Johannes Pinneberg und Emma, genannt Lämmchen, sind jung, verliebt und heiraten, da sie ein Kind erwarten. Sie sind voller Hoffnung auf ein bescheidenes Glück, ein geregeltes Leben als kleine Familie Anfang der 1930er Jahre in Deutschland. Sie versuchen nicht mehr und nicht weniger, als ein gutes, ein anständiges Leben zu führen, sehen sich aber durch die Verhältnisse der Zeit, in der sie leben, daran gehindert. Massenarbeitslosigkeit, mangelnde soziale Absicherung, Prekarisierung, politische Polarisierung, gewaltsame Arbeitsverhältnisse und Abhängigkeiten bestimmen ihr Leben und das vieler anderer. Sie bleiben tapfer, nehmen Rückschläge hin, finden immer wieder neue Hoffnung und müssen doch feststellen: Will man aufrichtig bleiben in dieser Welt, entkommt man der Abwärtsspirale am Ende nicht.
Hans Fallada gelang mit seinem 1932 erschienen Roman der literarische und internationale Durchbruch. Kleiner Mann – was nun? wurde zu einem Schlüsselwerk der Neuen Sachlichkeit, die sich um die nüchterne und ungeschönte Beschreibung der sozialen und politischen Realität ihrer Zeit bemühte. Doch ebendiese ursprüngliche Version des Romans, die Nachtleben, Rausch, Sexarbeit, Freikörperkultur, Nacktheit abbildet oder Fragen der Enthaltsamkeit vor der Ehe und während der Schwangerschaft behandelt, erschien erst im Jahr 2016.
Zino Wey inszeniert Falladas großen Zeitroman in der Schärfe seiner Urfassung mit den zwei Schauspieler*innen Boris Burgstaller und Gabriele Hintermaier. Es ist dies die Abschlussproduktion der beiden langjährigen Ensemblemitglieder, die sich zum Ende der Spielzeit 2026/27 in den Ruhestand verabschieden. In dieser Gegenbesetzung verkörpern sie nicht nur die jungen Protagonist*innen, sondern mithilfe offensiver Kostümwechsel auch alle weiteren Figuren aus dem umfangreichen Figurenpersonal. Der Regisseur zeigt das Paar im wahrsten Sinne gezeichnet durch die Widrigkeiten der Zeit und durch jene, die von ihr profitieren. Pinneberg und Lämmchen werden in jugendlicher Aufrichtigkeit von den Ereignissen überrollt. Figuren wie der sadistische Chef oder die tyrannische Mutter tönen schräg, fratzenhaft und gewaltvoll auf sie ein.
Die Grammophon- und Stummfilmästhetik des Sound- und Videodesigns schaffen den Rückbezug in die Entstehungs- und Handlungszeit des Romans. Doch darüber hinaus schauen wir, schauen sich die Spieler*innen gegenseitig dabei zu, wie sie den Verhältnissen und ihrer Ausweglosigkeit ratlos gegenüberstehen. Damals wie heute. Die Bühne auf der Bühne wird zum Spielfeld, das bewusst betreten und wieder verlassen werden kann oder muss, das andererseits aber auch ihre Spuren hinterlässt. So eignen sie sich Falladas Geschichte und die Figuren an, ergreifen die Initiative oder verlieren die Hoheit über die Erzählung, suchen nach Antworten und fragen sich und uns ganz direkt: Was nun?
Die existenziellen Fragen, die sich das Paar stellen muss – nach dem nächsten Gehalt, bezahlbarem Wohnraum und einer Zukunftsperspektive –, haben nicht an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil. In Zino Weys Inszenierung reflektiert der Blick ins Damals notwendigerweise zurück ins Heute. Auch unsere Zeiten sind wieder rau geworden: Polarisierung, Zeitenwende, Vibe Shift, sind die Schlaglichter unserer Zeit. Aktueller denn je scheinen darin die erlebte Ohnmacht, die Verlorenheit und die Sorgen eines Johannes Pinneberg – einer von Millionen.
Linda Graf
Hans Fallada gelang mit seinem 1932 erschienen Roman der literarische und internationale Durchbruch. Kleiner Mann – was nun? wurde zu einem Schlüsselwerk der Neuen Sachlichkeit, die sich um die nüchterne und ungeschönte Beschreibung der sozialen und politischen Realität ihrer Zeit bemühte. Doch ebendiese ursprüngliche Version des Romans, die Nachtleben, Rausch, Sexarbeit, Freikörperkultur, Nacktheit abbildet oder Fragen der Enthaltsamkeit vor der Ehe und während der Schwangerschaft behandelt, erschien erst im Jahr 2016.
Zino Wey inszeniert Falladas großen Zeitroman in der Schärfe seiner Urfassung mit den zwei Schauspieler*innen Boris Burgstaller und Gabriele Hintermaier. Es ist dies die Abschlussproduktion der beiden langjährigen Ensemblemitglieder, die sich zum Ende der Spielzeit 2026/27 in den Ruhestand verabschieden. In dieser Gegenbesetzung verkörpern sie nicht nur die jungen Protagonist*innen, sondern mithilfe offensiver Kostümwechsel auch alle weiteren Figuren aus dem umfangreichen Figurenpersonal. Der Regisseur zeigt das Paar im wahrsten Sinne gezeichnet durch die Widrigkeiten der Zeit und durch jene, die von ihr profitieren. Pinneberg und Lämmchen werden in jugendlicher Aufrichtigkeit von den Ereignissen überrollt. Figuren wie der sadistische Chef oder die tyrannische Mutter tönen schräg, fratzenhaft und gewaltvoll auf sie ein.
Die Grammophon- und Stummfilmästhetik des Sound- und Videodesigns schaffen den Rückbezug in die Entstehungs- und Handlungszeit des Romans. Doch darüber hinaus schauen wir, schauen sich die Spieler*innen gegenseitig dabei zu, wie sie den Verhältnissen und ihrer Ausweglosigkeit ratlos gegenüberstehen. Damals wie heute. Die Bühne auf der Bühne wird zum Spielfeld, das bewusst betreten und wieder verlassen werden kann oder muss, das andererseits aber auch ihre Spuren hinterlässt. So eignen sie sich Falladas Geschichte und die Figuren an, ergreifen die Initiative oder verlieren die Hoheit über die Erzählung, suchen nach Antworten und fragen sich und uns ganz direkt: Was nun?
Die existenziellen Fragen, die sich das Paar stellen muss – nach dem nächsten Gehalt, bezahlbarem Wohnraum und einer Zukunftsperspektive –, haben nicht an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil. In Zino Weys Inszenierung reflektiert der Blick ins Damals notwendigerweise zurück ins Heute. Auch unsere Zeiten sind wieder rau geworden: Polarisierung, Zeitenwende, Vibe Shift, sind die Schlaglichter unserer Zeit. Aktueller denn je scheinen darin die erlebte Ohnmacht, die Verlorenheit und die Sorgen eines Johannes Pinneberg – einer von Millionen.
Linda Graf
Im Gespräch
mit Zino Wey (Regie, Bühne), Lukas Huber (Musik) und Pascale Martin (Kostüm)
Linda Graf: Zino, worin liegt für dich der Reiz, Fallada heute für die Bühne zu adaptieren?
Zino Wey: Fallada beschreibt eine Gesellschaft, die von multiplen Krisen, sozialer Unsicherheit und einem Verlust des solidarischen Miteinanders geprägt ist. Und er stellt die Frage, was diese soziale Unsicherheit und der Verlust der Kontrolle über das eigene Leben mit den Menschen macht. Mittendrin stehen Lämmchen und Pinneberg, die mit großer Aufrichtigkeit versuchen, ihren Weg in dieser Zeit und Welt zu finden. Obwohl sich für sie die Spirale nur abwärts dreht, geben sie sich dem Impuls des Destruktiven und Zerstörerischen nicht hin.
Die Aufrichtigkeit und diese Solidarität berühren uns heute vielleicht gerade so sehr, weil wir dies in der heutigen Zeit so sehr vermissen.
Der Roman hat eine erschreckende Aktualität. Und gleichzeitig ist es auch so, dass man nicht einfach sagen könnte, die Geschichte wiederholt sich immer genau gleich. Vielmehr können wir unsere Gegenwart in diesem fast 100 Jahre alten Text entdecken und ihn auch als Warnung lesen.
Kleiner Mann – was nun? spielt in den frühen 1930er Jahren, hat jedoch eine gewisse Zeitlosigkeit. Wie geht die Inszenierung ästhetisch damit um, etwa im Sound- oder Kostümdesign?
Lukas Huber: Für den Sound arbeiten wir primär mit musikalischem Material aus den 1930er Jahren, wobei dies einerseits bedeutet, dass Aufnahmen aus der Zeit gesampelt werden, aber auch, dass wir Musik aus der Zeit neu für unser Setting arrangiert haben.
Wir haben uns also dem ‚Vibe‘ der Zeit nicht nur auf der textlichen, sondern auch auf musikalischer Ebene ausgeliefert und in der Begegnung damit erfahren und reflektiert, in welchem Verhältnis wir heute dazu stehen, wie sich das heute anfühlt.
Pascale Martin: Beim Kostüm versuche ich, ein zeitloses Bild herzustellen, bzw. aus teilweise ganz alten riesigen Hosen aus dem Fundus wieder einen modernen Look zu kreieren. Dabei finde ich die Einfachheit der Kleidungsstücke wichtig. Es sind Basics, die die Körper dezent kleiden, sodass es pur bleibt und ich mich als Zuschauer*in auch darin erkennen kann.
Wie steht es mit der Bühne?
ZW: Gleiches gilt für meine Arbeit als Bühnenbildner. Mich interessiert dabei immer die Frage, wie ich einen Raum erfinden kann, der einen Einfluss auf die Körper der Spielenden nimmt und dabei nicht nur eine bestimmte Zeit oder ein Milieu vorgibt. Oder wie ein Bild oder eine Metapher entstehen kann, die den Stoff auf einer intuitiven Ebene selbst noch einmal reflektiert. An diesem Abend haben die Spielenden nicht einfach ein Podest, auf dem sie die Geschichte erzählen können. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto tiefer geraten auch ihre Körper in diese Welt hinein. Sie versinken in ihr und tragen ihre Spuren zunehmend an sich.
Zino, du hast selbst die Fassung geschrieben – Wie kondensiert man einen Roman von rund 500 Seiten auf eine spielbare Fassung für einen Theaterabend?
ZW: Bei der Entwicklung meiner Inszenierungen interessiert mich immer sehr, wie wir auch in der Form auf einer weiteren Ebene die Geschichte verhandeln und erzählen können.
Mit zwei Spielenden einen Zugriff und eine Umsetzung für diesen dicken Roman auf der Bühne zu finden, beschreibt für mich auch viel von dem Überforderungsgefühl, das die Protagonist*innen durchleben. Ein bisschen bleibt es eine Zumutung – die aber gleichzeitig viel Spielfreude birgt. Zweites hat sich in den Proben zum Glück bewahrheitet. Ich will gemeinsam mit meinem ganzen Team einen Theaterabend erfinden, der die Zuschauenden einlädt, etwas Neues zu erleben und über unsere Gegenwart nachzudenken. Meine Fassung stützt sich dabei sehr stark auf Falladas Text, setzt aber in ihrer Kondensierung eigene Schwerpunkte und begegnet dem Text mit einer sehr eigenen Konzeption.
Der Abend wird von zwei Spieler*innen allein bestritten – inwieweit unterstützt das Sound-Konzept dabei, den Kosmos der umfangreichen Geschichte bei Fallada aufzublättern?
LH: Die Musik spannt sich über den gesamten Theaterabend – wie bei unseren Zusammenarbeiten als Regieteam üblich. Dabei nimmt sie verschiedene Formen an: Sie kann etwa in akustischer, akustisch-haptischer, szenischer, textlicher oder geräuschhafter Form auftreten, wobei mit diesen Mitteln Inhalte auf ganz eigene Art verhandelt und ergänzt werden können, was zur Erschließung dieses komplexen Kosmos beitragen kann.
Es gibt einerseits die üblichen raumgreifenden Zuspielungen, als auch – durch die Schauspielenden – live performte Musik sowie akustisch-haptische Elemente, indem einzelne Requisiten in Vibration versetzt werden und immer mal wieder ins szenische und akustische Bühnengeschehen eingreifen.
Es gibt je nach Figur einige opulente Kostümteile, aber gerade die Protagonist*innen haben eher zurückhaltende Kostüme. Was hat es damit auf sich?
PM: Das spannende an dem Roman ist, dass er so geschrieben ist: Pinneberg und Lämmchen werden sehr vorsichtig und liebevoll beschrieben und die Nebenfiguren haben was viel Gröberes, Lauteres, Holzschnittartiges. Diese Figuren schieben sich ungefragt in Lämmchens und Pinnebergs Leben und machen sich breit. Und das hab ich versucht, auch in den Kostümen wiederzugeben. Es sind einzelne Kostümteile, die sehr groß und opulent sind und klar sichtbar als Zeichen für die jeweilige Figur stehen. Die zurückgenommen Farbigkeit passt in den Grundraum, auf die Kostüme kann projiziert werden und sie können auch gut sichtbar eingeschmutzt werden.
Bemerkenswert in dieser Setzung ist, dass mit Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller zwei deutlich ältere Spieler*innen das explizit junge Paar Lämmchen und Pinneberg spielen. Geht die Inszenierung, zum Beispiel mit dem Kostümbild, darauf ein?
PM: Nein, das Kostümbild geht nicht darauf ein, bzw. arbeite ich einfach mit den Körpern, die da sind. Ich finde diese Purheit oft so bezaubernd, weil die Gesichter und die Körper in den unterschiedlichen Momenten wieder ganz verschieden wirken. Mal sehe ich diese junge Paar vor mir, welches das komplette Leben noch vor sich hat und dann sehe ich wieder ein älteres Paar, dass schon viel erlebt hat, und beides ist toll und macht unterschiedliche Fragen auf ... Und auch das Surrealistische, wenn Gabriele einen sehr echt aussehenden Schwangerenbauch trägt, ist toll. Man fragt sich, ist das Niederknien nun anstrengend, weil der Bauch schon so groß ist oder vielleicht auch durch das Alter? So überlagern sich immer wieder die Bilder und Sehgewohnheiten... und die Dinge sind nicht so eindeutig. Wie es im Leben ist.
ZW: Die Setzung mit den beiden Spielenden, die erst einmal eine große Distanz zu den Protagonist*innen haben, stand für mich ganz am Anfang schon fest. Einerseits haben für mich die beiden Figuren im Roman in ihrer unbeirrbaren Aufrichtigkeit eine große Zeitlosigkeit und manchmal fast etwas Altes. Gleichzeitig haben wir mit Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller zwei Spielende, die eben das Jugendliche nie verloren haben. Und genau diese Reibungsfläche öffnet für mich ein Tor in die Gegenwart, die den Stoff noch aktueller macht.
Zino Wey: Fallada beschreibt eine Gesellschaft, die von multiplen Krisen, sozialer Unsicherheit und einem Verlust des solidarischen Miteinanders geprägt ist. Und er stellt die Frage, was diese soziale Unsicherheit und der Verlust der Kontrolle über das eigene Leben mit den Menschen macht. Mittendrin stehen Lämmchen und Pinneberg, die mit großer Aufrichtigkeit versuchen, ihren Weg in dieser Zeit und Welt zu finden. Obwohl sich für sie die Spirale nur abwärts dreht, geben sie sich dem Impuls des Destruktiven und Zerstörerischen nicht hin.
Die Aufrichtigkeit und diese Solidarität berühren uns heute vielleicht gerade so sehr, weil wir dies in der heutigen Zeit so sehr vermissen.
Der Roman hat eine erschreckende Aktualität. Und gleichzeitig ist es auch so, dass man nicht einfach sagen könnte, die Geschichte wiederholt sich immer genau gleich. Vielmehr können wir unsere Gegenwart in diesem fast 100 Jahre alten Text entdecken und ihn auch als Warnung lesen.
Kleiner Mann – was nun? spielt in den frühen 1930er Jahren, hat jedoch eine gewisse Zeitlosigkeit. Wie geht die Inszenierung ästhetisch damit um, etwa im Sound- oder Kostümdesign?
Lukas Huber: Für den Sound arbeiten wir primär mit musikalischem Material aus den 1930er Jahren, wobei dies einerseits bedeutet, dass Aufnahmen aus der Zeit gesampelt werden, aber auch, dass wir Musik aus der Zeit neu für unser Setting arrangiert haben.
Wir haben uns also dem ‚Vibe‘ der Zeit nicht nur auf der textlichen, sondern auch auf musikalischer Ebene ausgeliefert und in der Begegnung damit erfahren und reflektiert, in welchem Verhältnis wir heute dazu stehen, wie sich das heute anfühlt.
Pascale Martin: Beim Kostüm versuche ich, ein zeitloses Bild herzustellen, bzw. aus teilweise ganz alten riesigen Hosen aus dem Fundus wieder einen modernen Look zu kreieren. Dabei finde ich die Einfachheit der Kleidungsstücke wichtig. Es sind Basics, die die Körper dezent kleiden, sodass es pur bleibt und ich mich als Zuschauer*in auch darin erkennen kann.
Wie steht es mit der Bühne?
ZW: Gleiches gilt für meine Arbeit als Bühnenbildner. Mich interessiert dabei immer die Frage, wie ich einen Raum erfinden kann, der einen Einfluss auf die Körper der Spielenden nimmt und dabei nicht nur eine bestimmte Zeit oder ein Milieu vorgibt. Oder wie ein Bild oder eine Metapher entstehen kann, die den Stoff auf einer intuitiven Ebene selbst noch einmal reflektiert. An diesem Abend haben die Spielenden nicht einfach ein Podest, auf dem sie die Geschichte erzählen können. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto tiefer geraten auch ihre Körper in diese Welt hinein. Sie versinken in ihr und tragen ihre Spuren zunehmend an sich.
Zino, du hast selbst die Fassung geschrieben – Wie kondensiert man einen Roman von rund 500 Seiten auf eine spielbare Fassung für einen Theaterabend?
ZW: Bei der Entwicklung meiner Inszenierungen interessiert mich immer sehr, wie wir auch in der Form auf einer weiteren Ebene die Geschichte verhandeln und erzählen können.
Mit zwei Spielenden einen Zugriff und eine Umsetzung für diesen dicken Roman auf der Bühne zu finden, beschreibt für mich auch viel von dem Überforderungsgefühl, das die Protagonist*innen durchleben. Ein bisschen bleibt es eine Zumutung – die aber gleichzeitig viel Spielfreude birgt. Zweites hat sich in den Proben zum Glück bewahrheitet. Ich will gemeinsam mit meinem ganzen Team einen Theaterabend erfinden, der die Zuschauenden einlädt, etwas Neues zu erleben und über unsere Gegenwart nachzudenken. Meine Fassung stützt sich dabei sehr stark auf Falladas Text, setzt aber in ihrer Kondensierung eigene Schwerpunkte und begegnet dem Text mit einer sehr eigenen Konzeption.
Der Abend wird von zwei Spieler*innen allein bestritten – inwieweit unterstützt das Sound-Konzept dabei, den Kosmos der umfangreichen Geschichte bei Fallada aufzublättern?
LH: Die Musik spannt sich über den gesamten Theaterabend – wie bei unseren Zusammenarbeiten als Regieteam üblich. Dabei nimmt sie verschiedene Formen an: Sie kann etwa in akustischer, akustisch-haptischer, szenischer, textlicher oder geräuschhafter Form auftreten, wobei mit diesen Mitteln Inhalte auf ganz eigene Art verhandelt und ergänzt werden können, was zur Erschließung dieses komplexen Kosmos beitragen kann.
Es gibt einerseits die üblichen raumgreifenden Zuspielungen, als auch – durch die Schauspielenden – live performte Musik sowie akustisch-haptische Elemente, indem einzelne Requisiten in Vibration versetzt werden und immer mal wieder ins szenische und akustische Bühnengeschehen eingreifen.
Es gibt je nach Figur einige opulente Kostümteile, aber gerade die Protagonist*innen haben eher zurückhaltende Kostüme. Was hat es damit auf sich?
PM: Das spannende an dem Roman ist, dass er so geschrieben ist: Pinneberg und Lämmchen werden sehr vorsichtig und liebevoll beschrieben und die Nebenfiguren haben was viel Gröberes, Lauteres, Holzschnittartiges. Diese Figuren schieben sich ungefragt in Lämmchens und Pinnebergs Leben und machen sich breit. Und das hab ich versucht, auch in den Kostümen wiederzugeben. Es sind einzelne Kostümteile, die sehr groß und opulent sind und klar sichtbar als Zeichen für die jeweilige Figur stehen. Die zurückgenommen Farbigkeit passt in den Grundraum, auf die Kostüme kann projiziert werden und sie können auch gut sichtbar eingeschmutzt werden.
Bemerkenswert in dieser Setzung ist, dass mit Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller zwei deutlich ältere Spieler*innen das explizit junge Paar Lämmchen und Pinneberg spielen. Geht die Inszenierung, zum Beispiel mit dem Kostümbild, darauf ein?
PM: Nein, das Kostümbild geht nicht darauf ein, bzw. arbeite ich einfach mit den Körpern, die da sind. Ich finde diese Purheit oft so bezaubernd, weil die Gesichter und die Körper in den unterschiedlichen Momenten wieder ganz verschieden wirken. Mal sehe ich diese junge Paar vor mir, welches das komplette Leben noch vor sich hat und dann sehe ich wieder ein älteres Paar, dass schon viel erlebt hat, und beides ist toll und macht unterschiedliche Fragen auf ... Und auch das Surrealistische, wenn Gabriele einen sehr echt aussehenden Schwangerenbauch trägt, ist toll. Man fragt sich, ist das Niederknien nun anstrengend, weil der Bauch schon so groß ist oder vielleicht auch durch das Alter? So überlagern sich immer wieder die Bilder und Sehgewohnheiten... und die Dinge sind nicht so eindeutig. Wie es im Leben ist.
ZW: Die Setzung mit den beiden Spielenden, die erst einmal eine große Distanz zu den Protagonist*innen haben, stand für mich ganz am Anfang schon fest. Einerseits haben für mich die beiden Figuren im Roman in ihrer unbeirrbaren Aufrichtigkeit eine große Zeitlosigkeit und manchmal fast etwas Altes. Gleichzeitig haben wir mit Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller zwei Spielende, die eben das Jugendliche nie verloren haben. Und genau diese Reibungsfläche öffnet für mich ein Tor in die Gegenwart, die den Stoff noch aktueller macht.
Leider ein Welterfolg
Hans Fallada über „Kleiner Mann – was nun?“
An den Nachmittagen und Abenden, in den bedrücktesten Tagen meines Lebens, schrieb ich dies Buch. Ich war ziemlich hart gewöhnt, aber bis dato hatte nur mein eigener Buckel die Schläge des Schicksals hinnehmen müssen. Jetzt hatten wir beide daran zu tragen, und auch der Sohn war bedroht. Das war viel schwerer. Für seine eigenen Torheiten zahlen müssen, das leuchtet ein. Aber wenn andere für den allerpersönlichsten Blödsinn büßen sollen, das ist bitter.
Und doch sind wir glücklich gewesen, auch in diesen Tagen, unendlich glücklich, genau wie wir in unsern beiden Zimmern hinter „Kupferberg Gold“ glücklich gewesen waren.
Wir sind nicht etwa immer mürrisch und versorgt und rechnend herumgeschlichen. Nein, ein Glanz lag auf diesen Tagen, Sternenlicht. Unser Häuschen in Altenhagen, wer wohnt heute darin? Wird er auch so erfolgreich Tomaten bauen wie wir? Wir hatten sechs Tomatenpflanzen im Garten, und wir ernteten über einen Zentner Tomaten! Wir pflanzten unsere ersten Obstbäume, zwei an der Zahl! Wir führten einen erbitterten Krieg wegen der wirtschaftlich untragbaren Zentralheizung. Wir stritten und freuten uns zusammen, wir lebten ein Leben, wir bewunderten unsern Sohn und waren sehr streng mit ihm, um ihn nicht zu verwöhnen!
Und alles lief sich zurecht. Über die schlimmste Zeit halfen meine Eltern fort, es halfen auch Beiträge für Zeitungen, ich schrieb Geschichten. Immer wieder kam ein bisschen Geld ein. Unterdes war „Bauern, Bonzen und Bomben“ in der Zeitung erschienen, an allen Anschlagsäulen hatte das große schwarzweißrote Plakat geklebt: Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben! Ich hatte davorgestanden, keinen Groschen in der Tasche, und hatte gedacht: Das ist also der Ruhm! Dein Name auf jeder Anschlagsäule und der Gerichtsvollzieher im Anmarsch! Dies erinnerte doch ein bisschen gar zu sehr an den armen Dichter in der Dachkammer, dem der Hunger den Pegasus beflügelt. So genau hatte ich es eigentlich gar nicht erleben wollen. Außerdem war ich ein Schriftsteller und kein Dichter.
Alles lief sich zurecht! Der Verlag wurde saniert, ich bekam mein Geld, bezahlte meine Schulden, ich behielt sogar noch Geld über. Wir waren Herren auf eigenem Grund und Boden, mit den beiden Handkoffern war es vorbei! Wenn wir das nächste Mal umzogen, brauchten wir schon einen Möbelwagen. Und unterdes war Kleiner Mann – was nun? fertig geworden, und mein Verleger schwor, dies Buch werde ein Welterfolg sein!
Die Gefahren, die uns von außen drohen, sind gering gegen die aus unserm Innern. Wir selbst bereiten uns immer wieder die größten Überraschungen. Der Kleine Mann wurde ein Welterfolg – ich muss leider sagen: leider. Das Geld strömte nur so herbei. Wir hatten von zweihundertzwanzig Mark glücklich gelebt, unsere Sorgen fingen an, als wir plötzlich über große Summen zu verfugen hatten. Suses Sorgen fingen da an, ich selbst verlor völlig den Kopf.
Der Übergang war zu plötzlich, aus dem Sparsamen, dem Überängstlichen wurde ein Verschwender. Ich gab das Geld auf die sinnloseste Weise aus, es konnte ja nicht alle werden, es strömte immer weiter. Nicht schnell genug konnte ich es ausgeben. Nächtelang saß ich in den dümmsten Bars, hielt das halbe Lokal frei und fuhr mit einem schweren Kopf heim. Ich bekam für mein Geld nichts anderes als Kopfschmerzen, Arbeitsunlust, Reue, Gewissensbisse. Und fing doch wieder an.
Suse hielt getreulich zu mir. Sie machte alle diese Fahrten mit, sie brachte mich nach Haus, sie legte mich ins Bett, sie tröstete mich in meinem Kater. Sie verlor nie den Mut. Sie erhob nie Einwendungen gegen die Art, wie ich das Geld verschwendete: Es war ja mein Geld, ich hatte es verdient.
Und dabei brachte sie es allmählich fertig, dass ich zur Einsicht kam, so konnte es nicht weitergehen. Sie fasste mich bei meiner Liebe zum Landleben, ich war viele Jahre meines Lebens Landwirt gewesen. Sie erzählte mir von einem Haus auf dem Lande, von einem Garten, vom Vieh, vom Wasser, an dem wir wohnen würden. Wahrhaftig, der Grüne Winkel in Altenhagen, wo wir hausten, war ihr ans Herz gewachsen. Aber der Grüne Winkel lag zu nahe bei Berlin, bei Bars, sie war bereit, ihn aufzugeben.
Schließlich fing ich an, nach „etwas“ zu suchen, noch ohne rechte Überzeugung, in großen Zeitabständen. Ich inserierte, ich verhandelte mit Maklern, ich fuhr über Land. Aber ich fand nichts Geeignetes. Was uns vorschwebte, musste so viel vereinen. Es musste ganz still und ländlich liegen, nur keine Siedlung, nichts Halbstädtisches. Es musste Wasser haben, direkt am Hause, und Wald. Es musste eine kleine Landwirtschaft dabei sein, gerade so viel, dass sie mir neben meiner Schreiberei Beschäftigung gab, ein Gegengewicht gegen das Papier. Und das Wohnhaus musste etwas mehr als ein Häuschen sein: Wir waren wieder im Begriff, unsere Familie zu vergrößern. Wir brauchten fünf, sechs Zimmer, endlich sollte der Hausherr ein Arbeitszimmer für sich allein haben.
In jener Zeit waren wir beide eigentlich krank. Der Suse, die Zwillinge erwartete, machte ihr Zustand rechte Beschwerden, und ich hatte meine Nerven und meinen Schlaf ziemlich durch mein unsinniges Nachtleben ruiniert. Wir führten gar keinen Haushalt mehr, Altenhagen war verlassen, wir hausten in einer Berliner Pension und warteten auf den Landsitz, der da kommen sollte. Er musste jetzt ziemlich rasch kommen, sonst war unser Geld alle. Die erste große Flut war vorüber, das Geld floss sachter, andere „Welterfolge“ hatten den meinen abgelöst.
Fallada, Hans, Berliner Abenteuer. Herausgegeben von Ingrid Feix. Berlin: BeBra Verlag, 2025, S. 132 – 135.
Und doch sind wir glücklich gewesen, auch in diesen Tagen, unendlich glücklich, genau wie wir in unsern beiden Zimmern hinter „Kupferberg Gold“ glücklich gewesen waren.
Wir sind nicht etwa immer mürrisch und versorgt und rechnend herumgeschlichen. Nein, ein Glanz lag auf diesen Tagen, Sternenlicht. Unser Häuschen in Altenhagen, wer wohnt heute darin? Wird er auch so erfolgreich Tomaten bauen wie wir? Wir hatten sechs Tomatenpflanzen im Garten, und wir ernteten über einen Zentner Tomaten! Wir pflanzten unsere ersten Obstbäume, zwei an der Zahl! Wir führten einen erbitterten Krieg wegen der wirtschaftlich untragbaren Zentralheizung. Wir stritten und freuten uns zusammen, wir lebten ein Leben, wir bewunderten unsern Sohn und waren sehr streng mit ihm, um ihn nicht zu verwöhnen!
Und alles lief sich zurecht. Über die schlimmste Zeit halfen meine Eltern fort, es halfen auch Beiträge für Zeitungen, ich schrieb Geschichten. Immer wieder kam ein bisschen Geld ein. Unterdes war „Bauern, Bonzen und Bomben“ in der Zeitung erschienen, an allen Anschlagsäulen hatte das große schwarzweißrote Plakat geklebt: Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben! Ich hatte davorgestanden, keinen Groschen in der Tasche, und hatte gedacht: Das ist also der Ruhm! Dein Name auf jeder Anschlagsäule und der Gerichtsvollzieher im Anmarsch! Dies erinnerte doch ein bisschen gar zu sehr an den armen Dichter in der Dachkammer, dem der Hunger den Pegasus beflügelt. So genau hatte ich es eigentlich gar nicht erleben wollen. Außerdem war ich ein Schriftsteller und kein Dichter.
Alles lief sich zurecht! Der Verlag wurde saniert, ich bekam mein Geld, bezahlte meine Schulden, ich behielt sogar noch Geld über. Wir waren Herren auf eigenem Grund und Boden, mit den beiden Handkoffern war es vorbei! Wenn wir das nächste Mal umzogen, brauchten wir schon einen Möbelwagen. Und unterdes war Kleiner Mann – was nun? fertig geworden, und mein Verleger schwor, dies Buch werde ein Welterfolg sein!
Die Gefahren, die uns von außen drohen, sind gering gegen die aus unserm Innern. Wir selbst bereiten uns immer wieder die größten Überraschungen. Der Kleine Mann wurde ein Welterfolg – ich muss leider sagen: leider. Das Geld strömte nur so herbei. Wir hatten von zweihundertzwanzig Mark glücklich gelebt, unsere Sorgen fingen an, als wir plötzlich über große Summen zu verfugen hatten. Suses Sorgen fingen da an, ich selbst verlor völlig den Kopf.
Der Übergang war zu plötzlich, aus dem Sparsamen, dem Überängstlichen wurde ein Verschwender. Ich gab das Geld auf die sinnloseste Weise aus, es konnte ja nicht alle werden, es strömte immer weiter. Nicht schnell genug konnte ich es ausgeben. Nächtelang saß ich in den dümmsten Bars, hielt das halbe Lokal frei und fuhr mit einem schweren Kopf heim. Ich bekam für mein Geld nichts anderes als Kopfschmerzen, Arbeitsunlust, Reue, Gewissensbisse. Und fing doch wieder an.
Suse hielt getreulich zu mir. Sie machte alle diese Fahrten mit, sie brachte mich nach Haus, sie legte mich ins Bett, sie tröstete mich in meinem Kater. Sie verlor nie den Mut. Sie erhob nie Einwendungen gegen die Art, wie ich das Geld verschwendete: Es war ja mein Geld, ich hatte es verdient.
Und dabei brachte sie es allmählich fertig, dass ich zur Einsicht kam, so konnte es nicht weitergehen. Sie fasste mich bei meiner Liebe zum Landleben, ich war viele Jahre meines Lebens Landwirt gewesen. Sie erzählte mir von einem Haus auf dem Lande, von einem Garten, vom Vieh, vom Wasser, an dem wir wohnen würden. Wahrhaftig, der Grüne Winkel in Altenhagen, wo wir hausten, war ihr ans Herz gewachsen. Aber der Grüne Winkel lag zu nahe bei Berlin, bei Bars, sie war bereit, ihn aufzugeben.
Schließlich fing ich an, nach „etwas“ zu suchen, noch ohne rechte Überzeugung, in großen Zeitabständen. Ich inserierte, ich verhandelte mit Maklern, ich fuhr über Land. Aber ich fand nichts Geeignetes. Was uns vorschwebte, musste so viel vereinen. Es musste ganz still und ländlich liegen, nur keine Siedlung, nichts Halbstädtisches. Es musste Wasser haben, direkt am Hause, und Wald. Es musste eine kleine Landwirtschaft dabei sein, gerade so viel, dass sie mir neben meiner Schreiberei Beschäftigung gab, ein Gegengewicht gegen das Papier. Und das Wohnhaus musste etwas mehr als ein Häuschen sein: Wir waren wieder im Begriff, unsere Familie zu vergrößern. Wir brauchten fünf, sechs Zimmer, endlich sollte der Hausherr ein Arbeitszimmer für sich allein haben.
In jener Zeit waren wir beide eigentlich krank. Der Suse, die Zwillinge erwartete, machte ihr Zustand rechte Beschwerden, und ich hatte meine Nerven und meinen Schlaf ziemlich durch mein unsinniges Nachtleben ruiniert. Wir führten gar keinen Haushalt mehr, Altenhagen war verlassen, wir hausten in einer Berliner Pension und warteten auf den Landsitz, der da kommen sollte. Er musste jetzt ziemlich rasch kommen, sonst war unser Geld alle. Die erste große Flut war vorüber, das Geld floss sachter, andere „Welterfolge“ hatten den meinen abgelöst.
Fallada, Hans, Berliner Abenteuer. Herausgegeben von Ingrid Feix. Berlin: BeBra Verlag, 2025, S. 132 – 135.
Im Gespräch
mit Boris Burgstaller und Gabriele Hintermaier

Mitschnitt der Premierenmatinee, 11. Oktober 2026
Folge 1 von 6
Fallada. Ein Leben im Rausch (1/6)
„Wohin es führt ...“
Der Historiker Andreas Wirsching über Weimar-Vergleiche, die Erosion der Mitte und den Umgang mit der AfD
Zeit Geschichte: Es vergeht kaum eine Woche, in der Regierungspolitiker nicht mahnend an den Untergang der Weimarer Republik erinnern. Wie sinnvoll ist der Vergleich?
Andreas Wirsching: Ich bin schon der Meinung, dass wir Funktionsfähigkeit und Schwächen der parlamentarischen Demokratie am Beispiel Weimars sehr gut studieren können.
Ende Mai hat Bundeskanzler Friedrich Merz die „dunkelsten Stunden unserer Geschichte“ angeführt, um die Brandmauer gegen die AfD zu verteidigen. Kann man die AfD mit der NSDAP vergleichen?
Die NSDAP war eine im Kern völkisch-rassistische, antisemitische Bewegung. Und sie war eine Bürgerkriegspartei, die sich paramilitärisch organisierte. Das ist nicht mit der AfD zu vergleichen. Außerdem war die NSDAP eine Führerpartei ...
Sie hatte keine Doppelspitze.
Das wäre undenkbar gewesen. Hitler hat sehr genau darauf geachtet, dass abweichende Stimmen entweder diszipliniert oder aus der Partei entfernt wurden. In der AfD dagegen ist eine gewisse innerparteiliche Demokratie und Diskussion möglich. Allerdings macht auch die AfD Fundamentalopposition gegen die liberale Demokratie.
Der Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter sieht Parallelen vor allem in der Wählerschaft.
Die ist in der Tat vergleichbar. Die AfD ist eine Protestpartei, so wie es die NSDAP auch war. Und die AfD ist stark geprägt von dem, was der Soziologe Seymour Lipset mit Blick auf den Faschismus „Extremismus der Mitte“ nannte. Die NSDAP wurde überproportional von der protestantischen, identitätsunsicheren Mittelschicht gewählt, die ihre Abstiegsängste auf diverse Feindbilder projizierte. Das ist eine Analogie zur AfD, die ja mitnichten nur von abgehängten Globalisierungsverlierern gewählt wird.
Historiker wie Heinrich August Winkler vergleichen die AfD mit der DNVP, der rechten Sammlungspartei, die einen völkisch-rassistischen Flügel hatte.
Da bin ich zurückhaltender. Ja, es gab Flügelkämpfe in der DNVP, die Heterogenität ist schon vergleichbar. Aber die DNVP war zwischen 1925 und 1928 an der Regierung beteiligt, und vielleicht waren dies sogar die besten Jahre der Republik, weil der Parlamentarismus noch relativ gut funktionierte. Dass die AfD in ähnlicher Weise systemkonform regierungsfähig ist, bezweifle ich.
Die Deutschnationalen sind 1928 für das Mitregieren abgestraft worden. Lassen sich Antidemokraten also doch entzaubern, indem man sie in Verantwortung bringt?
Das überzeugt mich nicht. Die DNVP war aus der Tradition des protestantischen Konservatismus erwachsen, sie repräsentierte den ländlichen Osten Preußens, die Junker und die landwirtschaftlichen Verbände. Für die Weimarer Republik war es zutiefst problematisch, dass die DNVP nach den Wahlverlusten von 1928 unter Hugenberg zur Fundamentalopposition wurde. Viele Milieus wurden dadurch politisch heimatlos, spalteten sich ab und wandten sich der NSDAP zu.
1933 regierte die NSDAP selbst. Die Konservativen wollten Hitler in der Koalition „zähmen“.
Da hält Weimar nun wirklich eine traumatische Erfahrung für uns bereit: Wenn man eine fundamentaloppositionelle, extremistische Partei an der Macht beteiligt, ist es um Freiheit und Demokratie geschehen. Hitler hat die konservativen Bündnispartner an die Wand gespielt. Deshalb ist zu Recht die Brandmauer in Deutschland ein so großes Thema.
Der Historiker Andreas Rödder schlägt vor, eher themenbezogene „rote Linien“ zu ziehen, um die AfD argumentativ zu stellen.
Es ist schwierig, die Brandmauer stehen zu lassen, wenn die AfD in Umfragen bundesweit bei fast 29 Prozent liegt, das ist ein demokratietheoretisches Problem. Trotzdem frage ich mich, was mit roten Linien gemeint ist. Worüber will man denn mit der AfD reden, wenn sie nicht viel mehr repräsentiert als Protest? Außerdem wird in letzter Zeit eine Minderheitsregierung ins Spiel gebracht. Dahinter steht aus meiner Sicht eine zu nostalgische Vorstellung eines diskutierenden, deliberierenden Parlaments, das zu wechselnden Mehrheiten findet. Ich halte das für eine Schimäre.
In Weimar gab es viele Minderheitsregierungen.
Sie waren fragil und scheiterten schnell. Der Wille, im Reichstag eine Mehrheit zu finden, war bis 1930 eigentlich immer vorhanden.
Der Weimar-Vergleich ist umstritten. Was entgegnen Sie den Kritikern, die von Angstmacherei sprechen, weil damals der Krisendruck ungleich größer gewesen sei?
Die Weimarer Republik veranschaulicht trotzdem, wie eine parlamentarische Demokratie funktioniert – und wie Strukturprobleme und Konjunkturkrisen sie destabilisieren. Wir können zum Beispiel sehr genau sehen, wohin es führt, wenn vor lauter Parteieninteressen das Wohl der Demokratie aus dem Blick gerät.
Worin unterscheidet sich die Krise der Demokratie heute am meisten von den „Weimarer Verhältnissen“?
Trotz der Krisen, die wir erleben, sind wir weit weg von dem, was die Menschen damals bewältigen mussten. 1918 wurde die Gründung der Republik mit der als traumatisch erfahrenen Weltkriegsniederlage verbunden, das hat die Demokratie sehr belastet. Auch die Wirtschaftskrisen waren viel existenzieller: Wenn wir heute über Arbeitslosigkeit oder Inflation reden, meinen wir materiell etwas ganz anderes als damals. Für alle, die keine Sachwerte besaßen, bedeutete die Inflation von 1923 komplette Enteignung: Wer als Kleinrentner vom Ersparten lebte, konnte das fortan nicht mehr, das Geld war weg. Der dritte große Unterschied ist: Damals waren die Funktionseliten des Staates inklusive Justiz und Verwaltung mehrheitlich antidemokratisch, heute sind sie in der Demokratie verwurzelt und stehen hinter ihr.
Wann und wodurch ist die Weimarer Republik auf die schiefe Bahn geraten?
Man kann eine Geburtsfehler-These konstruieren wie der Historiker Arthur Rosenberg: Demnach wurde schon 1918/19 das Momentum nicht genutzt, um Regierung, Verwaltung und Wirtschaft fundamental zu demokratisieren. Aber so würde ich nicht argumentieren. Für den Parlamentarismus ist 1928 ein wichtiges Datum: Zu dieser Zeit büßte er seine Funktionsfähigkeit ein, das Regieren wurde sehr mühsam.
Erschüttert nicht schon die erste Reichstagswahl im Juni 1920 die Republik? Die Verfassungsparteien der Weimarer Koalition – SPD, DDP und Zentrum – erleben eine Erdrutsch-Niederlage, von der sie sich nie vollständig erholen.
Ja, das stimmt. In dieser Wahl drückte sich eine tiefe Enttäuschung aus. Die Arbeiterschaft hatte große Hoffnungen in die Revolution gesetzt, und Ende 1919 wurde erkennbar, wie wenig man erreicht hatte. Auch die brutale Gewalt bei der Niederschlagung der Aufstände war für die Weimarer Koalition eine schwere Hypothek. Im bürgerlichen Lager wurde der Versailler Vertrag als herbe Enttäuschung empfunden, man hatte einen milderen Frieden erwartet und machte die Regierung für das „Diktat“ verantwortlich.
Im April 1925 gewinnt ausgerechnet der Monarchist Paul von Hindenburg die Wahl zum Reichspräsidenten. Der Anfang vom Ende der Demokratie?
Es gibt keine Zwangsläufigkeit, aber ich denke schon, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn der republikanische Kandidat Wilhelm Marx die Wahl gewonnen hätte. Hier zeigte sich ein grundlegendes Problem Weimars: Ein Großteil des bürgerlich-liberalen Milieus suchte weiterhin nach Alternativen zum Parlamentarismus, von dem man sich zu wenig nationale Einheit versprach. Selbst die katholische Bayerische Volkspartei hat den protestantischen Preußen Hindenburg bevorzugt – das hat den rheinischen Katholiken Marx wichtige Stimmen gekostet.
Wäre die Geschichte auch anders verlaufen, wenn der erste Präsidialkanzler Heinrich Brüning keine knallharte Sparpolitik betrieben hätte, die das Elend in der Weltwirtschaftskrise noch verschärfte?
Theoretisch wäre das möglich gewesen, zumal die Arbeitsbeschaffungsprogramme in der Schublade lagen. Brüning glaubte, durch seine Deflationspolitik die Reparationen loszuwerden, quasi indem Deutschland empirisch bewies, die Zahlungen gar nicht leisten zu können. Innenpolitisch hatte dies fatale Folgen. Stellen Sie sich mal vor, was heute los wäre, wenn die Gehälter im öffentlichen Dienst um 10 bis 20 Prozent gekürzt würden!
Die Historikerin Ute Daniel meint, Brüning habe die Republik kaputtsparen wollen.
Die Frage ist, wie man das gewichtet. In jedem Fall hat Brüning die Krise, über deren Ausmaß wir uns heute kaum Vorstellungen machen können, instrumentalisiert. Er wollte zurück zu einer Art Bismarck-Verfassung, in der das Parlament eine mindere Rolle spielte. Der Parlamentarismus galt vielen im bürgerlichen Lager als „undeutsch“, als Oktroi der Siegermächte. Die einzige Partei, die ihn nach 1930 noch unterstützte, war die SPD.
Die bürgerlichen Parteien versanken nach 1928 in der Bedeutungslosigkeit. Auch heute erodiert die Mitte, einschließlich der SPD. Zeigt uns Weimar, wohin die Reise geht?
Zumindest sehen wir, dass wir uns wieder an ein polarisiertes Vielparteiensystem gewöhnen müssen. Die heutige Parteienlandschaft erinnert deutlich mehr an Weimar als an die Komfortzone der alten Bundesrepublik mit zwei großen Volksparteien. Damit gehen heterogene Koalitionen einher und eine komplizierte Willensbildung, die in der Öffentlichkeit kritisch diskutiert wird. Dass der Parlamentarismus nicht zu Potte komme, war schon in Weimar zu hören.
Meist beginnen Demokratiekrisen mit einer Polarisierung der politischen Kultur, einer zunehmenden Unversöhnlichkeit. Heute lasten wir dies gerne den sozialen Medien an, den Echokammern, in denen Meinungen sich verfestigen und Feindschaften entstehen. Machen wir es uns damit zu einfach? Für Weimar die Litfaßsäule.
Jetzt locken Sie mich mit Ähnlichkeiten! Auch wenn es um die Medienlandschaff geht, würde ich die Gegenwart tatsächlich nicht von der Weimarer Zeit abgrenzen, sondern von der alten Bundesrepublik, in der es eine überschaubare Anzahl von Printmedien und nur drei Fernsehprogramme gab. Das ist heute ganz anders, und es war auch in Weimar anders: Damals gab es in der Partei- und Milieupresse vielfältige Echokammern, in denen maßlos gegen Politiker gehetzt wurde, bis hin zu Gewaltaufrufen.
Weimar als analoge Cancel-Culture?
Ja, es ging darum, den politischen Gegner gar nicht erst zur Diskussion kommen zu lassen, ihn zum Schweigen zu bringen, indem man ihm die notwendige Integrität absprach, um überhaupt meinungsfähig zu sein. Das geschah auch auf politischen Massenkundgebungen, bei denen off Zigtausende zusammenkamen. In Weimar gab es keine sozialen Medien, aber eine ganz andere Versammlungskultur, als wir sie kennen.
Heute verändert sich die Welt rasant und nährt die Sehnsucht nach dem Gestern, nach der alten Identität. Auch in Weimar mussten sich viele, die aus der Herrlichkeit des Kaiserreichs erwachten, in einer neuen Welt einrichten. Ist nicht gerade das die große Parallele – die Unsicherheit in Zeiten eines fundamentalen Umbruchs?
Als Historiker kann man natürlich fragen, ob nicht jede Zeit ein Umbruch ist, aber ich würde schon sagen, dass in der heutigen Identitätsunsicherheit ein Schlüssel zur Erklärung des Rechtspopulismus liegt. Wahrscheinlich ist der Wandel heute noch dramatischer als im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, doch auch damals gingen alte Gewissheiten verloren. Das zeigen etwa die Kulturkämpfe um die Geschlechterordnung: Vielen gefiel es nicht, dass in Weimar die Frau als Staatsbürgerin gleichberechtigt war. Geschlechterthemen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie waren echte Kampfthemen. Das rechte Spektrum reagierte mit Antifeminismus und einem männlichen Frontkämpfer-Mythos. Auch heute gibt es diesen Zusammenhang zwischen autoritären Männlichkeitsidealen und dem Eindruck einer sich auflösenden Geschlechterordnung.
Es ist keine spektakuläre Einsicht, dass die Weimarer Demokraten nicht an ihren Feinden, sondern an der eigenen Schwäche scheiterten. Aber denken Sie manchmal daran, wenn Sie der Regierung von Friedrich Merz zuschauen?
Ich habe noch keine schlaflosen Nächte, aber der lange Streit in der Bundesregierung weckt Erinnerungen an die Große Koalition von 1928 bis 1930. In der Merz-Regierung dominieren die Parteipositionen. Doch beide Seiten wissen, dass sie etwas auf die Beine stellen müssen, um die Demokratie zu stabilisieren. Bei den Koalitionären in Weimar bin ich mir nicht sicher, ob sie ähnlich einsichtig waren.
Weimars Abwehrkräfte gegen die Feinde der Demokratie erlahmten, je mehr die Republik nach rechts rückte. Wie steht es heute um die Wehrhaftigkeit der Demokratie?
Es ist ein Problem, dass wir das Instrument des Parteiverbots aus der Hand gegeben haben. In Weimar gab es Parteiverbote, man könnte die Republik sogar eine wehrhafte Demokratie avant la lettre nennen. Auch in der frühen Bundesrepublik wurden Parteien verboten, 1952 die Sozialistische Reichspartei und 1956 die KPD. „Wehret den Anfängen“, hieß es damals. Seit den Achtzigerjahren hat das Bundesverfassungsgericht dann eine Liberalisierung der Meinungsfreiheit, eine Stärkung der Partizipation und eine Ausweitung des Demonstrationsrechts durchgesetzt – und damit die Spielräume des Staates eingeschränkt. Deshalb ist es heute so schwer, ein Parteiverbot durchzusetzen. Hinzu kommt das Scheitern des zweiten NPD-Verbotsverfahrens im Jahr 2017...
... damals hat das Bundesverfassungsgericht die NPD für zu unbedeutend gehalten, um die Demokratie bedrohen zu können.
Das war ein ganz anderer Maßstab als beim Verbot von SRP und KPD, die auch keine akute Gefahr darstellten, aber verfassungsfeindlich waren. Seit dem Urteil sind die Hürden für ein Parteiverbot noch höher geworden, und wir haben leider auch keine höchstrichterliche Norm erhalten, was Verfassungsfeinde sich erlauben dürfen und was nicht.
Sie raten von einem Verbotsverfahren gegen die AfD ab?
Ich habe es lange befürwortet. Aber die enormen Zugewinne der AfD und die Unentschiedenheit der Juristen und auch der Politik lassen mich zweifeln. Ich sehe inzwischen kaum noch Chancen für ein Verbot. Andererseits muss man sich fragen, was eine wehrhafte Demokratie heute noch ausmacht.
Und das wäre?
Das Grundgesetz erlaubt es, Verfassungsfeinden das passive Wahlrecht zu entziehen. Ich finde, man sollte die Fantasie hier nicht bremsen. Das Gleiche gilt für einen neuen „Radikalenerlass“, wie er in Thüringen diskutiert wird. Eine wehrhafte Demokratie muss ihren Feinden robust begegnen – ich halte es nicht für klug, sich von diesem Gedanken zu verabschieden.
Wie wäre die Geschichte Weimars verlaufen, hätte man das nach dem Hitlerputsch verhängte NSDAP-Verbot nicht im Februar 1925 auslaufen lassen?
Dann hätte man Hitler ausweisen können, er hätte nicht 1932 in Braunschweig die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Das sind Optionen, die Weimar hatte.
Lehrt uns Weimar auch, dass Verbote, wenn sie zu spät kommen, zum Eigentor werden können? Das SA- und SS-Verbot im April 1932 war Wahlkampfmunition für die Nationalsozialisten.
Ich würde anders argumentieren. Mit der Aufhebung dieses Verbots im Juni 1932 hat die Regierung Papen das Gewaltpotenzial der SA wieder auf die Straße losgelassen. Wenn man anders agiert hätte und länger einer antitotalitären Linie gefolgt wäre, hätte das Verbot seine Wirkung entfalten können. Ich war auch deswegen lange ein Anhänger eines AfD-Verbotsverfahrens, weil ich der Meinung bin, dass eine strafrechtlich bewehrte Norm eine Wirkung erzielt. Menschen neigen dazu, sich an solchen Normen zu orientieren.
In Ihrem Band Weimarer Verhältnisse haben Sie 2018 zu politischer Wachsamkeit gemahnt. Heute sprechen wir über Wehrhaftigkeit. Haben sich Ihre persönlichen Lehren aus Weimar verändert?
Ich bin skeptischer geworden, wohlwissend, dass diese Skepsis ein politisches Problem sein kann, denn eine Demokratie braucht Zukunftsoptimismus.
Gut gesagt. Aber in welcher Republik werden wir nach den Landtagswahlen im September aufwachen?
Es wird noch dieselbe Republik sein, doch wenn es zu einer AfD-Regierung kommt, würde das die politische Atmosphäre und das Verhältnis zwischen Bund und Ländern stark verändern. Ich frage mich, wie es eigentlich funktionieren soll, wenn die AfD ihre Ankündigungen in die Tat umzusetzen versucht und die Schulpflicht abschafft oder den Rundfunkstaatsvertrag kündigt. Vielleicht ist es so eine Art Lackmustest, der die AfD tatsächlich entzaubert und den wir auf Länderebene einfach aushalten müssen.
Was empfehlen Sie der Bundesregierung?
Das sagt sich leicht von der Seitenlinie aus, aber ich vermisse ein grand design,in dem der Bundeskanzler einmal grundlegend erklärt, wohin er das Land führen will und wie er seine Ziele umsetzen möchte. Union und SPD müssen sich bewegen, um Kompromisse zu finden, und es wäre die Aufgabe des Kanzlers, hierfür einen Plan zu entwickeln. Ohne dass am nächsten Tag irgendwer beschimpft wird.
Andreas Wirsching leitete bis 2025 das Institut für Zeitgeschichte München - Berlin und lehrte Neueste Geschichte in München. Das Gespräch führte Frank Werner. Es basiert auf einem Interview für die ZEIT Akademie.
Andreas Wirsching: Ich bin schon der Meinung, dass wir Funktionsfähigkeit und Schwächen der parlamentarischen Demokratie am Beispiel Weimars sehr gut studieren können.
Ende Mai hat Bundeskanzler Friedrich Merz die „dunkelsten Stunden unserer Geschichte“ angeführt, um die Brandmauer gegen die AfD zu verteidigen. Kann man die AfD mit der NSDAP vergleichen?
Die NSDAP war eine im Kern völkisch-rassistische, antisemitische Bewegung. Und sie war eine Bürgerkriegspartei, die sich paramilitärisch organisierte. Das ist nicht mit der AfD zu vergleichen. Außerdem war die NSDAP eine Führerpartei ...
Sie hatte keine Doppelspitze.
Das wäre undenkbar gewesen. Hitler hat sehr genau darauf geachtet, dass abweichende Stimmen entweder diszipliniert oder aus der Partei entfernt wurden. In der AfD dagegen ist eine gewisse innerparteiliche Demokratie und Diskussion möglich. Allerdings macht auch die AfD Fundamentalopposition gegen die liberale Demokratie.
Der Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter sieht Parallelen vor allem in der Wählerschaft.
Die ist in der Tat vergleichbar. Die AfD ist eine Protestpartei, so wie es die NSDAP auch war. Und die AfD ist stark geprägt von dem, was der Soziologe Seymour Lipset mit Blick auf den Faschismus „Extremismus der Mitte“ nannte. Die NSDAP wurde überproportional von der protestantischen, identitätsunsicheren Mittelschicht gewählt, die ihre Abstiegsängste auf diverse Feindbilder projizierte. Das ist eine Analogie zur AfD, die ja mitnichten nur von abgehängten Globalisierungsverlierern gewählt wird.
Historiker wie Heinrich August Winkler vergleichen die AfD mit der DNVP, der rechten Sammlungspartei, die einen völkisch-rassistischen Flügel hatte.
Da bin ich zurückhaltender. Ja, es gab Flügelkämpfe in der DNVP, die Heterogenität ist schon vergleichbar. Aber die DNVP war zwischen 1925 und 1928 an der Regierung beteiligt, und vielleicht waren dies sogar die besten Jahre der Republik, weil der Parlamentarismus noch relativ gut funktionierte. Dass die AfD in ähnlicher Weise systemkonform regierungsfähig ist, bezweifle ich.
Die Deutschnationalen sind 1928 für das Mitregieren abgestraft worden. Lassen sich Antidemokraten also doch entzaubern, indem man sie in Verantwortung bringt?
Das überzeugt mich nicht. Die DNVP war aus der Tradition des protestantischen Konservatismus erwachsen, sie repräsentierte den ländlichen Osten Preußens, die Junker und die landwirtschaftlichen Verbände. Für die Weimarer Republik war es zutiefst problematisch, dass die DNVP nach den Wahlverlusten von 1928 unter Hugenberg zur Fundamentalopposition wurde. Viele Milieus wurden dadurch politisch heimatlos, spalteten sich ab und wandten sich der NSDAP zu.
1933 regierte die NSDAP selbst. Die Konservativen wollten Hitler in der Koalition „zähmen“.
Da hält Weimar nun wirklich eine traumatische Erfahrung für uns bereit: Wenn man eine fundamentaloppositionelle, extremistische Partei an der Macht beteiligt, ist es um Freiheit und Demokratie geschehen. Hitler hat die konservativen Bündnispartner an die Wand gespielt. Deshalb ist zu Recht die Brandmauer in Deutschland ein so großes Thema.
Der Historiker Andreas Rödder schlägt vor, eher themenbezogene „rote Linien“ zu ziehen, um die AfD argumentativ zu stellen.
Es ist schwierig, die Brandmauer stehen zu lassen, wenn die AfD in Umfragen bundesweit bei fast 29 Prozent liegt, das ist ein demokratietheoretisches Problem. Trotzdem frage ich mich, was mit roten Linien gemeint ist. Worüber will man denn mit der AfD reden, wenn sie nicht viel mehr repräsentiert als Protest? Außerdem wird in letzter Zeit eine Minderheitsregierung ins Spiel gebracht. Dahinter steht aus meiner Sicht eine zu nostalgische Vorstellung eines diskutierenden, deliberierenden Parlaments, das zu wechselnden Mehrheiten findet. Ich halte das für eine Schimäre.
In Weimar gab es viele Minderheitsregierungen.
Sie waren fragil und scheiterten schnell. Der Wille, im Reichstag eine Mehrheit zu finden, war bis 1930 eigentlich immer vorhanden.
Der Weimar-Vergleich ist umstritten. Was entgegnen Sie den Kritikern, die von Angstmacherei sprechen, weil damals der Krisendruck ungleich größer gewesen sei?
Die Weimarer Republik veranschaulicht trotzdem, wie eine parlamentarische Demokratie funktioniert – und wie Strukturprobleme und Konjunkturkrisen sie destabilisieren. Wir können zum Beispiel sehr genau sehen, wohin es führt, wenn vor lauter Parteieninteressen das Wohl der Demokratie aus dem Blick gerät.
Worin unterscheidet sich die Krise der Demokratie heute am meisten von den „Weimarer Verhältnissen“?
Trotz der Krisen, die wir erleben, sind wir weit weg von dem, was die Menschen damals bewältigen mussten. 1918 wurde die Gründung der Republik mit der als traumatisch erfahrenen Weltkriegsniederlage verbunden, das hat die Demokratie sehr belastet. Auch die Wirtschaftskrisen waren viel existenzieller: Wenn wir heute über Arbeitslosigkeit oder Inflation reden, meinen wir materiell etwas ganz anderes als damals. Für alle, die keine Sachwerte besaßen, bedeutete die Inflation von 1923 komplette Enteignung: Wer als Kleinrentner vom Ersparten lebte, konnte das fortan nicht mehr, das Geld war weg. Der dritte große Unterschied ist: Damals waren die Funktionseliten des Staates inklusive Justiz und Verwaltung mehrheitlich antidemokratisch, heute sind sie in der Demokratie verwurzelt und stehen hinter ihr.
Wann und wodurch ist die Weimarer Republik auf die schiefe Bahn geraten?
Man kann eine Geburtsfehler-These konstruieren wie der Historiker Arthur Rosenberg: Demnach wurde schon 1918/19 das Momentum nicht genutzt, um Regierung, Verwaltung und Wirtschaft fundamental zu demokratisieren. Aber so würde ich nicht argumentieren. Für den Parlamentarismus ist 1928 ein wichtiges Datum: Zu dieser Zeit büßte er seine Funktionsfähigkeit ein, das Regieren wurde sehr mühsam.
Erschüttert nicht schon die erste Reichstagswahl im Juni 1920 die Republik? Die Verfassungsparteien der Weimarer Koalition – SPD, DDP und Zentrum – erleben eine Erdrutsch-Niederlage, von der sie sich nie vollständig erholen.
Ja, das stimmt. In dieser Wahl drückte sich eine tiefe Enttäuschung aus. Die Arbeiterschaft hatte große Hoffnungen in die Revolution gesetzt, und Ende 1919 wurde erkennbar, wie wenig man erreicht hatte. Auch die brutale Gewalt bei der Niederschlagung der Aufstände war für die Weimarer Koalition eine schwere Hypothek. Im bürgerlichen Lager wurde der Versailler Vertrag als herbe Enttäuschung empfunden, man hatte einen milderen Frieden erwartet und machte die Regierung für das „Diktat“ verantwortlich.
Im April 1925 gewinnt ausgerechnet der Monarchist Paul von Hindenburg die Wahl zum Reichspräsidenten. Der Anfang vom Ende der Demokratie?
Es gibt keine Zwangsläufigkeit, aber ich denke schon, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn der republikanische Kandidat Wilhelm Marx die Wahl gewonnen hätte. Hier zeigte sich ein grundlegendes Problem Weimars: Ein Großteil des bürgerlich-liberalen Milieus suchte weiterhin nach Alternativen zum Parlamentarismus, von dem man sich zu wenig nationale Einheit versprach. Selbst die katholische Bayerische Volkspartei hat den protestantischen Preußen Hindenburg bevorzugt – das hat den rheinischen Katholiken Marx wichtige Stimmen gekostet.
Wäre die Geschichte auch anders verlaufen, wenn der erste Präsidialkanzler Heinrich Brüning keine knallharte Sparpolitik betrieben hätte, die das Elend in der Weltwirtschaftskrise noch verschärfte?
Theoretisch wäre das möglich gewesen, zumal die Arbeitsbeschaffungsprogramme in der Schublade lagen. Brüning glaubte, durch seine Deflationspolitik die Reparationen loszuwerden, quasi indem Deutschland empirisch bewies, die Zahlungen gar nicht leisten zu können. Innenpolitisch hatte dies fatale Folgen. Stellen Sie sich mal vor, was heute los wäre, wenn die Gehälter im öffentlichen Dienst um 10 bis 20 Prozent gekürzt würden!
Die Historikerin Ute Daniel meint, Brüning habe die Republik kaputtsparen wollen.
Die Frage ist, wie man das gewichtet. In jedem Fall hat Brüning die Krise, über deren Ausmaß wir uns heute kaum Vorstellungen machen können, instrumentalisiert. Er wollte zurück zu einer Art Bismarck-Verfassung, in der das Parlament eine mindere Rolle spielte. Der Parlamentarismus galt vielen im bürgerlichen Lager als „undeutsch“, als Oktroi der Siegermächte. Die einzige Partei, die ihn nach 1930 noch unterstützte, war die SPD.
Die bürgerlichen Parteien versanken nach 1928 in der Bedeutungslosigkeit. Auch heute erodiert die Mitte, einschließlich der SPD. Zeigt uns Weimar, wohin die Reise geht?
Zumindest sehen wir, dass wir uns wieder an ein polarisiertes Vielparteiensystem gewöhnen müssen. Die heutige Parteienlandschaft erinnert deutlich mehr an Weimar als an die Komfortzone der alten Bundesrepublik mit zwei großen Volksparteien. Damit gehen heterogene Koalitionen einher und eine komplizierte Willensbildung, die in der Öffentlichkeit kritisch diskutiert wird. Dass der Parlamentarismus nicht zu Potte komme, war schon in Weimar zu hören.
Meist beginnen Demokratiekrisen mit einer Polarisierung der politischen Kultur, einer zunehmenden Unversöhnlichkeit. Heute lasten wir dies gerne den sozialen Medien an, den Echokammern, in denen Meinungen sich verfestigen und Feindschaften entstehen. Machen wir es uns damit zu einfach? Für Weimar die Litfaßsäule.
Jetzt locken Sie mich mit Ähnlichkeiten! Auch wenn es um die Medienlandschaff geht, würde ich die Gegenwart tatsächlich nicht von der Weimarer Zeit abgrenzen, sondern von der alten Bundesrepublik, in der es eine überschaubare Anzahl von Printmedien und nur drei Fernsehprogramme gab. Das ist heute ganz anders, und es war auch in Weimar anders: Damals gab es in der Partei- und Milieupresse vielfältige Echokammern, in denen maßlos gegen Politiker gehetzt wurde, bis hin zu Gewaltaufrufen.
Weimar als analoge Cancel-Culture?
Ja, es ging darum, den politischen Gegner gar nicht erst zur Diskussion kommen zu lassen, ihn zum Schweigen zu bringen, indem man ihm die notwendige Integrität absprach, um überhaupt meinungsfähig zu sein. Das geschah auch auf politischen Massenkundgebungen, bei denen off Zigtausende zusammenkamen. In Weimar gab es keine sozialen Medien, aber eine ganz andere Versammlungskultur, als wir sie kennen.
Heute verändert sich die Welt rasant und nährt die Sehnsucht nach dem Gestern, nach der alten Identität. Auch in Weimar mussten sich viele, die aus der Herrlichkeit des Kaiserreichs erwachten, in einer neuen Welt einrichten. Ist nicht gerade das die große Parallele – die Unsicherheit in Zeiten eines fundamentalen Umbruchs?
Als Historiker kann man natürlich fragen, ob nicht jede Zeit ein Umbruch ist, aber ich würde schon sagen, dass in der heutigen Identitätsunsicherheit ein Schlüssel zur Erklärung des Rechtspopulismus liegt. Wahrscheinlich ist der Wandel heute noch dramatischer als im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, doch auch damals gingen alte Gewissheiten verloren. Das zeigen etwa die Kulturkämpfe um die Geschlechterordnung: Vielen gefiel es nicht, dass in Weimar die Frau als Staatsbürgerin gleichberechtigt war. Geschlechterthemen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie waren echte Kampfthemen. Das rechte Spektrum reagierte mit Antifeminismus und einem männlichen Frontkämpfer-Mythos. Auch heute gibt es diesen Zusammenhang zwischen autoritären Männlichkeitsidealen und dem Eindruck einer sich auflösenden Geschlechterordnung.
Es ist keine spektakuläre Einsicht, dass die Weimarer Demokraten nicht an ihren Feinden, sondern an der eigenen Schwäche scheiterten. Aber denken Sie manchmal daran, wenn Sie der Regierung von Friedrich Merz zuschauen?
Ich habe noch keine schlaflosen Nächte, aber der lange Streit in der Bundesregierung weckt Erinnerungen an die Große Koalition von 1928 bis 1930. In der Merz-Regierung dominieren die Parteipositionen. Doch beide Seiten wissen, dass sie etwas auf die Beine stellen müssen, um die Demokratie zu stabilisieren. Bei den Koalitionären in Weimar bin ich mir nicht sicher, ob sie ähnlich einsichtig waren.
Weimars Abwehrkräfte gegen die Feinde der Demokratie erlahmten, je mehr die Republik nach rechts rückte. Wie steht es heute um die Wehrhaftigkeit der Demokratie?
Es ist ein Problem, dass wir das Instrument des Parteiverbots aus der Hand gegeben haben. In Weimar gab es Parteiverbote, man könnte die Republik sogar eine wehrhafte Demokratie avant la lettre nennen. Auch in der frühen Bundesrepublik wurden Parteien verboten, 1952 die Sozialistische Reichspartei und 1956 die KPD. „Wehret den Anfängen“, hieß es damals. Seit den Achtzigerjahren hat das Bundesverfassungsgericht dann eine Liberalisierung der Meinungsfreiheit, eine Stärkung der Partizipation und eine Ausweitung des Demonstrationsrechts durchgesetzt – und damit die Spielräume des Staates eingeschränkt. Deshalb ist es heute so schwer, ein Parteiverbot durchzusetzen. Hinzu kommt das Scheitern des zweiten NPD-Verbotsverfahrens im Jahr 2017...
... damals hat das Bundesverfassungsgericht die NPD für zu unbedeutend gehalten, um die Demokratie bedrohen zu können.
Das war ein ganz anderer Maßstab als beim Verbot von SRP und KPD, die auch keine akute Gefahr darstellten, aber verfassungsfeindlich waren. Seit dem Urteil sind die Hürden für ein Parteiverbot noch höher geworden, und wir haben leider auch keine höchstrichterliche Norm erhalten, was Verfassungsfeinde sich erlauben dürfen und was nicht.
Sie raten von einem Verbotsverfahren gegen die AfD ab?
Ich habe es lange befürwortet. Aber die enormen Zugewinne der AfD und die Unentschiedenheit der Juristen und auch der Politik lassen mich zweifeln. Ich sehe inzwischen kaum noch Chancen für ein Verbot. Andererseits muss man sich fragen, was eine wehrhafte Demokratie heute noch ausmacht.
Und das wäre?
Das Grundgesetz erlaubt es, Verfassungsfeinden das passive Wahlrecht zu entziehen. Ich finde, man sollte die Fantasie hier nicht bremsen. Das Gleiche gilt für einen neuen „Radikalenerlass“, wie er in Thüringen diskutiert wird. Eine wehrhafte Demokratie muss ihren Feinden robust begegnen – ich halte es nicht für klug, sich von diesem Gedanken zu verabschieden.
Wie wäre die Geschichte Weimars verlaufen, hätte man das nach dem Hitlerputsch verhängte NSDAP-Verbot nicht im Februar 1925 auslaufen lassen?
Dann hätte man Hitler ausweisen können, er hätte nicht 1932 in Braunschweig die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Das sind Optionen, die Weimar hatte.
Lehrt uns Weimar auch, dass Verbote, wenn sie zu spät kommen, zum Eigentor werden können? Das SA- und SS-Verbot im April 1932 war Wahlkampfmunition für die Nationalsozialisten.
Ich würde anders argumentieren. Mit der Aufhebung dieses Verbots im Juni 1932 hat die Regierung Papen das Gewaltpotenzial der SA wieder auf die Straße losgelassen. Wenn man anders agiert hätte und länger einer antitotalitären Linie gefolgt wäre, hätte das Verbot seine Wirkung entfalten können. Ich war auch deswegen lange ein Anhänger eines AfD-Verbotsverfahrens, weil ich der Meinung bin, dass eine strafrechtlich bewehrte Norm eine Wirkung erzielt. Menschen neigen dazu, sich an solchen Normen zu orientieren.
In Ihrem Band Weimarer Verhältnisse haben Sie 2018 zu politischer Wachsamkeit gemahnt. Heute sprechen wir über Wehrhaftigkeit. Haben sich Ihre persönlichen Lehren aus Weimar verändert?
Ich bin skeptischer geworden, wohlwissend, dass diese Skepsis ein politisches Problem sein kann, denn eine Demokratie braucht Zukunftsoptimismus.
Gut gesagt. Aber in welcher Republik werden wir nach den Landtagswahlen im September aufwachen?
Es wird noch dieselbe Republik sein, doch wenn es zu einer AfD-Regierung kommt, würde das die politische Atmosphäre und das Verhältnis zwischen Bund und Ländern stark verändern. Ich frage mich, wie es eigentlich funktionieren soll, wenn die AfD ihre Ankündigungen in die Tat umzusetzen versucht und die Schulpflicht abschafft oder den Rundfunkstaatsvertrag kündigt. Vielleicht ist es so eine Art Lackmustest, der die AfD tatsächlich entzaubert und den wir auf Länderebene einfach aushalten müssen.
Was empfehlen Sie der Bundesregierung?
Das sagt sich leicht von der Seitenlinie aus, aber ich vermisse ein grand design,in dem der Bundeskanzler einmal grundlegend erklärt, wohin er das Land führen will und wie er seine Ziele umsetzen möchte. Union und SPD müssen sich bewegen, um Kompromisse zu finden, und es wäre die Aufgabe des Kanzlers, hierfür einen Plan zu entwickeln. Ohne dass am nächsten Tag irgendwer beschimpft wird.
Andreas Wirsching leitete bis 2025 das Institut für Zeitgeschichte München - Berlin und lehrte Neueste Geschichte in München. Das Gespräch führte Frank Werner. Es basiert auf einem Interview für die ZEIT Akademie.
In: ZEIT Geschichte Nr.4/2026: Weimar. Das langsame Sterben einer Demokratie und was wir daraus lernen können. S. 114 – 117.

Anomie der Abstiegsgesellschaft
von Oliver Nachtwey
Gerade in einer Gesellschaft, die sich nach wie vor als Aufstiegsgesellschaft begreift, wachsen normative Verunsicherungen, wenn es in der Realität nicht mehr aufwärtsgeht. Viele kennen wahrscheinlich aus ihrer Kindheit die Erfahrung, entgegen der Richtung auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe nach oben zu laufen. Das geht selten gut, und falls doch, kommt man mit letzter Kraft auf der nächsten Etage an. In der Abstiegsgesellschaft sehen sich viele Menschen dauerhaft auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe. Sie müssen nach oben laufen, um ihre Position überhaupt halten zu können. Es entstehen Abstiegssorgen und „Statuskämpfe um Anrechte auf Wohlstand“. Dabei bilden sich mit steigender Häufigkeit „anomische“ Konstellationen heraus, in denen die etablierten sozialen Normen, die eine Voraussetzung für die gesellschaftliche Integration bilden, sukzessive erodieren und an Geltung verlieren. Wenn Aufstieg nicht mehr möglich erscheint und solidarische Handlungsmöglichkeiten - etwa im Rahmen und mithilfe von Gewerkschaften - entweder kaum existent oder nicht wirksam sind, dann greifen die Menschen verstärkt zu selbstoptimierenden Strategien. Diese laufen auf eine intensivierte, beinahe völlige Hingabe an den Wettbewerb hinaus. Viele Menschen steigern ihre innerbetriebliche Leistungsbereitschaft, arbeiten mehr und entgrenzter, verdichten ihre Tage rund um die Uhr produktiv. Sie verzichten auf Ansprüche an das gute Leben, an die Work-Life-Balance, nehmen Stress und Sinnverlust in Kauf, beschleunigen sich immer weiter. Die eigenen Erwartungen hinsichtlich Autonomie und Selbstentfaltung werden durch „die verstärkten Opfer für den Aufstieg konterkariert“. Der kulturelle Individualismus wird sparsamer gelebt, man verzichtet zunehmend auf einen marktfernen Hedonismus (z. B. ohne Eile zu studieren). In der eigenen Lebensführung dominieren Ansprüche, die man bei der Elterngeneration als spießig und angepasst wahrgenommen hat. Es kommt zu einer Wiederkehr der Konformität. Für viele verstärkt sich der Eindruck: Man gibt permanent Gas, aber die Reifen drehen durch, denn die Handbremse lässt sich nicht lösen – zurück bleibt ein Gefühl des „rasenden Stillstands“. Der arbeitswütige Selbstproduktivismus ist das Merkmal eines wettbewerblichen Selbst, das offenbar keine Möglichkeit sieht, im Umgang mit Unsicherheit, Abstiegsangst und intensivierter Marktvergesellschaftung soziale und solidarische Wege zu finden. Gesellschaftliche Normen wie etwa das Leistungsprinzip werden zu pathologischen Mitteln der Selbstbehauptung, zu regellosen Coping-Strategien pervertiert. Dies endet nicht selten in Ausgebranntsein und Erschöpfung.
Parallel dazu erleben wir eine regelrechte Renaissance bürgerlicher Beflissenheit. Für sich selbst radikalisiert man die Tugenden des Bildungsehrgeizes und der Aufstiegsorientierung, Sekundärtugenden wie Pflichtbewusstsein und Disziplin kehren auch in liberale Milieus zurück. Die gesamte Lebensführung dient dem Projekt des Statuserhalts.
In der verbleibenden Freizeit investiert man in (Weiter-) Bildung, vor allem in die der Kinder, die schon im frühesten Alter Chinesisch lernen und Geige üben oder auf Privatschulen geschickt werden. Dort sollen sie lernen, moderne, kultivierte Menschen zu werden, natürlich um im härter werdenden Bildungswettbewerb zu bestehen. Solche individualisierten Bewältigungsstrategien funktionieren aber zugleich als „raffinierte Schließungsmechanismen“ gegenüber den inflationären Bildungszertifikaten anderer Gruppen. Es entstehen verschärfte Distinktionskämpfe, deren Wesen bereits Pierre Bourdieu in Die feinen Unterschiede untersucht hat. Soziale Überlegenheit wird durch bessere Bildung, gehobene Manieren, einen verfeinerten Geschmack, Kunstsinn, liberale Werte und Konsumverhalten artikuliert. Insbesondere der Konsum ist dabei ein zweischneidiges Schwert, wird er doch als Vorrecht jener gesehen, die ihn sich leisten können. Sein demonstrativer Charakter bedroht die Praxis der soliden Haushaltsführung in den unteren Mittelschichten. Die vermeintlich ungerechtfertigten Konsumstile der Unterschicht werden daher im Gestus sozialer und kultureller Überlegenheit häufig heftig. Die neue Unterschicht ist, so der landläufige Vorwurf, bildungsfern, arbeitsscheu und hat ihre Aufstiegsorientierung verloren. Die Statusängste der Mitte führen mitunter zu ökonomistischen Deutungen, zu negativer Klassifikation und zur Abwertung schwächerer Gruppen, wie etwa in der Bielefelder Langzeitstudie Deutsche Zustände gezeigt werden konnte. Die Mitte kündigt zum Teil die Solidarität mit den Schwächeren auf; indem sie sich abgrenzt, vergewissert sie sich ihrer selbst. Wo vorher noch eine gewisse Liberalität herrschte, weicht sie nun rigoroseren Vorstellungen über Moral-, Kultur- und Lebensführung. Angesichts der gestiegenen Ängste vor „Kontaminierung“ und „Ansteckung“ sucht man den größtmöglichen Abstand und die scharfe Abschottung zur Kultur der „Parallelgesellschaften“ in der Unterschicht. Man ist generell weniger geneigt, die „Diversitätszumutungen“ der Gesellschaft hinzunehmen.
Die prekären Mittelschichten hingegen, die tatsächlich einen relativen Abstieg erfahren, rechnen sich diesen als persönliches Scheitern an. Hier herrschen individualistische und fatalistische Deutungen über die eigene Arbeit vor. Man versucht, sich fast um jeden Preis über Erwerbsarbeit in die Gesellschaft zu integrieren. Dies hat auch hier zur Folge, dass man Schwächeren, vermeintlich Fauleren oder weniger Leistungsbereiten nicht selten mit Ressentiments begegnet.
Infolgedessen klammern sich gerade die vom Abstieg Bedrohten umso heftiger an ihren vergangenen oder imaginierten Status als Teil der Mittelschicht. Einige halten dabei rituell an der Aufstiegsorientierung fest, auch wenn sie diese Perspektive innerlich längst aufgegeben haben. Hierbei handelt es sich wohl um eine Nebenfolge der Individualisierung der alten Aufstiegsgesellschaft. Die Sozialfigur des Arbeiters taugt nicht mehr zu einer positiven Selbstbeschreibung. Arbeiter bauen längst nicht mehr das siebentorige Theben, ferner glaubt praktisch niemand mehr, sie seien das universelle Subjekt der gesellschaftlichen Emanzipation. Als Arbeiter gilt man vielmehr als abgehängt, als jemand, der es individuell nicht geschafft hat. Die kollektive Identität der Arbeiterschaft wurde ersetzt durch das allgemeine Streben nach einem Mittelklassestatus. Insgesamt hat in den vergangenen Jahren die subjektive Zugehörigkeit zur Arbeiterschicht nachgelassen, während die Selbsteinordnung zur Mittelschicht – trotz der Abstiege – zugenommen hat.
Den sozial Abgestiegenen oder in den unteren Segmenten des Arbeitsmarktes Tätigen bleibt nicht mehr viel. Früher hatten Lohnarbeiter durchaus noch ein positives Bild von der eigenen Zukunft, hatten das Streben nach Aufstieg und Eigenverantwortung verinnerlicht. Heute fühlen sie sich ausgegrenzt, deklassiert, diskriminiert – und hoffnungslos. An eine bessere Zukunft für sich glauben sie kaum mehr. Der eigene Aufstieg in eine höhere Klasse ist aus ihrem Deutungshorizont verschwunden, sie sind phlegmatisch und statusfatalistisch geworden.
Parallel dazu erleben wir eine regelrechte Renaissance bürgerlicher Beflissenheit. Für sich selbst radikalisiert man die Tugenden des Bildungsehrgeizes und der Aufstiegsorientierung, Sekundärtugenden wie Pflichtbewusstsein und Disziplin kehren auch in liberale Milieus zurück. Die gesamte Lebensführung dient dem Projekt des Statuserhalts.
In der verbleibenden Freizeit investiert man in (Weiter-) Bildung, vor allem in die der Kinder, die schon im frühesten Alter Chinesisch lernen und Geige üben oder auf Privatschulen geschickt werden. Dort sollen sie lernen, moderne, kultivierte Menschen zu werden, natürlich um im härter werdenden Bildungswettbewerb zu bestehen. Solche individualisierten Bewältigungsstrategien funktionieren aber zugleich als „raffinierte Schließungsmechanismen“ gegenüber den inflationären Bildungszertifikaten anderer Gruppen. Es entstehen verschärfte Distinktionskämpfe, deren Wesen bereits Pierre Bourdieu in Die feinen Unterschiede untersucht hat. Soziale Überlegenheit wird durch bessere Bildung, gehobene Manieren, einen verfeinerten Geschmack, Kunstsinn, liberale Werte und Konsumverhalten artikuliert. Insbesondere der Konsum ist dabei ein zweischneidiges Schwert, wird er doch als Vorrecht jener gesehen, die ihn sich leisten können. Sein demonstrativer Charakter bedroht die Praxis der soliden Haushaltsführung in den unteren Mittelschichten. Die vermeintlich ungerechtfertigten Konsumstile der Unterschicht werden daher im Gestus sozialer und kultureller Überlegenheit häufig heftig. Die neue Unterschicht ist, so der landläufige Vorwurf, bildungsfern, arbeitsscheu und hat ihre Aufstiegsorientierung verloren. Die Statusängste der Mitte führen mitunter zu ökonomistischen Deutungen, zu negativer Klassifikation und zur Abwertung schwächerer Gruppen, wie etwa in der Bielefelder Langzeitstudie Deutsche Zustände gezeigt werden konnte. Die Mitte kündigt zum Teil die Solidarität mit den Schwächeren auf; indem sie sich abgrenzt, vergewissert sie sich ihrer selbst. Wo vorher noch eine gewisse Liberalität herrschte, weicht sie nun rigoroseren Vorstellungen über Moral-, Kultur- und Lebensführung. Angesichts der gestiegenen Ängste vor „Kontaminierung“ und „Ansteckung“ sucht man den größtmöglichen Abstand und die scharfe Abschottung zur Kultur der „Parallelgesellschaften“ in der Unterschicht. Man ist generell weniger geneigt, die „Diversitätszumutungen“ der Gesellschaft hinzunehmen.
Die prekären Mittelschichten hingegen, die tatsächlich einen relativen Abstieg erfahren, rechnen sich diesen als persönliches Scheitern an. Hier herrschen individualistische und fatalistische Deutungen über die eigene Arbeit vor. Man versucht, sich fast um jeden Preis über Erwerbsarbeit in die Gesellschaft zu integrieren. Dies hat auch hier zur Folge, dass man Schwächeren, vermeintlich Fauleren oder weniger Leistungsbereiten nicht selten mit Ressentiments begegnet.
Infolgedessen klammern sich gerade die vom Abstieg Bedrohten umso heftiger an ihren vergangenen oder imaginierten Status als Teil der Mittelschicht. Einige halten dabei rituell an der Aufstiegsorientierung fest, auch wenn sie diese Perspektive innerlich längst aufgegeben haben. Hierbei handelt es sich wohl um eine Nebenfolge der Individualisierung der alten Aufstiegsgesellschaft. Die Sozialfigur des Arbeiters taugt nicht mehr zu einer positiven Selbstbeschreibung. Arbeiter bauen längst nicht mehr das siebentorige Theben, ferner glaubt praktisch niemand mehr, sie seien das universelle Subjekt der gesellschaftlichen Emanzipation. Als Arbeiter gilt man vielmehr als abgehängt, als jemand, der es individuell nicht geschafft hat. Die kollektive Identität der Arbeiterschaft wurde ersetzt durch das allgemeine Streben nach einem Mittelklassestatus. Insgesamt hat in den vergangenen Jahren die subjektive Zugehörigkeit zur Arbeiterschicht nachgelassen, während die Selbsteinordnung zur Mittelschicht – trotz der Abstiege – zugenommen hat.
Den sozial Abgestiegenen oder in den unteren Segmenten des Arbeitsmarktes Tätigen bleibt nicht mehr viel. Früher hatten Lohnarbeiter durchaus noch ein positives Bild von der eigenen Zukunft, hatten das Streben nach Aufstieg und Eigenverantwortung verinnerlicht. Heute fühlen sie sich ausgegrenzt, deklassiert, diskriminiert – und hoffnungslos. An eine bessere Zukunft für sich glauben sie kaum mehr. Der eigene Aufstieg in eine höhere Klasse ist aus ihrem Deutungshorizont verschwunden, sie sind phlegmatisch und statusfatalistisch geworden.
Die neue Klassengesellschaft
Die Abstiegsgesellschaft führt in eine neue Klassengesellschaft. Die Oberklasse lebt in einer ständischen Welt, in der man sozial abgeschottet ist. Die Mittelklasse koproduziert sich durch die zunehmende Praxis sozialer Schließungen und kultureller Distinktionen. Die Melange aus sozialstaatlicher Kontrolle und Disziplinierung, prekären Jobs oder Sozialleistungen konstruiert eine neue Unterklasse. Diese wird in einer sozialen Lage fixiert, aus der es nur wenige Aus- und Aufsteiger gibt. Gleichwohl ist man dort nicht vom Erwerbssystem ausgeschlossen, sondern entweder mittelbar (als aktivierter Transferleistungsbezieher) oder unmittelbar (als Niedriglohnbeschäftigter) integriert.
Kein Wunder also, dass der Klassenbegriff in die gesellschaftliche Debatte zurückkehrt. Es sind die sozialen Realitäten, die seine Renaissance antreiben. Die vormals „unsichtbare Klassengesellschaft“ wird ans Tageslicht gebracht. Im ersten Kapitel wurde bereits erläutert, dass in der deutschen Nachkriegsgesellschaft gleich ein „mehrfaches Ende der Klassengesellschaft“ ausgerufen wurde. Der soziale Aufstieg der Arbeiterschaft hatte große Zweifel am Klassenkonzept aufkommen lassen.
Der Klassenbegriff bleibt auch aufgrund seiner politischen Implikationen umstritten. Gerade für diejenigen, die eigentlich zur Arbeiterklasse zählten, erwies sich die Idee der Klasse im Verlauf des 20. Jahrhundert immer weniger als handlungsleitend; ein sich seiner selbst gewisses Proletariat – die Klasse für sich – hat sich nur punktuell und in homöopathischen Dosen gezeigt.
In der Folge rückte man auch in der Soziologie vom Klassenkonzept ab. Statt Klassen und Schichten untersuchte man deshalb vor allem individuelle Lebenslagen sowie Milieus und bezog Fragen der horizontalen Differenzierung, etwa Ethnie und Geschlecht, sowie die Bedeutung von Lebensstilen (z. B. das Freizeitverhalten) stärker mit ein.
Heute könnte man allerdings sagen: Auf eine sehr widersprüchliche Art und Weise ist zumindest die Widerlegung von Marx widerlegt. In einem weiten Sinne hat sich die Klassengesellschaft im marxschen Sinne nämlich erst heute herausgebildet. Bei Marx ist Klasse ein relationaler Begriff: Der Ausschluss vom Eigentum an Produktionsmitteln impliziert eine fundamentale Machtasymmetrie und unterscheidet die Arbeitnehmer von den Kapitalisten. So gesehen ist Marx’ Klassenbegriff heute durchaus wieder relevant, denn nie zuvor waren mehr Menschen lohnabhängig erwerbstätig, vor allem weil sie keine Produktionsmittel besitzen. Die (Arbeiter-)Klasse an sich – wie Marx sie genannt hat – ist national wie global gewachsen. Auf der internationalen Ebene haben sich die sozialen Unterschiede zwischen den Nationen zwar in der jüngeren Vergangenheit verringert, innerhalb der Staaten nahmen sie jedoch immens zu. Von einer dichotomen Klassengesellschaft, wie Marx und Engels sie im Kommunistischen Manifest prophezeit haben, kann dennoch keine Rede sein. Die Bedeutung der Mittelklassen ist trotz der sozialen Abstiege groß.
Für eine moderne Klassenanalyse empfiehlt sich deshalb ein „pragmatischer Realismus“, der die Dimensionen Macht, Ausbeutung, Schließung und Lebenschancen mit einbezieht.
Solch ein Ansatz würde neben Marx auch die Herangehensweise Max Webers einbeziehen. Der deutsche Soziologe hatte Klassenlagen vor allem als Marktlagen gedeutet, die von Besitz und Erwerbschancen abhingen. Man sollte die Sichtweisen von Marx und Weber nicht als antagonistische, sondern als sich wechselseitig ergänzende Ansätze betrachten. Denn neben den relationalen marxschen Klassenverhältnissen gewinnen die von Weber ausgemachten Erwerbs- und Besitzklassen ebenfalls wieder an Relevanz. Mit Marx kann man den allgemeinen Anstieg der Abhängigkeit von Lohnarbeit verstehen, mit Weber die Ressourcen, Lebensführung und Marktchancen einzelner Gruppen – zum Beispiel von Bankern und Callcenteragenten – analysieren. Wie erläutert, kehrt auch das von Weber ausgemachte ständische Prinzip zurück, weil Ober- und Mittelklassen den eigenen Status in der Lebensführung erneut heraussteilen und über verschiedene Klassifikationen – etwa Ernährung, Kultur, Bildungszertifikate – die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe wieder stärker konturieren. Diese Prozesse der sozialen Schließung verstärken die Klassengrenzen wieder. Armut und Reichtum tendieren mehr und mehr dazu, sich sozial zu vererben. Gesellschaftliche Machtpositionen schlagen sich schließlich in Monopolrenten und Extraprofiten nieder. Wenn sozialer Aufstieg nicht mehr erfahrbar wird, „verfestigt sich das innere Bild“ einer klassenstrukturierten Gesellschaft, in der soziale Durchlässigkeit immer weniger existiert.
Durch den sozialen Abstieg entstehen allerdings zunächst keine Klassen im Sinne homogener Lebenslagen, aus denen heraus gleichgerichtete Interessen artikuliert werden. Was wir beobachten können, sind neue Klassenstrukturierungen. Diese sind nach Anthony Giddens gekennzeichnet durch Marktpositionen und Mobilitätschancen, betriebliche Arbeitsteilungen und Herrschaftsverhältnisse, in denen sich systematische Benachteiligungen verdichten. Für befristet Beschäftigte, Leiharbeiter, Teilzeit- und Werkvertragsbeschäftigte, Niedriglohnbezieher, Minijobber, Click-Worker, Ich-AGs und Transferleistungsbezieher bündeln sich Formen der Unterprivilegierung mit Defiziten an sozialen und wirtschaftlichen Bürgerrechten. Sie bilden den Kern einer neuen Unterklasse, haben im Grunde kein Vermögen und verfügen kaum über eigene Ressourcen der politischen Einflussnahme. Leiharbeiter können zum Beispiel in den Entleihbetrieben, auch wenn sie dort schon Jahre tätig sind, keine Betriebsräte werden.
Aber die neuen Klassenverhältnisse sind fragmentiert und kompliziert, so dass sich ein gemeinsames Interesse kaum artikulieren lässt. Der angestellte Lehrer, der in den Sommerferien entlassen wird, hat in einigen Dimensionen mehr mit dem qualifizierten Leiharbeiter gemein als mit dem verbeamteten Oberstudienrat. Beide befinden sich in höchst unsicheren Arbeitsverhältnissen, beide sehen sich in ihren Entgelten und ihren Rechten benachteiligt gegenüber ihren Kollegen aus der Stammbelegschaft. Hinsichtlich ihrer Tätigkeitsanforderungen und ihrer Lebensführung unterscheiden sie sich jedoch erheblich.
Unterhalb der Klassen der Vermögensbesitzer, der Topmanager etc. gibt es eine wachsende hoch qualifizierte Dienstklasse, die wiederum nicht über die gleichen Sicherheitsperspektiven verfügt. Zwischen den Stammbeschäftigten in einem Normalarbeitsverhältnis, mit einem Tarifvertrag und vertreten durch einen Betriebsrat und einer Servicekraft im Reinigungsgewerbe oder einer Verkäuferin im Einzelhandel bestehen zahllose Unterschiede der Klassenstrukturierung.
Moderne Klassenverhältnisse sind komplexer als der einfache Gegensatz von Arm / Reich oder Oben / Unten. Die vertikalen sozialen Ungleichheiten sind verschränkt mit horizontalen Disparitäten. Geschlecht und Ethnie bilden jeweils eigenständige, irreduzible Strukturen der Diskriminierung. Diese horizontalen Disparitäten sind wiederum verkoppelt mit spezifischen Formen „sekundärer Ausbeutung“. Damit ist die spezifische Produktion von Klassenverhältnissen gemeint, die über die „normale“ kapitalistische Ausbeutung hinausgehen: Betroffen hiervon sind zunächst ganz allgemein prekär Beschäftigte, deren geringeres Maß an sozialen und wirtschaftlichen Bürgerrechten mit horizontalen Disparitäten verwoben ist. Vor allem Frauen und Migranten werden aufgrund vermeintlicher askriptiver Merkmale auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert (Frauen sind zudem in der Regel für die Sorgearbeit zuständig). In solchen Fällen verbinden sich Klassenverhältnisse und Formen der (horizontalen) Unterdrückung zu Klassendisparitäten. Um es am Beispiel der weiblichen Erwerbsbeteiligung zu erläutern: Zwar hat sich die Arbeitsmarktposition von Frauen in den letzten Jahren erheblich verbessert, doch nach wie vor verdienen Frauen bei gleicher Qualifikation weniger; in Führungspositionen sind sie ohnehin unterrepräsentiert. Der Gender Pay Gap lag 1950 noch zwischen 40 und 50 Prozent. In den letzten Jahren sank er signifikant, kommt gleichwohl weiterhin auf satte 22 Prozent. Die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt bleiben somit in fast allen Dimensionen markant. Gleichwohl wird die Debatte über die Diskriminierung von Frauen vornehmlich entlang der Frage der Chancengleichheit geführt (siehe Kapitel drei). Von ebenso großer Bedeutung, jedoch weitgehend unbeachtet sind indes die sozialen Unterschiede zwischen den Frauen. Nicht alle werden gleich diskriminiert. Zu den „Gewinnerinnen“ der jüngeren Gleichstellungspolitik gehören vorzugsweise Frauen aus der Mittelschicht. Auf der anderen Seite verdient jede dritte Frau mit einer Vollzeitstelle nur einen Niedriglohn. So sind die Frauen zwar gleichberechtigter, aber die Ungleichheit zwischen den Frauen war nie so groß wie heute. Bei der gestiegenen weiblichen Erwerbstätigkeit handelt es sich darüber hinaus um einen Fall einer äußerst widersprüchlichen Form regressiver Modernisierung, denn gerade die verstärkte weibliche Arbeitsmarktteilnahme war eine „Wegbereiterin der Prekarität“. Die horizontale Gleichstellung der Frauen geht also damit einher, dass vertikale Ungleichheiten für Frauen und Männer wiedergekehrt sind.
Während man weiter oben in der sozialen Hierarchie eine verstärkte Chancengleichheit und eine Verringerung der horizontalen Disparitäten von Frauen und Männern wie auch Migranten beobachten kann, kumulieren sich am anderen Ende der Stufenleiter verschiedene Dimensionen von Klassendisparitäten. Frauen in den unteren sozialen Positionen sind in der Regel auch am stärksten diskriminiert, die horizontalen Disparitäten am stärksten ausgeprägt. Eine Managerin hat eine völlig andere Chance auf Gleichbehandlung als eine weibliche migrantische Reinigungskraft. Kurzum: Klasse, Geschlecht und Ethnie fusionieren am unteren Ende der Abstiegsgesellschaft zu einem Konglomerat von Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen.
In der sozialen Moderne wurden Klassenpositionen nach oben – insbesondere infolge der Gewährung einer gleichen Sozialbürgerschaft – nivelliert, in der regressiven Modernisierung der Abstiegsgesellschaft wird eine Vielzahl nach unten gerichteter Klassenstrukturierungen konstituiert. Zwar führt die Mehrheit der Freelancer oder Leiharbeiter ein prekäres Leben; für eine Minderheit, zum Beispiel die schon erwähnten jungen und gut verdienenden IT-Spezialisten, bedeutet dies freilich einen Zugewinn an Autonomie. Dadurch kommt es nicht – wie jüngst von prominenter Seite erhofft - zur Herausbildung eines „Prekariats“ als neuer sozialer Klasse. Es entsteht bisher weder Handlungspotenzial noch ein Klassenbewusstsein, das die Massen ergreift. Es gibt eben nicht ein Prekariat, sondern „viele Prekariate“. Deren Ausprägungen hängen nicht nur von den Kontextbedingungen des Arbeitsmarktes und der eigenen Qualifikation, sondern auch von subjektiven Dispositionen ab. Die prekären Kreativarbeiterinnen und Kreativarbeiter machen häufig aus der Not eine Affirmation („Ich kann mir nicht vorstellen, einen Chef zu haben; ich brauche meine Freiheit“). Die unbekümmerte Freiheit gedeiht am Ende allerdings nicht selten auf dem Polster elterlichen Wohlstands. In den Branchen des ehemaligen öffentlichen Dienstes ist dagegen das Bewusstsein einer Abwertung der eigenen Arbeitsbiografie viel stärker ausgeprägt. Auch das „Dienstleistungsproletariat“ der Einfacharbeit und Serviceindustrie bleibt in seinen Interessen vorerst fragmentiert. Obendrein zeigen aktuelle Studien, wie voraussetzungsvoll und widersprüchlich das Bewusstsein von Industriearbeitern ist. Lediglich in den Milieus der Transferempfänger kann man eine gewisse Homogenisierung der Lebensführung und der Einstellungen beobachten, die auf die zukünftige Bildung einer sozialen Klasse hindeuten könnte. Sie können sich häufig nicht die gleichen Konsumstile oder kulturellen Events leisten wie Stammbeschäftigte. Wertige Geschenke sind nur noch in eine Richtung möglich. Die Scham der Transferempfänger, die Angst vor der sozialen Ansteckung oder das Unverständnis gegenüber der Lebensführung von Freunden und Kollegen, die sich in der Zone der Integration oder Verwundbarkeit befinden, führen zu wechselseitiger Entfremdung. Am Ende bleibt man vornehmlich unter sich.
Durch die neuen Klassenstrukturierungen wachsen zunächst also nur „Quasi-Gruppen“, die zwar über gemeinsame Probleme und potenzielle geteilte Interessen verfügen. Was daraus folgt, bleibt ungewiss, denn selbst wenn vertikale Klassenverhältnisse zurückkehren, hat sich die Gesellschaft pluralisiert. Bisher entstehen prekäre oder proletarische Lagen, die aber keine politische Gemeinsamkeit erkennen lassen. Es ist eine „Klassengesellschaft ohne Klassenspannung“, in der die Klassen sich nicht über kollektives Handeln konstituieren. Aber: Prekarität und Abstiege führen – wie im nächsten Kapitel gezeigt wird – zu Akten des Aufbegehrens.
Oliver Nachtwey, geboren 1975, ist Fellow am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Er hat an den Universitäten Jena, Trier, Darmstadt und Frankfurt am Main zu Arbeit, Ungleichheit, Protest und Demokratie gelehrt und geforscht.
Kein Wunder also, dass der Klassenbegriff in die gesellschaftliche Debatte zurückkehrt. Es sind die sozialen Realitäten, die seine Renaissance antreiben. Die vormals „unsichtbare Klassengesellschaft“ wird ans Tageslicht gebracht. Im ersten Kapitel wurde bereits erläutert, dass in der deutschen Nachkriegsgesellschaft gleich ein „mehrfaches Ende der Klassengesellschaft“ ausgerufen wurde. Der soziale Aufstieg der Arbeiterschaft hatte große Zweifel am Klassenkonzept aufkommen lassen.
Der Klassenbegriff bleibt auch aufgrund seiner politischen Implikationen umstritten. Gerade für diejenigen, die eigentlich zur Arbeiterklasse zählten, erwies sich die Idee der Klasse im Verlauf des 20. Jahrhundert immer weniger als handlungsleitend; ein sich seiner selbst gewisses Proletariat – die Klasse für sich – hat sich nur punktuell und in homöopathischen Dosen gezeigt.
In der Folge rückte man auch in der Soziologie vom Klassenkonzept ab. Statt Klassen und Schichten untersuchte man deshalb vor allem individuelle Lebenslagen sowie Milieus und bezog Fragen der horizontalen Differenzierung, etwa Ethnie und Geschlecht, sowie die Bedeutung von Lebensstilen (z. B. das Freizeitverhalten) stärker mit ein.
Heute könnte man allerdings sagen: Auf eine sehr widersprüchliche Art und Weise ist zumindest die Widerlegung von Marx widerlegt. In einem weiten Sinne hat sich die Klassengesellschaft im marxschen Sinne nämlich erst heute herausgebildet. Bei Marx ist Klasse ein relationaler Begriff: Der Ausschluss vom Eigentum an Produktionsmitteln impliziert eine fundamentale Machtasymmetrie und unterscheidet die Arbeitnehmer von den Kapitalisten. So gesehen ist Marx’ Klassenbegriff heute durchaus wieder relevant, denn nie zuvor waren mehr Menschen lohnabhängig erwerbstätig, vor allem weil sie keine Produktionsmittel besitzen. Die (Arbeiter-)Klasse an sich – wie Marx sie genannt hat – ist national wie global gewachsen. Auf der internationalen Ebene haben sich die sozialen Unterschiede zwischen den Nationen zwar in der jüngeren Vergangenheit verringert, innerhalb der Staaten nahmen sie jedoch immens zu. Von einer dichotomen Klassengesellschaft, wie Marx und Engels sie im Kommunistischen Manifest prophezeit haben, kann dennoch keine Rede sein. Die Bedeutung der Mittelklassen ist trotz der sozialen Abstiege groß.
Für eine moderne Klassenanalyse empfiehlt sich deshalb ein „pragmatischer Realismus“, der die Dimensionen Macht, Ausbeutung, Schließung und Lebenschancen mit einbezieht.
Solch ein Ansatz würde neben Marx auch die Herangehensweise Max Webers einbeziehen. Der deutsche Soziologe hatte Klassenlagen vor allem als Marktlagen gedeutet, die von Besitz und Erwerbschancen abhingen. Man sollte die Sichtweisen von Marx und Weber nicht als antagonistische, sondern als sich wechselseitig ergänzende Ansätze betrachten. Denn neben den relationalen marxschen Klassenverhältnissen gewinnen die von Weber ausgemachten Erwerbs- und Besitzklassen ebenfalls wieder an Relevanz. Mit Marx kann man den allgemeinen Anstieg der Abhängigkeit von Lohnarbeit verstehen, mit Weber die Ressourcen, Lebensführung und Marktchancen einzelner Gruppen – zum Beispiel von Bankern und Callcenteragenten – analysieren. Wie erläutert, kehrt auch das von Weber ausgemachte ständische Prinzip zurück, weil Ober- und Mittelklassen den eigenen Status in der Lebensführung erneut heraussteilen und über verschiedene Klassifikationen – etwa Ernährung, Kultur, Bildungszertifikate – die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe wieder stärker konturieren. Diese Prozesse der sozialen Schließung verstärken die Klassengrenzen wieder. Armut und Reichtum tendieren mehr und mehr dazu, sich sozial zu vererben. Gesellschaftliche Machtpositionen schlagen sich schließlich in Monopolrenten und Extraprofiten nieder. Wenn sozialer Aufstieg nicht mehr erfahrbar wird, „verfestigt sich das innere Bild“ einer klassenstrukturierten Gesellschaft, in der soziale Durchlässigkeit immer weniger existiert.
Durch den sozialen Abstieg entstehen allerdings zunächst keine Klassen im Sinne homogener Lebenslagen, aus denen heraus gleichgerichtete Interessen artikuliert werden. Was wir beobachten können, sind neue Klassenstrukturierungen. Diese sind nach Anthony Giddens gekennzeichnet durch Marktpositionen und Mobilitätschancen, betriebliche Arbeitsteilungen und Herrschaftsverhältnisse, in denen sich systematische Benachteiligungen verdichten. Für befristet Beschäftigte, Leiharbeiter, Teilzeit- und Werkvertragsbeschäftigte, Niedriglohnbezieher, Minijobber, Click-Worker, Ich-AGs und Transferleistungsbezieher bündeln sich Formen der Unterprivilegierung mit Defiziten an sozialen und wirtschaftlichen Bürgerrechten. Sie bilden den Kern einer neuen Unterklasse, haben im Grunde kein Vermögen und verfügen kaum über eigene Ressourcen der politischen Einflussnahme. Leiharbeiter können zum Beispiel in den Entleihbetrieben, auch wenn sie dort schon Jahre tätig sind, keine Betriebsräte werden.
Aber die neuen Klassenverhältnisse sind fragmentiert und kompliziert, so dass sich ein gemeinsames Interesse kaum artikulieren lässt. Der angestellte Lehrer, der in den Sommerferien entlassen wird, hat in einigen Dimensionen mehr mit dem qualifizierten Leiharbeiter gemein als mit dem verbeamteten Oberstudienrat. Beide befinden sich in höchst unsicheren Arbeitsverhältnissen, beide sehen sich in ihren Entgelten und ihren Rechten benachteiligt gegenüber ihren Kollegen aus der Stammbelegschaft. Hinsichtlich ihrer Tätigkeitsanforderungen und ihrer Lebensführung unterscheiden sie sich jedoch erheblich.
Unterhalb der Klassen der Vermögensbesitzer, der Topmanager etc. gibt es eine wachsende hoch qualifizierte Dienstklasse, die wiederum nicht über die gleichen Sicherheitsperspektiven verfügt. Zwischen den Stammbeschäftigten in einem Normalarbeitsverhältnis, mit einem Tarifvertrag und vertreten durch einen Betriebsrat und einer Servicekraft im Reinigungsgewerbe oder einer Verkäuferin im Einzelhandel bestehen zahllose Unterschiede der Klassenstrukturierung.
Moderne Klassenverhältnisse sind komplexer als der einfache Gegensatz von Arm / Reich oder Oben / Unten. Die vertikalen sozialen Ungleichheiten sind verschränkt mit horizontalen Disparitäten. Geschlecht und Ethnie bilden jeweils eigenständige, irreduzible Strukturen der Diskriminierung. Diese horizontalen Disparitäten sind wiederum verkoppelt mit spezifischen Formen „sekundärer Ausbeutung“. Damit ist die spezifische Produktion von Klassenverhältnissen gemeint, die über die „normale“ kapitalistische Ausbeutung hinausgehen: Betroffen hiervon sind zunächst ganz allgemein prekär Beschäftigte, deren geringeres Maß an sozialen und wirtschaftlichen Bürgerrechten mit horizontalen Disparitäten verwoben ist. Vor allem Frauen und Migranten werden aufgrund vermeintlicher askriptiver Merkmale auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert (Frauen sind zudem in der Regel für die Sorgearbeit zuständig). In solchen Fällen verbinden sich Klassenverhältnisse und Formen der (horizontalen) Unterdrückung zu Klassendisparitäten. Um es am Beispiel der weiblichen Erwerbsbeteiligung zu erläutern: Zwar hat sich die Arbeitsmarktposition von Frauen in den letzten Jahren erheblich verbessert, doch nach wie vor verdienen Frauen bei gleicher Qualifikation weniger; in Führungspositionen sind sie ohnehin unterrepräsentiert. Der Gender Pay Gap lag 1950 noch zwischen 40 und 50 Prozent. In den letzten Jahren sank er signifikant, kommt gleichwohl weiterhin auf satte 22 Prozent. Die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt bleiben somit in fast allen Dimensionen markant. Gleichwohl wird die Debatte über die Diskriminierung von Frauen vornehmlich entlang der Frage der Chancengleichheit geführt (siehe Kapitel drei). Von ebenso großer Bedeutung, jedoch weitgehend unbeachtet sind indes die sozialen Unterschiede zwischen den Frauen. Nicht alle werden gleich diskriminiert. Zu den „Gewinnerinnen“ der jüngeren Gleichstellungspolitik gehören vorzugsweise Frauen aus der Mittelschicht. Auf der anderen Seite verdient jede dritte Frau mit einer Vollzeitstelle nur einen Niedriglohn. So sind die Frauen zwar gleichberechtigter, aber die Ungleichheit zwischen den Frauen war nie so groß wie heute. Bei der gestiegenen weiblichen Erwerbstätigkeit handelt es sich darüber hinaus um einen Fall einer äußerst widersprüchlichen Form regressiver Modernisierung, denn gerade die verstärkte weibliche Arbeitsmarktteilnahme war eine „Wegbereiterin der Prekarität“. Die horizontale Gleichstellung der Frauen geht also damit einher, dass vertikale Ungleichheiten für Frauen und Männer wiedergekehrt sind.
Während man weiter oben in der sozialen Hierarchie eine verstärkte Chancengleichheit und eine Verringerung der horizontalen Disparitäten von Frauen und Männern wie auch Migranten beobachten kann, kumulieren sich am anderen Ende der Stufenleiter verschiedene Dimensionen von Klassendisparitäten. Frauen in den unteren sozialen Positionen sind in der Regel auch am stärksten diskriminiert, die horizontalen Disparitäten am stärksten ausgeprägt. Eine Managerin hat eine völlig andere Chance auf Gleichbehandlung als eine weibliche migrantische Reinigungskraft. Kurzum: Klasse, Geschlecht und Ethnie fusionieren am unteren Ende der Abstiegsgesellschaft zu einem Konglomerat von Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen.
In der sozialen Moderne wurden Klassenpositionen nach oben – insbesondere infolge der Gewährung einer gleichen Sozialbürgerschaft – nivelliert, in der regressiven Modernisierung der Abstiegsgesellschaft wird eine Vielzahl nach unten gerichteter Klassenstrukturierungen konstituiert. Zwar führt die Mehrheit der Freelancer oder Leiharbeiter ein prekäres Leben; für eine Minderheit, zum Beispiel die schon erwähnten jungen und gut verdienenden IT-Spezialisten, bedeutet dies freilich einen Zugewinn an Autonomie. Dadurch kommt es nicht – wie jüngst von prominenter Seite erhofft - zur Herausbildung eines „Prekariats“ als neuer sozialer Klasse. Es entsteht bisher weder Handlungspotenzial noch ein Klassenbewusstsein, das die Massen ergreift. Es gibt eben nicht ein Prekariat, sondern „viele Prekariate“. Deren Ausprägungen hängen nicht nur von den Kontextbedingungen des Arbeitsmarktes und der eigenen Qualifikation, sondern auch von subjektiven Dispositionen ab. Die prekären Kreativarbeiterinnen und Kreativarbeiter machen häufig aus der Not eine Affirmation („Ich kann mir nicht vorstellen, einen Chef zu haben; ich brauche meine Freiheit“). Die unbekümmerte Freiheit gedeiht am Ende allerdings nicht selten auf dem Polster elterlichen Wohlstands. In den Branchen des ehemaligen öffentlichen Dienstes ist dagegen das Bewusstsein einer Abwertung der eigenen Arbeitsbiografie viel stärker ausgeprägt. Auch das „Dienstleistungsproletariat“ der Einfacharbeit und Serviceindustrie bleibt in seinen Interessen vorerst fragmentiert. Obendrein zeigen aktuelle Studien, wie voraussetzungsvoll und widersprüchlich das Bewusstsein von Industriearbeitern ist. Lediglich in den Milieus der Transferempfänger kann man eine gewisse Homogenisierung der Lebensführung und der Einstellungen beobachten, die auf die zukünftige Bildung einer sozialen Klasse hindeuten könnte. Sie können sich häufig nicht die gleichen Konsumstile oder kulturellen Events leisten wie Stammbeschäftigte. Wertige Geschenke sind nur noch in eine Richtung möglich. Die Scham der Transferempfänger, die Angst vor der sozialen Ansteckung oder das Unverständnis gegenüber der Lebensführung von Freunden und Kollegen, die sich in der Zone der Integration oder Verwundbarkeit befinden, führen zu wechselseitiger Entfremdung. Am Ende bleibt man vornehmlich unter sich.
Durch die neuen Klassenstrukturierungen wachsen zunächst also nur „Quasi-Gruppen“, die zwar über gemeinsame Probleme und potenzielle geteilte Interessen verfügen. Was daraus folgt, bleibt ungewiss, denn selbst wenn vertikale Klassenverhältnisse zurückkehren, hat sich die Gesellschaft pluralisiert. Bisher entstehen prekäre oder proletarische Lagen, die aber keine politische Gemeinsamkeit erkennen lassen. Es ist eine „Klassengesellschaft ohne Klassenspannung“, in der die Klassen sich nicht über kollektives Handeln konstituieren. Aber: Prekarität und Abstiege führen – wie im nächsten Kapitel gezeigt wird – zu Akten des Aufbegehrens.
Oliver Nachtwey, geboren 1975, ist Fellow am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Er hat an den Universitäten Jena, Trier, Darmstadt und Frankfurt am Main zu Arbeit, Ungleichheit, Protest und Demokratie gelehrt und geforscht.
Nachtwey, Oliver, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp, 2016, S. 165 – 179.
Des Lebens noch nicht ganz froh
Ein Brief von Hans Fallada an seine Eltern am 12. Mai 1930
Ja, Mutti hat recht, an sich, im Äußerlichen scheint uns Berlin bisher nicht gelächelt zu haben, aber deswegen lassen wir den Kopf noch lange nicht sinken. Denn im Innerlichen, in der Freude am Leben, im trübungslosen Dasein, hat uns Berlin unendlich viel gegeben. Es ist doch, als sei uns eine Last abgenommen. Die ungewisse Zukunft in Neumünster, die ständige Angst von Termin zu Termin vor der Kündigung, die grässliche Arbeit, die immer wieder präsentierten Erinnerungen an eine Vergangenheit, die wirklich überwunden ist, die unerfreulichen Wohnverhältnisse, der ewige Kampf, sich dem Trinkzwang zu entziehen, das und hundertlei andere Dinge haben uns dort des Lebens doch nicht ganz froh werden lassen.
Heute leben wir in Berlin, wie wir in der kleinsten Stadt nicht leben könnten. Wir gehen eigentlich gar nicht aus, d. h. zu Veranstaltungen usw. Wir haben einen reizenden Freundeskreis, der Interesse an uns nimmt, der sich um uns sorgt, der uns anregt. Die Arbeit macht Freude, findet Anerkennung und ist sicher vor Kündigung. Dazu kommt, dass mir die größere Sorgenlosigkeit den Antrieb zu selbstständiger Arbeit gegeben hat, eine Arbeit, die mich, man mag über ihre praktischen Folgen denken wie man will, doch glücklich und zufrieden macht, die meinem Leben Inhalt gibt und die mich doch Erleichterungen für eine nicht zu ferne Zukunft hoffen lässt.
Dass uns Berlin auf der andern Seite durch seine erhöhten Anforderungen im Pekuniären schwere Sorgen macht, das können wir nicht bestreiten. Die anliegende Abrechnung, die nun definitiv die letzte ihrer Art sein soll, ist ein Beispiel dafür. Wir sind uns natürlich klar, dass das so nicht weitergeht. Wir haben auch, wie ich schon schrieb, alle Vorkehrungen getroffen, dass sich dies nicht wiederholt. Wir werden mit Gewalt sparen. Sobald ich dann eine Möglichkeit sehe, auf eigene Wohnung loszugehen, tue ich es. Augenblicklich ist es noch nicht zu machen, trotzdem wir jetzt endlich vom Wohnungsamt Wohnberechtigungsschein für eine Stube und Küche erlangt haben! Sogar die Neumünsteraner Zeit ist mir angerechnet worden. Aber Berücksichtigung erfolgt erst, wie mir gleich mitgeteilt wurde, in vier bis fünf Jahren. So lange will ich doch lieber nicht warten. Sobald ich also etwas Geld verdient habe, muss ich sehen, dass ich eine Wohnung kaufen kann. Oder aber ich habe Glück, durch den Schutzverband Deutscher Schriftsteller.
Ich habe dieser Tage einen Bekannten zum Tee, der den Leiter des Schutzverbandes gut kennt, ich will versuchen, dass er ein gutes Wort für uns einlegt.
Ihr könnte Euch gar nicht denken, wie schön es augenblicklich im Schlosspark Bellevue ist. Ich habe ja das Glück, jeden Tag zweimal durchzugehen, seit ich mit Anfang dieses Monats mein Stadtbahnabonnement aufgegeben habe und zu Fuß laufe. Das blüht und gedeiht, es ist nicht zu sagen. Nichts von Berlin merkt man da. Es ist so schön, wenn irgend Zeit und Wetter es erlauben, gehen Suse und ich abends vor dem Essen noch einmal ein halbes Stündchen hin. Jetzt kommt mit Gewalt der Flieder. Und die Rhododendren!
Heute leben wir in Berlin, wie wir in der kleinsten Stadt nicht leben könnten. Wir gehen eigentlich gar nicht aus, d. h. zu Veranstaltungen usw. Wir haben einen reizenden Freundeskreis, der Interesse an uns nimmt, der sich um uns sorgt, der uns anregt. Die Arbeit macht Freude, findet Anerkennung und ist sicher vor Kündigung. Dazu kommt, dass mir die größere Sorgenlosigkeit den Antrieb zu selbstständiger Arbeit gegeben hat, eine Arbeit, die mich, man mag über ihre praktischen Folgen denken wie man will, doch glücklich und zufrieden macht, die meinem Leben Inhalt gibt und die mich doch Erleichterungen für eine nicht zu ferne Zukunft hoffen lässt.
Dass uns Berlin auf der andern Seite durch seine erhöhten Anforderungen im Pekuniären schwere Sorgen macht, das können wir nicht bestreiten. Die anliegende Abrechnung, die nun definitiv die letzte ihrer Art sein soll, ist ein Beispiel dafür. Wir sind uns natürlich klar, dass das so nicht weitergeht. Wir haben auch, wie ich schon schrieb, alle Vorkehrungen getroffen, dass sich dies nicht wiederholt. Wir werden mit Gewalt sparen. Sobald ich dann eine Möglichkeit sehe, auf eigene Wohnung loszugehen, tue ich es. Augenblicklich ist es noch nicht zu machen, trotzdem wir jetzt endlich vom Wohnungsamt Wohnberechtigungsschein für eine Stube und Küche erlangt haben! Sogar die Neumünsteraner Zeit ist mir angerechnet worden. Aber Berücksichtigung erfolgt erst, wie mir gleich mitgeteilt wurde, in vier bis fünf Jahren. So lange will ich doch lieber nicht warten. Sobald ich also etwas Geld verdient habe, muss ich sehen, dass ich eine Wohnung kaufen kann. Oder aber ich habe Glück, durch den Schutzverband Deutscher Schriftsteller.
Ich habe dieser Tage einen Bekannten zum Tee, der den Leiter des Schutzverbandes gut kennt, ich will versuchen, dass er ein gutes Wort für uns einlegt.
Ihr könnte Euch gar nicht denken, wie schön es augenblicklich im Schlosspark Bellevue ist. Ich habe ja das Glück, jeden Tag zweimal durchzugehen, seit ich mit Anfang dieses Monats mein Stadtbahnabonnement aufgegeben habe und zu Fuß laufe. Das blüht und gedeiht, es ist nicht zu sagen. Nichts von Berlin merkt man da. Es ist so schön, wenn irgend Zeit und Wetter es erlauben, gehen Suse und ich abends vor dem Essen noch einmal ein halbes Stündchen hin. Jetzt kommt mit Gewalt der Flieder. Und die Rhododendren!
Fallada, Hans, Berliner Abenteuer. Herausgegeben von Ingrid Feix. Berlin: BeBra Verlag, 2025, S. 129 – 131.
Demokratiedistanz der Mitte
von Beate Küpper und Andreas Zick
Die „gesellschaftliche Mitte“ galt lange als Stabilitätsanker der Demokratie, der Krisen und Herausforderungen trotzen konnte. Doch diese Mitte zeigt mehr und mehr demokratiedistante und -feindliche Merkmale, die für die liberale Demokratie gefährlich werden können.
Nach der Enthüllung rechtsextremer „Remigrationspläne“ durch das Rechercheteam von Correctiv im Januar 2024 gingen mehr als drei Millionen Menschen auf die Straße, um für die Demokratie zu demonstrieren und gegen den Rechtsextremismus zu protestieren. Vielen Menschen wurde klar, dass die rechtsextremen Pläne potenziell ihre Nachbarn, Kolleg*innen, Freunde, Verwandten, vielleicht sogar ihre Partner*innen, Kinder und sie selbst betreffen könnten. Irritation lösen auch die Pläne selbsternannter Reichsbürger und Selbstversorger aus – die der Verfassungsschutz keineswegs als harmlose Spinner einstuft – sowie die Umsturzphantasien militärisch geschulter Personen für einen „Tag X“. Und während Teile der alten und neuen Rechtsextremen über nationalistische Neuordnungen sinnieren und etwa den „Dexit“ – den Ausstieg Deutschlands aus der Europäischen Union – fordern, avanciert ein Lied zum Party-Hit, bei dem die in den 1990er Jahren unter Neonazis weitverbreitete Parole „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ jubelnd mitgebrüllt wird.
Völkische und rechtsextreme Vorstellungen fallen offenkundig in Teilen der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Zu den Studien, die dies schon seit etlichen Jahren belegen, gehört auch die Mitte-Studie zur Verbreitung demokratiegefährdender und rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung, die seit 2006 in zweijährigem Rhythmus im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) durchgeführt wird. Die jüngste Studie der Reihe, deren Erhebung schwerpunktmäßig im Januar und Februar 2023 erfolgte, zeigt einen dramatischen Anstieg demokratiedistanter bis demokratiefeindlicher Haltungen, die sich unter anderem in einen wachsenden Zuspruch für die Partei Alternative für Deutschland (AfD) übersetzen.
Auch die 2023 gestiegenen Zahlen insbesondere rechtsmotivierter Straf- und Gewalttaten und von Hasskriminalität lassen darauf schließen, dass sich Täter*innen durch die aktuelle Stimmungslage ermuntert fühlen. Wut und Gewalt treffen zunehmend auch jene, die dem verhassten Staat zugeordnet werden – egal, ob sie tatsächlich mit ihm zu tun haben oder nicht. Neben Angehörigen der Polizei trifft es etwa Sanitäter*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen, aber auch diejenigen, die bei demokratischen Wahlen antreten, schon länger politische Ämter auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene übernommen haben oder zivilgesellschaftliche Arbeit für die Demokratie leisten. Zu Täter*innen werden dabei auch Personen, die klassischerweise der „politischen Mitte“ zugerechnet werden. Schon bei den Pegida-Demonstrationen liefen Menschen, die sich dem „bürgerlichen Lager“ zugehörig fühlten, Seite an Seite mit erkennbar rechtsextremen Hooligans.
Für den Rechtsruck verantwortlich gemacht werden regionale, nationale und globale Krisen, soziale Ungleichheit und Abstiegsängste, bisweilen auch eine Überforderung des „kleinen Mannes“ durch Veränderungen, die von linksliberal-progressiver Seite vorangetrieben werden. Auch die Demokratie selbst wird als Ursache genannt, die zu intransparent, verkrustet und abgehoben sei und nicht ausreichend auf die Bedürfnisse der Bürger*innen eingehe. Die gut organisierte und vernetzte äußerste Rechte weiß dies für sich zu nutzen, indem sie das Gefühl der Verunsicherung durch Krisen weiter anheizt und auf die „korrupten Eliten“ oder die „fremden Anderen“ als die wahren Schuldigen zeigt. Der Rechtsruck wiederum verweist auf eine Krise der Mitte selbst: Verliert sie im Krisenmodus die demokratische Orientierung? Dieser Frage gehen wir im Folgenden mit Blick auf demokratiedistante und -gefährdende Einstellungen genauer nach.
Nach der Enthüllung rechtsextremer „Remigrationspläne“ durch das Rechercheteam von Correctiv im Januar 2024 gingen mehr als drei Millionen Menschen auf die Straße, um für die Demokratie zu demonstrieren und gegen den Rechtsextremismus zu protestieren. Vielen Menschen wurde klar, dass die rechtsextremen Pläne potenziell ihre Nachbarn, Kolleg*innen, Freunde, Verwandten, vielleicht sogar ihre Partner*innen, Kinder und sie selbst betreffen könnten. Irritation lösen auch die Pläne selbsternannter Reichsbürger und Selbstversorger aus – die der Verfassungsschutz keineswegs als harmlose Spinner einstuft – sowie die Umsturzphantasien militärisch geschulter Personen für einen „Tag X“. Und während Teile der alten und neuen Rechtsextremen über nationalistische Neuordnungen sinnieren und etwa den „Dexit“ – den Ausstieg Deutschlands aus der Europäischen Union – fordern, avanciert ein Lied zum Party-Hit, bei dem die in den 1990er Jahren unter Neonazis weitverbreitete Parole „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ jubelnd mitgebrüllt wird.
Völkische und rechtsextreme Vorstellungen fallen offenkundig in Teilen der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Zu den Studien, die dies schon seit etlichen Jahren belegen, gehört auch die Mitte-Studie zur Verbreitung demokratiegefährdender und rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung, die seit 2006 in zweijährigem Rhythmus im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) durchgeführt wird. Die jüngste Studie der Reihe, deren Erhebung schwerpunktmäßig im Januar und Februar 2023 erfolgte, zeigt einen dramatischen Anstieg demokratiedistanter bis demokratiefeindlicher Haltungen, die sich unter anderem in einen wachsenden Zuspruch für die Partei Alternative für Deutschland (AfD) übersetzen.
Auch die 2023 gestiegenen Zahlen insbesondere rechtsmotivierter Straf- und Gewalttaten und von Hasskriminalität lassen darauf schließen, dass sich Täter*innen durch die aktuelle Stimmungslage ermuntert fühlen. Wut und Gewalt treffen zunehmend auch jene, die dem verhassten Staat zugeordnet werden – egal, ob sie tatsächlich mit ihm zu tun haben oder nicht. Neben Angehörigen der Polizei trifft es etwa Sanitäter*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen, aber auch diejenigen, die bei demokratischen Wahlen antreten, schon länger politische Ämter auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene übernommen haben oder zivilgesellschaftliche Arbeit für die Demokratie leisten. Zu Täter*innen werden dabei auch Personen, die klassischerweise der „politischen Mitte“ zugerechnet werden. Schon bei den Pegida-Demonstrationen liefen Menschen, die sich dem „bürgerlichen Lager“ zugehörig fühlten, Seite an Seite mit erkennbar rechtsextremen Hooligans.
Für den Rechtsruck verantwortlich gemacht werden regionale, nationale und globale Krisen, soziale Ungleichheit und Abstiegsängste, bisweilen auch eine Überforderung des „kleinen Mannes“ durch Veränderungen, die von linksliberal-progressiver Seite vorangetrieben werden. Auch die Demokratie selbst wird als Ursache genannt, die zu intransparent, verkrustet und abgehoben sei und nicht ausreichend auf die Bedürfnisse der Bürger*innen eingehe. Die gut organisierte und vernetzte äußerste Rechte weiß dies für sich zu nutzen, indem sie das Gefühl der Verunsicherung durch Krisen weiter anheizt und auf die „korrupten Eliten“ oder die „fremden Anderen“ als die wahren Schuldigen zeigt. Der Rechtsruck wiederum verweist auf eine Krise der Mitte selbst: Verliert sie im Krisenmodus die demokratische Orientierung? Dieser Frage gehen wir im Folgenden mit Blick auf demokratiedistante und -gefährdende Einstellungen genauer nach.
Die „Mitte“ und die Demokratie
Die „Mitte“ ist im politischen Diskurs und Wettbewerb ein Ort, der Orientierung zu bieten scheint; sie verspricht einen Modus des Interessenausgleichs zur demokratischen Konfliktregulation. Zugleich ist sie nur vage bestimmt, also ein Fuzzy-Konzept. Mit ihr können sich nicht nur viele Menschen identifizieren, sondern es lässt sich auch vieles in sie hineininterpretieren. Die Mitte verspricht „Normalität“. Entsprechend umworben wird sie von den Volksparteien, die sich selbst in einer Tradition der Orientierung zur Mitte sehen. Nicht zufällig warb auch die AfD bei der zurückliegenden Bundestagswahl 2021 mit dem Slogan „Deutschland. Aber normal“ für sich, um diese Mitte politisch (neu) zu besetzen. Empirisch kann die Mitte schlicht als Mittelwert beziehungsweise mittlerer Wertebereich verstanden werden, in dem sich viele Menschen versammeln, unabhängig von Inhalt und Qualität dieser Werte. So wie ein mittleres Einkommen noch nicht bedeutet, dass es sich gut davon leben lässt, sagt eine „mittlere Einstellung“ noch nichts darüber aus, wie demokratisch diese ist.
Sozialwissenschaftliche Ansätze definieren die Mitte vor allem sozialstrukturell nach ökonomischen Kriterien und orientieren sich dabei zumeist an einem Schichtmodell. Empirisch wird in der Regel das mittlere Einkommen herangezogen, ergänzend in manchen Definitionen auch das (mittlere) Bildungsniveau und / oder der Berufsstatus. Das Sozioökonomische Panel (SOEP) etwa fasst unter „Mittelschicht“ Personen mit einem Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen, das 70 Prozent über oder unter dem Median-Einkommen liegt. 2023 handelte es sich hierbei um Personen, die über mehr als 1283 Euro, aber weniger als 2750 Euro Haushaltsnettoeinkommen im Monat verfügten. Dies traf auf 48 Prozent der Befragten der Mitte-Studie zu. Auf einer Skala von 1 („ganz unten“) bis 10 („ganz oben“) stufte sich 2022/23 knapp die Hälfte der Befragten mit den Werten 5 und 6 ein, den erweiterten Bereich um die Mitte herum (Werte von 4 bis 7) wählten drei Viertel der Befragten. 2014 zählten sich noch 62 Prozent zur Mitte, 90 Prozent in der Tendenz. In der Selbsteinschätzung ordneten sich hingegen 80 Prozent der Mittelschicht zu.
Aus politikwissenschaftlicher Perspektive interessiert die „Mitte“ vor allem hinsichtlich ihrer politischen Orientierung, meist gemessen über die Parteipräferenz auf einer Links-Rechts-Skala. Folgt man der Hufeisentheorie des Extremismus, werden extreme beziehungsweise demokratiefeindliche Positionen an den politischen Rändern verortet. Dies suggeriert – neben der Assoziation,„extrem Rechts“ und „extrem Links“ seien gleich demokratiegefährdend –, dass die Mitte per se demokratisch ist. In den vergangenen Jahren verorteten sich jeweils gut 60 Prozent der Bevölkerung politisch „genau in der Mitte“, in der jüngsten Mitte-Studie sank dieser Anteil auf nur noch 55 Prozent; zugleich positionierten sich nunmehr 15 Prozent politisch rechts der Mitte (Abbildung 1).
Sozialwissenschaftliche Ansätze definieren die Mitte vor allem sozialstrukturell nach ökonomischen Kriterien und orientieren sich dabei zumeist an einem Schichtmodell. Empirisch wird in der Regel das mittlere Einkommen herangezogen, ergänzend in manchen Definitionen auch das (mittlere) Bildungsniveau und / oder der Berufsstatus. Das Sozioökonomische Panel (SOEP) etwa fasst unter „Mittelschicht“ Personen mit einem Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen, das 70 Prozent über oder unter dem Median-Einkommen liegt. 2023 handelte es sich hierbei um Personen, die über mehr als 1283 Euro, aber weniger als 2750 Euro Haushaltsnettoeinkommen im Monat verfügten. Dies traf auf 48 Prozent der Befragten der Mitte-Studie zu. Auf einer Skala von 1 („ganz unten“) bis 10 („ganz oben“) stufte sich 2022/23 knapp die Hälfte der Befragten mit den Werten 5 und 6 ein, den erweiterten Bereich um die Mitte herum (Werte von 4 bis 7) wählten drei Viertel der Befragten. 2014 zählten sich noch 62 Prozent zur Mitte, 90 Prozent in der Tendenz. In der Selbsteinschätzung ordneten sich hingegen 80 Prozent der Mittelschicht zu.
Aus politikwissenschaftlicher Perspektive interessiert die „Mitte“ vor allem hinsichtlich ihrer politischen Orientierung, meist gemessen über die Parteipräferenz auf einer Links-Rechts-Skala. Folgt man der Hufeisentheorie des Extremismus, werden extreme beziehungsweise demokratiefeindliche Positionen an den politischen Rändern verortet. Dies suggeriert – neben der Assoziation,„extrem Rechts“ und „extrem Links“ seien gleich demokratiegefährdend –, dass die Mitte per se demokratisch ist. In den vergangenen Jahren verorteten sich jeweils gut 60 Prozent der Bevölkerung politisch „genau in der Mitte“, in der jüngsten Mitte-Studie sank dieser Anteil auf nur noch 55 Prozent; zugleich positionierten sich nunmehr 15 Prozent politisch rechts der Mitte (Abbildung 1).

Die Sympathie für die AfD liegt in der Mitte-Studie 2022/23 bei insgesamt 15 Prozent. Zwölf Prozent geben auf die
„Sonntagsfrage“ offen an, die AfD wählen zu wollen, weitere drei Prozent sagen auf Rückfrage, sie hätten schon einmal darüber nachgedacht. Fast die Hälfte derjenigen, die mit der AfD sympathisieren, verorten ihre Ansichten politisch
„genau in der Mitte“. Offen ist, warum sich diese Personen dort sehen. Möglicherweise kennen sie schlicht viele andere Personen mit ähnlichen Positionen oder sind der Überzeugung, tatsächlich Positionen der „politischen Mitte“ zu vertreten. Vielleicht steckt dahinter aber auch die strategische Überlegung, die eigenen Überzeugungen gezielt als Positionen der Mitte verharmlosen und als „normal“ darstellen zu wollen. Von denjenigen, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen, sympathisierten zum Zeitpunkt der Befragung 13 Prozent mit der AfD. 23 Prozent aller Befragten hielten die AfD für „eine Partei wie jede andere auch“.
Zunehmend mehr Personen positionieren ihre politischen Ansichten also offen rechts der Mitte, sei es über die politische Selbstpositionierung und/oder die Sympathie für die Rechtsaußenpartei AfD.
„Sonntagsfrage“ offen an, die AfD wählen zu wollen, weitere drei Prozent sagen auf Rückfrage, sie hätten schon einmal darüber nachgedacht. Fast die Hälfte derjenigen, die mit der AfD sympathisieren, verorten ihre Ansichten politisch
„genau in der Mitte“. Offen ist, warum sich diese Personen dort sehen. Möglicherweise kennen sie schlicht viele andere Personen mit ähnlichen Positionen oder sind der Überzeugung, tatsächlich Positionen der „politischen Mitte“ zu vertreten. Vielleicht steckt dahinter aber auch die strategische Überlegung, die eigenen Überzeugungen gezielt als Positionen der Mitte verharmlosen und als „normal“ darstellen zu wollen. Von denjenigen, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen, sympathisierten zum Zeitpunkt der Befragung 13 Prozent mit der AfD. 23 Prozent aller Befragten hielten die AfD für „eine Partei wie jede andere auch“.
Zunehmend mehr Personen positionieren ihre politischen Ansichten also offen rechts der Mitte, sei es über die politische Selbstpositionierung und/oder die Sympathie für die Rechtsaußenpartei AfD.
Distanz zur Demokratie
„Demokratiedistanz“ zeigt sich nach unserem Begriffsverständnis in Verunsicherung und mangelnder Zufriedenheit mit der Demokratie, einem Vertrauensverlust in Regierung und Institutionen und einem Abrücken von demokratischen Grundwerten. Diese Demokratiedistanz kann zwar theoretisch zu progressiver Verbesserung von Demokratie motivieren, öffnet aber de facto die Tür vor allem für demokratiegefährdende Positionen – Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die Neigung zu (Rechts-)Populismus und Verschwörungsmythen und eine völkisch-autoritär-rebellische Haltung – bis hin zu demokratiefeindlichen Ansichten, zu denen wir rechtsextreme Einstellungen und die Billigung politischer Gewalt rechnen. Demokratiedistante und demokratiefeindliche Einstellungen lassen sich in einem „Radikalisierungsmodell“ als aufeinander aufbauend, mit Wirkungen in beide Richtungen, beschreiben. Politische Akteure von Rechtsaußen nutzen das, indem sie gezielt Misstrauen in die Demokratie säen, populistische Stimmungsmache betreiben und Verschwörungsmythen streuen, die sie mit ihrer Ideologie verknüpfen. Was zunächst vielleicht unbedarft nachgeplappert wird, verfestigt sich irgendwann zu Meinungen und übersetzt sich am Ende mitunter in Handeln, wenn man den Eindruck gewinnt, andere teilten diese „normalen Meinungen“. Wahrscheinlicher wird dies, wenn sich Gelegenheiten bieten, beispielsweise Wahlkämpfende oder Angehörige sozialer Minderheiten auf der Straße anzugreifen und zu ungeschützten Opfern aufgestauter, sich legitimiert fühlender Wut zu machen. Die jüngste Mitte-Studie zeigt einen deutlichen Anstieg demokratiegefährdender bis demokratiefeindlicher Einstellungen über das gesamte Spektrum hinweg (Abbildung 2, Abbildung 3).


Die abnehmende Zufriedenheit mit der Demokratie ist ein globales Phänomen und zeichnet sich auch in Deutschland im längerfristigen Trend ab, unterliegt aber deutlichen Schwankungen. Fast in der gesamten westlichen Welt zeigt sich insbesondere die junge Generation von der Demokratie desillusioniert. In Deutschland ist die Zustimmung zur Demokratie unter jungen Leuten zwar noch vergleichsweise hoch, doch auch hier sinkt sie nachweislich. Im Jahr 2022 hielten nur noch 63 Prozent der 16- bis 26-Jährigen die Demokratie für die beste Staatsform.
Heute vertraut nur rund die Hälfte der Bevölkerung auf das Funktionieren der Demokratie, vor allem im Osten Deutschlands ist das Vertrauen deutlich gesunken. Im Winter 2022/23 stimmten nur noch 58 Prozent der Befragten im Westen und 46 Prozent im Osten der Aussage zu, dass „die deutsche Demokratie im Großen und Ganzen ganz gut funktioniert“. Ein genereller Vertrauensverlust in das Funktionieren der Demokratie ließ sich bereits vor der Corona-Pandemie beobachten, wenngleich die Vertrauenszuschreibung seinerzeit noch etwas höher ausfiel und während des zweiten Lockdowns im Winter 2020/21 sogar kurzzeitig deutlich anstieg. Das Land war damals leise und erschöpft, zugleich war die Angst vor Ansteckung weit verbreitet. Viele hielten die einschränkenden Coronamaßnahmen für richtig und warteten auf die Möglichkeit zur Impfung. Seitdem ist das Vertrauen in Wahlen sowie in staatliche Institutionen wie Behörden, Gerichte und Universitäten deutlich gesunken, ebenso wie jenes in die öffentlich-rechtlichen Medien, wenngleich immer noch fast 60 Prozent der Bevölkerung diese als wichtige Säule der Demokratie betrachten.
Dieser Vertrauensverlust scheint in der letzten Phase der Großen Koalition unter Angela Merkel zunehmend in übergreifendes, destruktives Misstrauen umgeschlagen zu sein, begleitet von einer erhöhten Bereitschaft zu Protest. Misstrauen übersetzt sich zunehmend in Forderungen nach mehr direkter Demokratie, begleitet von regressiven, illiberalen Politikvorstellungen. Die repräsentative Form der Demokratie hat im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie deutlich an Zuspruch verloren. Nur noch ein knappes Drittel spricht sich für sie aus, während zunehmend mehr Bürger*innen sich Elemente direkter Demokratie oder sogar eine Expertokratie wünschen; dies gilt besonders für Wähler*innen der AfD. Ebenso sinkt der Zuspruch zur liberalen Demokratie. Immer noch 87 Prozent meinen, in einer Demokratie solle „die Würde und Gleichheit aller an erster Stelle stehen“, aber auch diese Haltung verliert an Zuspruch. Nur noch 61 Prozent stehen „voll und ganz“ hinter ihr, vor zwei Jahren waren es noch 73, vor vier Jahren sogar noch 80 Prozent. Mit 45 Prozent meint fast die Hälfte der Befragten, Demokratie meine „vor allem erst einmal Ruhe und Ordnung“. Rückläufig ist auch die Forderung nach mehr Anstrengungen für eine offene Gesellschaft. Dass wir uns „
stärker für eine vielfältige und offene Gesellschaft engagieren“ müssten, finden inzwischen nur noch zwei Drittel der Befragten, 2018/19 befürworteten dies noch drei Viertel.
Parallel zu dem deutlichen Verlust des Vertrauens in die Demokratie ist auch das Gefühl politischer Machtlosigkeit gewachsen beziehungsweise der Eindruck politischer Selbstwirksamkeit gesunken. So meinen 43 Prozent der erwachsenen Befragten der jüngsten Mitte-Studie: „Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut.“ Gut 27 Prozent halten es für „sinnlos, sich politisch zu engagieren“.
Misstrauen öffnet die Tore für eine populistische Weltsicht. Gleichzeitig säen populistische Akteure gezielt das Misstrauen in demokratische Repräsentation, Institutionen und Prozesse, etwa in die Rechtmäßigkeit von Wahlen. Sie verbreiten die populistische Kernerzählung von den „korrupten Eliten“, die sich gegen das „moralisch reine Volk“ wenden.
Der Aussage „Die regierenden Parteien betrügen das Volk“ folgten 2022/23 30 Prozent der Befragten; weitere 23 Prozent stimmten ihr „teils-teils“ zu. Zwei Jahre zuvor, im Winter 2020/21, taten dies lediglich 15 Prozent der Befragten, knapp 20 Prozent antworteten „teils-teils“. Inzwischen teilt rund ein Drittel der Bevölkerung eine populistische Logik, 38 Prozent stimmen Verschwörungsmythen zu. Mit den völkisch-rebellisch-autoritären Einstellungen erfasst die Mitte-Studie zusätzlich ideologische Facetten, wie sie die Neue Rechte verbreitet. Im vergangenen Jahr teilte jeder zehnte Befragte die identitäre Auffassung, dass sich „unterschiedliche Völker nicht vermischen“ sollten. Weitere 16 Prozent waren teilweise dieser Auffassung.
Demokratie wird besonders instabil, wenn in der Mitte der Gesellschaft Gewalt zur Durchsetzung politischer Interessen legitimiert und das Gewaltmonopol des Staates ignoriert wird. Die Billigung politischer Gewalt hat sich 2022/23 im Vergleich zu den Vorjahren verdoppelt. Damals stimmten 13 Prozent der Befragten der Aussage zu, „[e]inige Politiker [hätten] es verdient, wenn die Wut gegen sie schon mal in Gewalt umschlägt.“ Weitere 15 Prozent stimmten teilweise zu.
Rechtsextreme Einstellungen werden in der Mitte-Studie über sechs ideologische Subdimensionen mit politisch-historischen und sozial-völkischen Positionen erfasst: Befürwortung einer Diktatur, nationaler Chauvinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Sozialdarwinismus. Zur Erfassung werden jeweils drei Aussagen verwendet, die so oder ähnlich auch in anderen Befragungsstudien genutzt werden. Die insgesamt 18 Aussagen widersprechen der Idee einer liberalen Demokratie, wie sie im Grundgesetz formuliert ist.
Dies gilt beispielweise für die Forderung „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“, der Anfang vergangenen Jahres 24 Prozent der Befragten ganz und weitere 19 Prozent teilweise zustimmten. Der Forderung „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“, schlossen sich 14 Prozent ganz und weitere 12 Prozent teilweise an. 12 Prozent meinten, „der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“ (12 Prozent antworteten hier „teils-teils“), ebenso viele vertraten die Auffassung, es gebe „wertvolles und unwertes Leben“.
Ein geschlossen rechtsextremes Weltbild wird Befragten erst dann attestiert, wenn sie allen 18 Aussagen
„überwiegend“ oder „voll und ganz“ zustimmen. Die Mitte-Studie 2022/23 verzeichnet einen sprunghaften Anstieg rechtsextremer Einstellungen: 8,3 Prozent der Befragten teilen inzwischen ein solch geschlossen rechtsextremes Weltbild, dreimal mehr als in den Jahren zuvor. Weitere 20 Prozent liegen mit ihren Einstellungen in einem Graubereich zwischen demokratischen und rechtsextremen Positionen, auch dieser ist gewachsen (Abbildung 3). Rechtsextreme Einstellungen sind im Osten Deutschlands noch weiter verbreitet als im Westen, Zur Auflösung der Fußnote [24] allerdings wächst die Zustimmung zu ihnen auch dort.
Lange Zeit waren rechtsextreme, darunter auch antisemitische Einstellungen unter Älteren weiter verbreitet als unter Jüngeren. Nun zeigt sich: Während die Zustimmungsrate unter den Älteren kaum zugenommen hat, zieht die junge Generation der 18- bis 35-Jährigen in den vergangenen Jahren nach und überholt inzwischen die ältere. Verwandte Studien belegen ebenfalls diesen Trend. 12 Prozent der Jüngeren teilten im Winter 2022/23 ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, unter Erwachsenen mittleren Alters waren es 8 Prozent, unter den Älteren ab 65 Jahren lediglich 4 Prozent. Junge Menschen kommen in besonderer Weise über Social Media mit Extremismus in Kontakt – einerseits wegen deren Eigenlogik, andererseits, weil Rechtsaußenakteure sie hier gezielt bespielen, während die Erinnerung an die dunkle Zeit des Nationalsozialismus in immer weitere Ferne rückt.
Über das gesamte Spektrum demokratieferner wie -feindlicher Einstellungen hinweg fallen die (potenziellen) Wähler*innen der AfD durch ihre vergleichsweise hohen Zustimmungswerte auf. Dies gilt auch für rechtsextreme Einstellungen: 21 Prozent derjenigen, die Anfang 2023 mit der AfD sympathisierten, haben ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, weitere 47 Prozent liegen mit ihren Einstellungen im Graubereich zwischen rechtsextrem und demokratisch. Die Rede von den „Protestwählern“ der AfD verstellt den Blick auf den durchaus politischen Charakter dieses Protests, der sich mit demokratiefeindlichen Positionen vermischt.
Je weiter rechts die Befragten sich von der Mitte verorten, desto häufiger neigen sie zu rechtsextremen Einstellungen. Unter den „eher rechts“ platzierten Personen teilen knapp 20 Prozent ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, unter den wenigen, die sich „ganz rechts“ verorten, fast 40 Prozent. Doch auch unter jenen, die sich selbst „ganz links“ positionieren, sind rechtsextreme Einstellungen mit gut 12 Prozent doppelt so weit verbreitet wie unter jenen Befragten, die sich „genau in der Mitte“ platzieren. Besonders niedrig ist die Zustimmungsrate unter den „eher linken“ Befragten (3,3 Prozent). Unter Anhänger*innen der Linkspartei waren rechtsextreme Einstellungen bislang selten. Es bleibt abzuwarten, inwieweit das neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das sozialistische Botschaften mit Polemiken gegen das Gendern, der Forderung nach einer Kürzung der Leistungen für Asylbewerber und nationalistischen Untertönen mischt, Personen mit rechtsextremen Einstellungen für sich zu gewinnen vermag.
Heute vertraut nur rund die Hälfte der Bevölkerung auf das Funktionieren der Demokratie, vor allem im Osten Deutschlands ist das Vertrauen deutlich gesunken. Im Winter 2022/23 stimmten nur noch 58 Prozent der Befragten im Westen und 46 Prozent im Osten der Aussage zu, dass „die deutsche Demokratie im Großen und Ganzen ganz gut funktioniert“. Ein genereller Vertrauensverlust in das Funktionieren der Demokratie ließ sich bereits vor der Corona-Pandemie beobachten, wenngleich die Vertrauenszuschreibung seinerzeit noch etwas höher ausfiel und während des zweiten Lockdowns im Winter 2020/21 sogar kurzzeitig deutlich anstieg. Das Land war damals leise und erschöpft, zugleich war die Angst vor Ansteckung weit verbreitet. Viele hielten die einschränkenden Coronamaßnahmen für richtig und warteten auf die Möglichkeit zur Impfung. Seitdem ist das Vertrauen in Wahlen sowie in staatliche Institutionen wie Behörden, Gerichte und Universitäten deutlich gesunken, ebenso wie jenes in die öffentlich-rechtlichen Medien, wenngleich immer noch fast 60 Prozent der Bevölkerung diese als wichtige Säule der Demokratie betrachten.
Dieser Vertrauensverlust scheint in der letzten Phase der Großen Koalition unter Angela Merkel zunehmend in übergreifendes, destruktives Misstrauen umgeschlagen zu sein, begleitet von einer erhöhten Bereitschaft zu Protest. Misstrauen übersetzt sich zunehmend in Forderungen nach mehr direkter Demokratie, begleitet von regressiven, illiberalen Politikvorstellungen. Die repräsentative Form der Demokratie hat im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie deutlich an Zuspruch verloren. Nur noch ein knappes Drittel spricht sich für sie aus, während zunehmend mehr Bürger*innen sich Elemente direkter Demokratie oder sogar eine Expertokratie wünschen; dies gilt besonders für Wähler*innen der AfD. Ebenso sinkt der Zuspruch zur liberalen Demokratie. Immer noch 87 Prozent meinen, in einer Demokratie solle „die Würde und Gleichheit aller an erster Stelle stehen“, aber auch diese Haltung verliert an Zuspruch. Nur noch 61 Prozent stehen „voll und ganz“ hinter ihr, vor zwei Jahren waren es noch 73, vor vier Jahren sogar noch 80 Prozent. Mit 45 Prozent meint fast die Hälfte der Befragten, Demokratie meine „vor allem erst einmal Ruhe und Ordnung“. Rückläufig ist auch die Forderung nach mehr Anstrengungen für eine offene Gesellschaft. Dass wir uns „
stärker für eine vielfältige und offene Gesellschaft engagieren“ müssten, finden inzwischen nur noch zwei Drittel der Befragten, 2018/19 befürworteten dies noch drei Viertel.
Parallel zu dem deutlichen Verlust des Vertrauens in die Demokratie ist auch das Gefühl politischer Machtlosigkeit gewachsen beziehungsweise der Eindruck politischer Selbstwirksamkeit gesunken. So meinen 43 Prozent der erwachsenen Befragten der jüngsten Mitte-Studie: „Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut.“ Gut 27 Prozent halten es für „sinnlos, sich politisch zu engagieren“.
Misstrauen öffnet die Tore für eine populistische Weltsicht. Gleichzeitig säen populistische Akteure gezielt das Misstrauen in demokratische Repräsentation, Institutionen und Prozesse, etwa in die Rechtmäßigkeit von Wahlen. Sie verbreiten die populistische Kernerzählung von den „korrupten Eliten“, die sich gegen das „moralisch reine Volk“ wenden.
Der Aussage „Die regierenden Parteien betrügen das Volk“ folgten 2022/23 30 Prozent der Befragten; weitere 23 Prozent stimmten ihr „teils-teils“ zu. Zwei Jahre zuvor, im Winter 2020/21, taten dies lediglich 15 Prozent der Befragten, knapp 20 Prozent antworteten „teils-teils“. Inzwischen teilt rund ein Drittel der Bevölkerung eine populistische Logik, 38 Prozent stimmen Verschwörungsmythen zu. Mit den völkisch-rebellisch-autoritären Einstellungen erfasst die Mitte-Studie zusätzlich ideologische Facetten, wie sie die Neue Rechte verbreitet. Im vergangenen Jahr teilte jeder zehnte Befragte die identitäre Auffassung, dass sich „unterschiedliche Völker nicht vermischen“ sollten. Weitere 16 Prozent waren teilweise dieser Auffassung.
Demokratie wird besonders instabil, wenn in der Mitte der Gesellschaft Gewalt zur Durchsetzung politischer Interessen legitimiert und das Gewaltmonopol des Staates ignoriert wird. Die Billigung politischer Gewalt hat sich 2022/23 im Vergleich zu den Vorjahren verdoppelt. Damals stimmten 13 Prozent der Befragten der Aussage zu, „[e]inige Politiker [hätten] es verdient, wenn die Wut gegen sie schon mal in Gewalt umschlägt.“ Weitere 15 Prozent stimmten teilweise zu.
Rechtsextreme Einstellungen werden in der Mitte-Studie über sechs ideologische Subdimensionen mit politisch-historischen und sozial-völkischen Positionen erfasst: Befürwortung einer Diktatur, nationaler Chauvinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Sozialdarwinismus. Zur Erfassung werden jeweils drei Aussagen verwendet, die so oder ähnlich auch in anderen Befragungsstudien genutzt werden. Die insgesamt 18 Aussagen widersprechen der Idee einer liberalen Demokratie, wie sie im Grundgesetz formuliert ist.
Dies gilt beispielweise für die Forderung „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“, der Anfang vergangenen Jahres 24 Prozent der Befragten ganz und weitere 19 Prozent teilweise zustimmten. Der Forderung „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“, schlossen sich 14 Prozent ganz und weitere 12 Prozent teilweise an. 12 Prozent meinten, „der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“ (12 Prozent antworteten hier „teils-teils“), ebenso viele vertraten die Auffassung, es gebe „wertvolles und unwertes Leben“.
Ein geschlossen rechtsextremes Weltbild wird Befragten erst dann attestiert, wenn sie allen 18 Aussagen
„überwiegend“ oder „voll und ganz“ zustimmen. Die Mitte-Studie 2022/23 verzeichnet einen sprunghaften Anstieg rechtsextremer Einstellungen: 8,3 Prozent der Befragten teilen inzwischen ein solch geschlossen rechtsextremes Weltbild, dreimal mehr als in den Jahren zuvor. Weitere 20 Prozent liegen mit ihren Einstellungen in einem Graubereich zwischen demokratischen und rechtsextremen Positionen, auch dieser ist gewachsen (Abbildung 3). Rechtsextreme Einstellungen sind im Osten Deutschlands noch weiter verbreitet als im Westen, Zur Auflösung der Fußnote [24] allerdings wächst die Zustimmung zu ihnen auch dort.
Lange Zeit waren rechtsextreme, darunter auch antisemitische Einstellungen unter Älteren weiter verbreitet als unter Jüngeren. Nun zeigt sich: Während die Zustimmungsrate unter den Älteren kaum zugenommen hat, zieht die junge Generation der 18- bis 35-Jährigen in den vergangenen Jahren nach und überholt inzwischen die ältere. Verwandte Studien belegen ebenfalls diesen Trend. 12 Prozent der Jüngeren teilten im Winter 2022/23 ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, unter Erwachsenen mittleren Alters waren es 8 Prozent, unter den Älteren ab 65 Jahren lediglich 4 Prozent. Junge Menschen kommen in besonderer Weise über Social Media mit Extremismus in Kontakt – einerseits wegen deren Eigenlogik, andererseits, weil Rechtsaußenakteure sie hier gezielt bespielen, während die Erinnerung an die dunkle Zeit des Nationalsozialismus in immer weitere Ferne rückt.
Über das gesamte Spektrum demokratieferner wie -feindlicher Einstellungen hinweg fallen die (potenziellen) Wähler*innen der AfD durch ihre vergleichsweise hohen Zustimmungswerte auf. Dies gilt auch für rechtsextreme Einstellungen: 21 Prozent derjenigen, die Anfang 2023 mit der AfD sympathisierten, haben ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, weitere 47 Prozent liegen mit ihren Einstellungen im Graubereich zwischen rechtsextrem und demokratisch. Die Rede von den „Protestwählern“ der AfD verstellt den Blick auf den durchaus politischen Charakter dieses Protests, der sich mit demokratiefeindlichen Positionen vermischt.
Je weiter rechts die Befragten sich von der Mitte verorten, desto häufiger neigen sie zu rechtsextremen Einstellungen. Unter den „eher rechts“ platzierten Personen teilen knapp 20 Prozent ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, unter den wenigen, die sich „ganz rechts“ verorten, fast 40 Prozent. Doch auch unter jenen, die sich selbst „ganz links“ positionieren, sind rechtsextreme Einstellungen mit gut 12 Prozent doppelt so weit verbreitet wie unter jenen Befragten, die sich „genau in der Mitte“ platzieren. Besonders niedrig ist die Zustimmungsrate unter den „eher linken“ Befragten (3,3 Prozent). Unter Anhänger*innen der Linkspartei waren rechtsextreme Einstellungen bislang selten. Es bleibt abzuwarten, inwieweit das neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das sozialistische Botschaften mit Polemiken gegen das Gendern, der Forderung nach einer Kürzung der Leistungen für Asylbewerber und nationalistischen Untertönen mischt, Personen mit rechtsextremen Einstellungen für sich zu gewinnen vermag.
Einfluss des Krisendiskurses
Globale, längerfristige Trends wie die Globalisierung, der Klimawandel und die Digitalisierung, erst recht aber Ausnahmephasen wie die Corona-Pandemie, der Krieg Russlands gegen die Ukraine oder der nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel erneut eskalierte Nahostkonflikt bringen Veränderungen mit sich, die auch national und regional spürbar sein können. Dies gilt auch für den zunächst jahrelang positiven, seit einigen Jahren jedoch wieder gebrochenen weltweiten Trend hin zu mehr Demokratie, die damit verbundenen Ansprüche auf Teilhabe und Gleichwertigkeit unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und den Wunsch nach „Gehörtwerden“ vonseiten der Bürger*innen.
Veränderungen werden zu Krisen, wenn sie sich zuspitzen. Krisen wiederum können Wahrnehmungen des Kontrollverlustes und der Bedrohung hervorrufen – ungeachtet der Tatsache, dass diese Veränderungen überhaupt erst durch unsere Art zu leben geschehen und zu Krisen werden, weil wir so verzögert auf sie reagieren. Faktische Herausforderungen können, müssen aber individuell nicht zwangsläufig als Krise erlebt werden. Betroffenheiten sind unterschiedlich und übersetzen sich keineswegs automatisch in Verunsicherung. In der jüngsten Mitte-Studie gaben lediglich 31 Prozent der Befragten an, sie seien persönlich stark oder sehr stark von den aktuellen Krisen betroffen, 39 Prozent meinten dies mit Blick auf Menschen wie sie selbst und 55 Prozent in Bezug auf Deutschland – je weiter die Krise von der eigenen Person entfernt ist, desto größer ist die wahrgenommene Betroffenheit. Und längst nicht alle Befragten fühlen sich von den Krisen und Herausforderungen verunsichert. Dies war nur bei 42 Prozent der Fall. Fakten, (gefühlte) Betroffenheit und Verunsicherung sind also nicht das Gleiche, bieten aber Raum für Populismus. Befragte, die sich durch die derzeitigen Herausforderungen und Krisen betroffen und verunsichert fühlten, neigten signifikant häufiger zu demokratiedistanten oder demokratiefeindlichen Einstellungen (Abbildung 4).
Veränderungen werden zu Krisen, wenn sie sich zuspitzen. Krisen wiederum können Wahrnehmungen des Kontrollverlustes und der Bedrohung hervorrufen – ungeachtet der Tatsache, dass diese Veränderungen überhaupt erst durch unsere Art zu leben geschehen und zu Krisen werden, weil wir so verzögert auf sie reagieren. Faktische Herausforderungen können, müssen aber individuell nicht zwangsläufig als Krise erlebt werden. Betroffenheiten sind unterschiedlich und übersetzen sich keineswegs automatisch in Verunsicherung. In der jüngsten Mitte-Studie gaben lediglich 31 Prozent der Befragten an, sie seien persönlich stark oder sehr stark von den aktuellen Krisen betroffen, 39 Prozent meinten dies mit Blick auf Menschen wie sie selbst und 55 Prozent in Bezug auf Deutschland – je weiter die Krise von der eigenen Person entfernt ist, desto größer ist die wahrgenommene Betroffenheit. Und längst nicht alle Befragten fühlen sich von den Krisen und Herausforderungen verunsichert. Dies war nur bei 42 Prozent der Fall. Fakten, (gefühlte) Betroffenheit und Verunsicherung sind also nicht das Gleiche, bieten aber Raum für Populismus. Befragte, die sich durch die derzeitigen Herausforderungen und Krisen betroffen und verunsichert fühlten, neigten signifikant häufiger zu demokratiedistanten oder demokratiefeindlichen Einstellungen (Abbildung 4).

Veränderungen werden zu Krisen, wenn sie sich zuspitzen. Krisen wiederum können Wahrnehmungen des Kontrollverlustes und der Bedrohung hervorrufen – ungeachtet der Tatsache, dass diese Veränderungen überhaupt erst durch unsere Art zu leben geschehen und zu Krisen werden, weil wir so verzögert auf sie reagieren. Faktische Herausforderungen können, müssen aber individuell nicht zwangsläufig als Krise erlebt werden. Betroffenheiten sind unterschiedlich und übersetzen sich keineswegs automatisch in Verunsicherung. In der jüngsten Mitte-Studie gaben lediglich 31 Prozent der Befragten an, sie seien persönlich stark oder sehr stark von den aktuellen Krisen betroffen, 39 Prozent meinten dies mit Blick auf Menschen wie sie selbst und 55 Prozent in Bezug auf Deutschland – je weiter die Krise von der eigenen Person entfernt ist, desto größer ist die wahrgenommene Betroffenheit. Und längst nicht alle Befragten fühlen sich von den Krisen und Herausforderungen verunsichert. Dies war nur bei 42 Prozent der Fall. Fakten, (gefühlte) Betroffenheit und Verunsicherung sind also nicht das Gleiche, bieten aber Raum für Populismus. Befragte, die sich durch die derzeitigen Herausforderungen und Krisen betroffen und verunsichert fühlten, neigten signifikant häufiger zu demokratiedistanten oder demokratiefeindlichen Einstellungen (Abbildung 4).
Hier kommen mehrere Faktoren zusammen, die eine Spirale der Radikalisierung befeuern. Seit jeher schlummern Ressentiments gegen „die Fremden“ und „die Anderen“ in der Bevölkerung, die sich in Zeiten der Krise aufgreifen lassen und durch die Menschen leicht und ohne eigene Kosten zu Sündenböcken gemacht werden können. Der lauter und aggressiver werdende Populismus weiß das Rad zu drehen und nutzt Krisen und Konfliktlagen gezielt für sich aus, indem er das Gefühl der Bedrohung anheizt – online wie offline. Er weist auf vermeintlich Verantwortliche – die „korrupten Eliten“ und die gefährlichen „Fremden und Anderen“ – und nimmt damit, seiner Kernerzählung folgend, das „moralisch reine, betrogene Volk“ aus der Verantwortung. Der Ruf nach individueller, egoistischer Freiheit und der Wunsch, möglichst vom Staat nicht behelligt zu werden und sich an keine sozialen Spielregeln halten zu müssen, verbindet sich mit hohen Erwartungshaltungen darüber, was der Staat alles tun müsse und Politik zu verantworten habe – und geht einher mit der Klage, der Staat tue ohnehin nicht das Richtige.
Alter und neuer Rechtsextremismus und Populismus vermischen sich, auch auf Einstellungsebene. So teilen von den Befragten, die deutlich zum Populismus neigen, 24 Prozent ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, weitere 42 Prozent liegen im Graubereich. Unter jenen, die nicht zum Populismus neigen, sind dies nur 2 respektive 11 Prozent. Umgekehrt sind Befragte mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild auch zu 84 Prozent populistisch eingestellt.
Wähler*innen der AfD fallen einerseits durch ein ausgeprägtes Gefühl der kollektiven relativen Deprivation auf, also der gefühlten Benachteiligung von „uns“ gegenüber „denen“, andererseits durch Orientierungslosigkeit (Anomia) sowie eine ausgeprägte Anspruchshaltung und neoliberale Orientierung. So beurteilen beispielsweise mit 38 Prozent doppelt so viele der AfD-Sympathisant*innen „die wirtschaftliche Lage der Deutschen im Vergleich zu der der hier lebenden Ausländer“ als schlechter; unter jenen, die nicht mit der Partei sympathisieren, sind dies nur 14 Prozent. 54 Prozent der ersten Gruppe beklagen: „Es ist heute alles so in Unordnung geraten, dass niemand mehr weiß, wo man eigentlich steht.“ Dies teilen nur 27 Prozent der zweiten Gruppe. Zugleich meinen knapp 44 Prozent der AfD-Sympathisant*innen ganz oder teilweise, dass „Menschen wie mir mehr zusteht als anderen“. Und 50 Prozent sind der Auffassung: „Wer nicht bereit ist, was Neues zu wagen, der ist selber schuld, wenn er scheitert.“ Zugleich fühlt sich diese Gruppe mit 47 Prozent häufiger von den aktuellen Krisen verunsichert als Menschen ohne Sympathie für die AfD (39 Prozent). Auch die Ablehnung von Diversity im Sinne von „Vielfalt in Gleichwertigkeit“ korreliert deutlich mit populistischen und rechtsextremen Einstellungen. Weit verbreitet ist die Meinung, es werde zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen und diese würden es mittlerweile mit ihren Forderungen übertreiben. Dies spricht für die These, dass der Rechtsruck auch eine Folge kultureller, demokratisierender Veränderungen ist.
In der sozialen Ungleichheit einen Grund für die Krise der Demokratie zu erkennen, trifft das Wesen der Demokratiedistanz und -feindlichkeit hingegen nur bedingt. Ärmere Teile der Bevölkerung fühlen sich zwar deutlich häufiger von den Krisen betroffen und verunsichert als wohlhabendere Menschen – und sind es de facto ja auch. Sie neigen auch häufiger zu demokratiedistanten und -feindlichen Einstellungen. Doch scheint dies letztlich mehr mit dem Bildungsgrad als mit dem Einkommen zusammenzuhängen. Zudem wird der Einfluss des Einkommens vom Gefühl der Benachteiligung überlagert, das auch Wohlhabendere teilen können. Den stärksten statistischen Einfluss hat das eigene Anspruchsniveau: Wer meint, ihm oder ihr stehe mehr zu als anderen, neigt deutlich stärker zu rechtsextremen Einstellungen.
Der Populismus hilft bei der Übersetzung individueller Gefühle auf die kollektive Ebene und verweist auf vermeintlich Schuldige, ohne dabei die wirklich Reichen oder die Wirtschaft zu adressieren. Auch die AfD ist keineswegs allein eine Partei der „Abgehängten“, sondern in der großen Mehrzahl ihrer Wähler:innen eher eine Partei jener Teile der Mittelschicht, die sich abgehängt fühlen, zugleich eine hohe Anspruchshaltung haben und die eigenen Ansprüche nicht erfüllt sehen. Versprechungen von Umverteilung und Solidarität schaffen hier keine Abhilfe, denn diese Wähler*innen verlangen schlicht mehr für sich als für andere und wollen das, was ihnen vermeintlich zusteht, auch nicht teilen. Der Blick auf den subjektiven Sozialstatus bestärkt diese Interpretation: Die Neigung zum Populismus schwächt sich zwar entlang der Selbsteinschätzung von unten nach oben ab, doch auch unter jenen, die sich in der sozialen Hierarchie „ganz oben“ verorten, teilt noch ein Viertel populistische Einstellungen. Sowohl unter denen „ganz oben“ als auch unter jenen „ganz unten“ vertritt jeder Zehnte ein rechtsextremes Weltbild.
Hier kommen mehrere Faktoren zusammen, die eine Spirale der Radikalisierung befeuern. Seit jeher schlummern Ressentiments gegen „die Fremden“ und „die Anderen“ in der Bevölkerung, die sich in Zeiten der Krise aufgreifen lassen und durch die Menschen leicht und ohne eigene Kosten zu Sündenböcken gemacht werden können. Der lauter und aggressiver werdende Populismus weiß das Rad zu drehen und nutzt Krisen und Konfliktlagen gezielt für sich aus, indem er das Gefühl der Bedrohung anheizt – online wie offline. Er weist auf vermeintlich Verantwortliche – die „korrupten Eliten“ und die gefährlichen „Fremden und Anderen“ – und nimmt damit, seiner Kernerzählung folgend, das „moralisch reine, betrogene Volk“ aus der Verantwortung. Der Ruf nach individueller, egoistischer Freiheit und der Wunsch, möglichst vom Staat nicht behelligt zu werden und sich an keine sozialen Spielregeln halten zu müssen, verbindet sich mit hohen Erwartungshaltungen darüber, was der Staat alles tun müsse und Politik zu verantworten habe – und geht einher mit der Klage, der Staat tue ohnehin nicht das Richtige.
Alter und neuer Rechtsextremismus und Populismus vermischen sich, auch auf Einstellungsebene. So teilen von den Befragten, die deutlich zum Populismus neigen, 24 Prozent ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, weitere 42 Prozent liegen im Graubereich. Unter jenen, die nicht zum Populismus neigen, sind dies nur 2 respektive 11 Prozent. Umgekehrt sind Befragte mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild auch zu 84 Prozent populistisch eingestellt.
Wähler*innen der AfD fallen einerseits durch ein ausgeprägtes Gefühl der kollektiven relativen Deprivation auf, also der gefühlten Benachteiligung von „uns“ gegenüber „denen“, andererseits durch Orientierungslosigkeit (Anomia) sowie eine ausgeprägte Anspruchshaltung und neoliberale Orientierung. So beurteilen beispielsweise mit 38 Prozent doppelt so viele der AfD-Sympathisant*innen „die wirtschaftliche Lage der Deutschen im Vergleich zu der der hier lebenden Ausländer“ als schlechter; unter jenen, die nicht mit der Partei sympathisieren, sind dies nur 14 Prozent. 54 Prozent der ersten Gruppe beklagen: „Es ist heute alles so in Unordnung geraten, dass niemand mehr weiß, wo man eigentlich steht.“ Dies teilen nur 27 Prozent der zweiten Gruppe. Zugleich meinen knapp 44 Prozent der AfD-Sympathisant*innen ganz oder teilweise, dass „Menschen wie mir mehr zusteht als anderen“. Und 50 Prozent sind der Auffassung: „Wer nicht bereit ist, was Neues zu wagen, der ist selber schuld, wenn er scheitert.“ Zugleich fühlt sich diese Gruppe mit 47 Prozent häufiger von den aktuellen Krisen verunsichert als Menschen ohne Sympathie für die AfD (39 Prozent). Auch die Ablehnung von Diversity im Sinne von „Vielfalt in Gleichwertigkeit“ korreliert deutlich mit populistischen und rechtsextremen Einstellungen. Weit verbreitet ist die Meinung, es werde zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen und diese würden es mittlerweile mit ihren Forderungen übertreiben. Dies spricht für die These, dass der Rechtsruck auch eine Folge kultureller, demokratisierender Veränderungen ist.
In der sozialen Ungleichheit einen Grund für die Krise der Demokratie zu erkennen, trifft das Wesen der Demokratiedistanz und -feindlichkeit hingegen nur bedingt. Ärmere Teile der Bevölkerung fühlen sich zwar deutlich häufiger von den Krisen betroffen und verunsichert als wohlhabendere Menschen – und sind es de facto ja auch. Sie neigen auch häufiger zu demokratiedistanten und -feindlichen Einstellungen. Doch scheint dies letztlich mehr mit dem Bildungsgrad als mit dem Einkommen zusammenzuhängen. Zudem wird der Einfluss des Einkommens vom Gefühl der Benachteiligung überlagert, das auch Wohlhabendere teilen können. Den stärksten statistischen Einfluss hat das eigene Anspruchsniveau: Wer meint, ihm oder ihr stehe mehr zu als anderen, neigt deutlich stärker zu rechtsextremen Einstellungen.
Der Populismus hilft bei der Übersetzung individueller Gefühle auf die kollektive Ebene und verweist auf vermeintlich Schuldige, ohne dabei die wirklich Reichen oder die Wirtschaft zu adressieren. Auch die AfD ist keineswegs allein eine Partei der „Abgehängten“, sondern in der großen Mehrzahl ihrer Wähler:innen eher eine Partei jener Teile der Mittelschicht, die sich abgehängt fühlen, zugleich eine hohe Anspruchshaltung haben und die eigenen Ansprüche nicht erfüllt sehen. Versprechungen von Umverteilung und Solidarität schaffen hier keine Abhilfe, denn diese Wähler*innen verlangen schlicht mehr für sich als für andere und wollen das, was ihnen vermeintlich zusteht, auch nicht teilen. Der Blick auf den subjektiven Sozialstatus bestärkt diese Interpretation: Die Neigung zum Populismus schwächt sich zwar entlang der Selbsteinschätzung von unten nach oben ab, doch auch unter jenen, die sich in der sozialen Hierarchie „ganz oben“ verorten, teilt noch ein Viertel populistische Einstellungen. Sowohl unter denen „ganz oben“ als auch unter jenen „ganz unten“ vertritt jeder Zehnte ein rechtsextremes Weltbild.
Ausblick
Die Demonstrationen für die Demokratie im Frühjahr 2024 haben deutlich gemacht, dass viele Menschen nicht tatenlos zusehen wollen, wie die liberale und offene Demokratie destabilisiert und dekonsolidiert wird. Zugleich schrumpft die demokratische Mitte und ist selbst im Krisenmodus. Die jüngste Europawahl 2024 hat gezeigt, wie sich die im Beitrag genannten Einstellungen im Wahlverhalten manifestieren können. Insbesondere die Jüngeren öffnen sich mehr als bislang für rechtspopulistische und rechtsextreme Angebote, der Generationenvertrag für die Demokratie scheint in Teilen brüchig. Auf die Mitte warten damit weit mehr Herausforderungen als jene, die wir als „Demokratiefeindlichkeit mitten in der Mitte“ nachzeichnen konnten. Zur Normalisierung demokratiegefährdender oder gar rechtsextremer Positionen tragen auch Politik und Medien bei, wenn sie Begriffe und Forderungen der äußersten Rechten mal unbedacht, mal absichtlich übernehmen. Der äußersten Rechten durch die Übernahme ihrer Positionen Wahlstimmen abjagen zu können, ist eine gefährliche Wette auf die Zukunft. Sich ihr anzudienen, indem man sie verharmlost, auch weil man sie für Mehrheiten zu brauchen und dabei einzuhegen meint, hat sich schon einmal als furchtbarer Irrtum erwiesen. Bildlich gesprochen: Der Igel ist immer schon vor dem Hasen da.
Küpper, Beate; Zick, Andreas, Bundeszentrale für politische Bildung, Demokratiedistanz der Mitte, Empirische Befunde, 2024
Volksschriftsteller und Opportunist
von Oliver Pfohlmann | 08.03.2020
DEUTSCHLANDFUNK · BÜCHERMARKT
Hans Fallada: „Der eiserne Gustav“
Volksschriftsteller und Opportunist
Spieldauer: 19 Minuten 40 Sekunden
Innere Emigration oder Engagement?
Köhler, Michael | 13. September 2020
DEUTSCHLANDFUNK · INTERVIEW
Innere Emigration oder Engagement?
Ein Interview mit dem Autor Anatol Regnier
Spieldauer: 12 Minuten 11 Sekunden