Iwanow

nach Anton Tschechow
in einer neuen Bearbeitung von Robert Icke
Deutsch von John Birke
Karten
https://www.schauspiel-stuttgart.de/ Schauspiel Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart
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Schauspielhaus
Dauer – ca. 2:10 Std, keine Pause
Premiere
So – 17. Nov 19
Karten
https://www.schauspiel-stuttgart.de/ Schauspiel Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart
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Nikolas lebt mit seiner Frau Anna in einer Provinzstadt. Gelangweilt von der Gegenwart und vereinsamt in seiner Ehe, ist er sich selbst ein Rätsel. Anna ist Jüdin, die für ihren Ehemann zum Christentum konvertierte und daraufhin von ihren Angehörigen verstoßen wurde. Lieben kann Nikolas sie längst nicht mehr, und selbst als er von ihrem Arzt erfährt, dass sie unheilbar erkrankt ist – was die beiden ihr verheimlichen –, fühlt er sich nicht verantwortlich. Nikolas versteht nicht, was mit ihm vorgeht. Anstatt seiner Frau beizustehen, flieht er ihre Gesellschaft und verbringt die Abende immer öfter bei seinen Nachbarn, wo sich die junge Sascha in ihn verliebt. Als diese ihm ein neues Leben verspricht, wächst in ihm ein unbestimmtes Schuldgefühl, das ihm den Glauben an die Zukunft nimmt.
Robert Ickes Bearbeitung bringt Tschechows Figuren in die Gegenwart. Dabei bleiben sie Gefangene einer Zwischenzeit, die spüren, dass etwas ohne ihr Zutun zu Ende gegangen ist und etwas Neues sich seinen Weg bahnt, dem sie aber nicht mehr angehören werden. Iwanow ist ein gescheiterter Intellektueller, zu getrieben für das Alltägliche, aber zu träge für das Außergewöhnliche, weil er nicht in der Lage ist, an etwas zu glauben.
Inszenierung
Kostüme
Wojciech Dziedzic
Video
Tim Reid
Sound Design
Joe Dines
Dramaturgie

Pressestimmen

Deutschlandfunk Kultur heute
Cornelie Ueding, 18. Nov 19
"Wer hätte gedacht, dass in Tschechows tieftraurigem Stück über die sterbende Anna und ihren bindungs-, halt- und gefühllosen Mann eine veritable Komödie steckt: Eine Komödie mit finalem Rettungsschuss und einem starken Schuss schräger Klamotte."

"Nervige Selbstbezichtigung wechselt mit verbiestertem Überlebenswillen und hochmütiger Abkehr. Und Benjamin Grüter als Stuttgarter Iwanow spielt jede Nuance aus und liefert zugleich ein komplettes Szenarium der Widersprüche…."

"Die ebenso kluge wie leichtfüßige Regie ... nimmt dem Stück jede pathetische Wucht und Schwere und erlaubt es den brillanten Stuttgarter Schauspielern, alle Varianten von Tristesse bis zur Klamotte zu entfalten. Jede Szene steuert auf den emotionalen Kipppunkt zu, und unter allen Figuren öffnet sich ein doppelter Boden. … Icke zeigt, dass dieser Egomane ein Jedermann ist, und mit seinen vehement betriebenen Ausbuchsversuchen letztlich nur schlichte Klischees bedient, die uns allen glatt von der Zunge gehen. … Und so finden sich die hingerissenen Zuschauer an diesem überraschenden Abend wie in einem Spiegelkabinett ihrer selbst wieder."

Kultura extra
Thomas Rothschild, 18. Nov 19
"Das Ergebnis freilich ist geeignet, auch Skeptiker zu überzeugen. Denn Icke gelingt es, bei aller Entfernung von den Versionen des gedruckten Textes beziehungsweise von deren deutschen Übersetzungen und bei aller Übertragung in ein undefinierbares Heute die typische ambivalente Stimmung von Tschechows erster und vielleicht düsterster Komödie zu bewahren. Das gelingt ihm in erster Linie durch ein ausgeprägtes Gespür für ein fast schon vergessenes Element des Theaters, für Timing und Rhythmus. Virtuos spielt Icke mit langen Pausen und mit Stille. Sie sind für die "Melodie" der Inszenierung nicht weniger wichtig als die vom Ensemble differenziert gesprochenen Dialoge."

"Es ist ein bemerkenswerter Theaterabend geworden, ein Schauspielerfest – hervorgehoben sei Michael Stiller … –, und eine ziemlich genaue, weil nicht übertreibende und auf psychologische Erklärungen verzichtende Studie eines depressiven Charakters."

Zur vollständigen Kritik
Südkurier
Johannes Bruggaier, 19. Nov 19
"Je konsequenter Hoffmann seinen moralischen Ansprüchen zu genügen versucht, desto verdächtiger erscheint er seiner Umgebung. Es ist dieser Widerspruch, aus dem Robert Icke mit seiner geradezu dreist poppigen Entschlackung des romantischen Duktus komödiantische Momente gewinnt. Wie sich die moralische Selbstgewissheit des gutmenschelnden Arztes nach und nach als blanke Eifersucht entpuppt, wie Sascha mit ihrer Schwärmerei die Eltern provoziert, und wie Peter versucht, seinen Freund mit naiver Küchenpsychologie wieder in die Spur zu bringen: Das alles ist von einer bittersüßen, erhellenden Komik. Sprachpuristen mögen ob der schnoddrig heutigen Dialoge die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wer die Sache entspannter sieht, erfreut sich an einer schlüssigen Deutung dieses Klassikers mit einem wunderbar pointensicheren Michael Stiller in der Rolle des unbeholfenen Beobachters, einer jugendlich selbstbewussten Nina Siewert als Sascha und einer glaubhaft leidenden Paula Skorupa als Anna."

"Am Beispiel des modernen Iwanow namens Hoffmann zeigt sich nicht nur die Depression eines Einzelnen, sondern einer ganzen Gesellschaft. Die einen verstecken sie hinter Moral, die anderen hinter ihrem Geld. Gemeinsam ist ihnen allen die Unsicherheit, die Einsamkeit und die Angst vor der großen Aufgabe, ein selbstbestimmtes Leben führen zu müssen."

Zur vollständigen Kritik
Stuttgarter Zeitung
Nicole Golombek, 19. Nov 19
"Das Ensemble hat eine hervorragende Kondition. Tschechows Welt ist bevölkert von skurrilen Figuren. Mit herrlich schneidendem Tonfall, blasierter Miene und schick toupiertem Haar gibt Marietta Meguid Sinaida die reiche und geldgierige Gattin von Peter Lehmann. Michael Stiller spielt aufs Amüsanteste den unterjochten Ehemann, der einen roten Kopf zu bekommen meint, wenn er Nikolas daran erinnern soll, seine Zinsschulden zu bezahlen."