Ein Volksfeind

von Henrik Ibsen
Karten
https://www.schauspiel-stuttgart.de/ Schauspiel Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart
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Schauspielhaus
Dauer – ca. 1:35 Std, keine Pause
Premiere
Sa – 24. Sep 22
Karten
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Viel Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung verspricht das neue Kurbad einer verschuldeten Kleinstadt. Touristen und Badegäste sollen in den Ort gelockt werden. Dann aber macht der Badearzt Tomas Stockmann eine Entdeckung: Das vermeintlich heilende Wasser ist verseucht. Schuld daran ist pikanterweise der giftige Schlamm aus der Gerberei seines Schwiegervaters, der durch schlampig verlegte Zuflussrohre ins Badewasser gelangt. Aber damit nicht genug, auch das Trinkwasser der Stadt scheint davon betroffen – ein Umweltskandal, der es in sich hat.
Was die Stadtpolitik zu vertuschen versucht, will Stockmann an die Öffentlichkeit bringen. Sein Bruder, Bürgermeister der Stadt, möchte das mit aller Kraft verhindern. Denn die Stadt würde so ihre einzige Einnahmequelle verlieren, die Schulden würden steigen, Arbeitsplätze gingen verloren – seine Wiederwahl wäre gefährdet. Das aber lässt Stockmann nicht gelten: Recht, Wahrheit und die Gesundheit aller stehen für ihn an oberster Stelle, müssen über Macht- und Wirtschaftsinteressen den Sieg davontragen, sonst drohe der Verfall der Gesellschaft und das Land sei dem Untergang geweiht. Er ruft eine „Revolution“ aus, die einzig mögliche, radikale Lösung, um gegen die Lüge und die Dummheit ins Feld zu ziehen. Aber die Mehrheit der Bürgerschaft, Presse und Politik setzen sich zur Wehr und erklären Stockmann zum Volksfeind. Ein moderner Kohlhaas gegen den Rest der Welt? Der Kampf Stockmanns um Wahrheit und Freiheit ist also noch lange nicht zu Ende.

Je schwächer die demokratische Gesellschaft, desto größer ihre Anfälligkeit für Radikallösungen. Ein Volksfeind, 1883 geschrieben, gehört zu den Meisterdramen des norwegischen Schriftstellers Henrik Ibsen (1828–1906). Er zeigt darin, wie eng Eigeninteresse, Freiheitsrechte und Wahrheitsfindung mit politischem Handeln verstrickt sind und dass die Demokratie verloren hat, wenn sie nur noch Sache Einzelner ist.

Pressestimmen

Südwest Presse
Otto Paul Burkhardt, 26. Sep 22
Die Regie schafft es, allen Figuren eine gewisse Ambivalenz zu verleihen, ohne die Moralfronten zu verwischen. [...]
Fazit: Kein wohlfeiles Schwarz-Weiß, keine Aufpimp-Effekte. Karg und klug inszeniert.

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Ludwigsburger Kreiszeitung
Arnim Bauer, 26. Sep 22
Intendant Burkhard C. Kosminski […] hat aus dem letztlich zwar brisanten aber passagenweise auch betulich daherkommenden Gesellschaftsdrama eine munter dahineilende, aufs Wesentliche fokussierte, kurzweilige Inszenierung gezaubert. Dazu hat er das Stück gründlich entrümpelt, hat gleich einmal die Hälfte der Personen eingespart, hat Handlungsstränge gekappt, hat zentriert und betont, was ihm wichtig erscheint.

[…] eine Steilvorlage für Matthias Leja, [der] die ganze Ambivalenz der Figur des Arztes so großartig aufzufächern weiß.

Hier der Kampf gegen eine träge Bürgerschaft, die vor allem auf ihren Wohlstand achtet, dort die Auseinandersetzung der beiden Brüder. Das genügt allemal, um einen kurzweiligen Abend zu garantieren, der sich pointiert auf ganz exakt definierte Konflikte beschränkt. Die Inszenierung lebt auch davon, wie einerseits Matthias Leja mit seinem geradezu opulenten Repertoire den Arzt gibt, in diesem explizit alle Konflikte eines ambitionierten Menschen zwischen Moral, Eiferertum, ja Fanatismus, Pragmatismus und letztlich eigenem Vor- und Nachteil ausbreitet. Ein Dilemma, das man heute auch bei den meisten Politikern und vielen Aktivisten beobachten kann.

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Online Merker
Alexander Walther, 24. Sep 22
In der subtilen Regie von Burkhard C. Kosminski […] werden die heftigen Auseinandersetzungen auf der drehbaren Bühne nicht verleugnet.

Sozialkritische Anklage und beissende Satire wechseln sich ab, was die Schauspieler überzeugend über die Rampe bringen. Matthias Leja gelingt es als Doktor Tomas Stockmann, seine grenzenlose Verzweiflung über eine verlogene Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. […] Starke Charaktere sind bei dieser dramaturgisch dichten Aufführung ferner Klaus Rodewald als Redakteur des „Volksboten“ sowie Marco Massafra als undurchsichtiger Verleger Aslaksen, die Tomas Stockmann schließlich eiskalt fallenlassen. „Journalisten sind Arschgeigen“, bekennt Hovstad selbst. Matthias Leja als Tomas Stockmann kann seiner Rolle elektrisierende Ausdruckskraft verleihen. Heinrich George und Werner Krauß waren berühmte Darsteller dieser Figur – aber Matthias Leja setzt bei seiner Interpretation durchaus eigenständige Akzente mit vielen Facetten.

Die Ähnlichkeit Tomas Stockmanns zu Peer Gynt arbeitet Burkhard C. Kosminski einfühlsam heraus. Auch dieser Held sucht die wahre Heimat, sehnt sich nach Seelenruhe. Und doch wird er auch hier den Nimbus des unverbesserlichen Idealisten und Narren nicht los.

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