Stück.

Kostüme und Masken spielen eine groẞe Rolle in Ihrer Inszenierung. Warum ist Ihnen die Maskierung der Figuren so wichtig?

Weil ich glaube, dass alle Figuren archetypisch sind und deshalb die Gefahr mit den naturalistischen Gesichtern der Schauspieler*innen darin besteht, dass man die Künstlichkeit des Wortes, des Theaters und der Musik durch Alltagsvisionen in der Tiefe nicht erreicht. Das kann dann schnell in der reinen Nachahmung der Wirklichkeit enden. Wir wollen aber etwas über Wirklichkeit sagen, und sie nicht nur imitieren. Dazu kommt, dass die Figuren im Goldenen Topf ja in einem dauerhaften Wechsel zwischen verschiedenen Identitäten stecken. Hier helfen uns die verschiedenen Masken und Kostüme zu einer blitzschnellen Verwandlung in eine andere Figur.

Was hat es mit dieser übergroẞen Mädchenmaske, die die Musikerin Anne-Maria Hölscher trägt, auf sich? Woher kommt sie und wer ist sie?

Die Mädchenmaske habe ich in irgendeinem Theaterfundus gefunden, und durch Übermalung und Betonung anderer Elemente hat sie jetzt diesen Ausdruck. Ich habe in Italien mal ein Volksfest erlebt, bei dem Kinder auf riesigen Akkordeoninstrumenten spielten – da haben gerade so die Köpfe herübergeschaut. Das wollte ich hier mit der Akkordeonistin  als Gallionsfigur aufgreifen.