Zum Stück

SUN OF YORK
Niemand hat je wieder versucht, was William Shakespeare (1564 – 1616) mit seinen Königsdramen geglückt ist: In dreiundzwanzig Jahren schrieb er an sieben, virtuos miteinander verflochtenen Dramen und überschrieb damit anderthalb Jahrhunderte englischer Herrschaftsgeschichte. Bei weitem nicht historisch korrekt, wie man weiß, doch spannend, sinnlich und die Grenzen des Ertragbaren sprengend. Es waren im wahrsten Sinne des Wortes „Mordsdramen“, so auch König Richard der Dritte.

Die Handlung siedelt der Dramatiker in einer Zeit zwischen zwei Kriegen, in einer trügerischen und zerbrechlichen Friedenszeit („Wir sind nicht sicher“), mit schleichender Militarisierung und einer instabilen Gesellschaft, an. Shakespeare macht nicht, wie man vermuten könnte, in Kriegszeiten, sondern auf einem „bal macabre“ die grausame Wucht des zukünftigen Tyrannen Richard samt seinen Verführungskünsten spielerisch erfahrbar: „Ich tu das Böse und ich schrei als erster. Das dunkle Unheil, das ich setz in Gang. Will ich zur schweren Last den anderen legen“. Richard, Herzog von Gloster, später König Richard der Dritte, ist nicht nur abgrundtief böse und monströs, sondern auch ein meisterhafter Puppenspieler. Obwohl er selbst „lahm und linkisch“ durch eine Deformation des Rückens und eine bewegungseingeschränkte Hand beeinträchtigt ist, versucht er permanent alle Fäden in der Hand zu halten, um die Macht im Staate zügig zu erlangen. „Richards Missbildung – oder vielmehr die Reaktion der Gesellschaft auf seine Missbildung – ist die Wurzel seiner Psychopathologie“, so Stephen Greenblatt (Professor für Anglistik / Harvard). Ohne Skrupel, Gewissen, Empathie oder Moral lässt Richard nicht nur seine zwei Brüder Edward und Clarence und seine Frau Lady Anne ermorden oder treibt sie in den Tod, sondern auch zahlreiche politische Gegner werden von seinen Handlangern ums Leben gebracht. Auch vor dem größten Skandal schreckt er nicht zurück: Im Tower von London lässt er seine beiden Neffen Kronprinz Edward von Wales und Richard von York, die Kinder seines Bruders Edwards IV. und Königin Elisabeth, durch kaltblütige Handlanger verschwinden. Er selbst macht sich die Hände dabei naturgemäß nicht schmutzig. Richard ist ein wahrlich schauspielernder, täuschender und empathieloser „Dämon des Machiavellismus“,„the selfmade king“ oder Schurke, der gleichzeitig als kalter Stratege der Macht stets sein Umfeld und Publikum – also uns – zu manipulieren weiß: „Verfeindet sein ist Tod für mich, ich haß es. Und wünsch mir aller guten Menschen Liebe“. „Die fast intime Beziehung Richards mit dem Publikum“, so der US-Literaturwissenschaftler Harold Bloom, „macht das Publikum zu Komplizen im grausamen Spiel und läßt es darüber hinaus die kitzelnde Lustangst genießen“. Als er endlich als König Richard der Dritte den Thron besteigen kann, wird es schlagartig einsam um ihn. Sein grenzenloses Misstrauen und die Überforderung im Amt nehmen zu. Auch er entkommt als Herrscher dem „Mahlstrom der Geschichte“, so Regisseur Andreas Kriegenburg, nicht, als Graf von Richmond, Heinrich von Tudor eine Armee aufstellt und König Richard und das Haus York herausfordert. Es droht bereits der nächste Krieg.

Shakespeare zeigt ein Herrschaftssystem in der Dauerkrise, das mit fragwürdigen Mitteln der politischen Manipulation einen sinnlosen Kreislauf des Mordens (vor allem der jeweils männlichen Linie) zum Zwecke des Machterhalts beibehalten möchte. Schritt für Schritt werden in Richards perfides Terrorregime alle verstrickt, denn jede und jeder ist mit eigenen Schandtaten belastet. Kein Entkommen – nirgends.

Shakespeare selbst kommt mit seinen Königsdramen gefährlich nah an seine politische Gegenwart heran. Während der Uraufführung von Heinrich VIII. im Jahre 1613 brannte das Globe Theatre bis auf die Grundmauern nieder und die Vermutungen nach dem „why?“ dauern bis heute fort.

„Der größte Dichter, der je gelebt hat”, so Goethe über Shakespeare, schrieb zwischen 1590 und 1594 The Tragedy of King Richard the Third; with the Landing of Earle Richmond, and the Battle of Bosworth Field. Das Drama zählt zum Frühwerk und wurde inspiriert von der Biografie über König Richard von Thomas Morus aus dem Jahre 1513 sowie durch die Chronicles of England, Scottland and Ireland von 1587.
William Hogarth, Kupferstich/Radierung, 1746 (Hogarth stellte in seiner Radierung die dramatische Szene dar, in der Richard der Dritte in der Nacht vor der entscheidenden Schlacht aus einem bösen Albtraum erwacht.) © Staatsgalerie Stuttgart
Dieses Königsdrama, das im Widerspruch zu heutigen, historischen Erkenntnissen Richard als Schurke verurteilt, wurde 1633 uraufgeführt. Darin wurde die Herrschaft des regierenden Königshauses der Tudors publikumswirksam und bühnentauglich idealisiert, aber das Haus York, zu dem Richard zählte, öffentlich diffamiert. „Wie ihr geduldig planvoll Stein um Stein / Der euch auf eurem Weg zum Thron könnt hindern / Ganz leicht beiseite fegt mit blut’gem Besen.“ (Herzog von Buckingham).

Hinzu kam, dass der Ruf der Yorks zu Shakespeares Zeiten nicht der beste: lose Moral, überambitionierte Heiratspläne, Prahlerei, politisches Kalkül und Niederträchtigkeit. Und so stand der Geschichtsumschreibung im Sinne der Herrschenden Tudors nichts mehr im Wege. Bis 2012 auf einem öffentlichen Parkplatz in Leicester Richards Überreste von der Drehbuchautorin Philippa Langley entdeckt wurden.

Die Gegenwart lehrt uns genauer hinzuschauen, wenn eine „Rückkehr des Fürsten“, angelehnt an die Staatslehre von Niccolò Machiavelli, in den politischen Diskurs eingebracht wird. Dies sollte in Kenntnis der Historie und des Werkes Shakespeares aufhorchen lassen, da bereits er mit kriminologischem Spürsinn auf der Bühne zeigte, mit welchen Mitteln Herrschende manipulieren, um ihren Willen durchzusetzen. Mit grandiosen, opportunistische „Heuchelszenen“ spiegelte er die Gesellschaft im Umfeld des Herrschenden in Gänze wider. Wie genau er die menschliche Verlogenheit und den ausgeprägten Opportunismus der Mittäter, die das toxische System mittragen und es wechselseitig stützen, aufzeigt, ist einzigartig. Im Mittelpunkt steht lediglich die Frage, wo sie sich im toxischen System positionieren können. Doch was tun sie, wenn ein Machtvakuum oder gar der Machtverlust droht? Welche Folgen werden sie tragen müssen? Kann sich jede und jeder der Gleichzeitigkeit von Schönheit und Monstrosität erwehren?

Shakespeares Macht der Sprache und seine Sprachbilder entlarven, wie absurd und banal Macht im Kern sein kann und wie schamlos und gefährlich zugleich sie wirkt. Seit jeher öffnet er dem Publikum die Augen für Dynamiken der Macht, zeigt die Instrumente der Herrschenden, die ihre politischen Ränke verhüllen und spiegelt deutlich die Ängste vor Machtverlust wider.
Katja Prussas
William Shakespeare, geboren 1564 in Stratford-upon-Avon, ist bis heute der wohl berühmteste Dramatiker und Theatermacher weltweit. Er lebte in Zeiten gewaltiger, politischer Machtkämpfe, die zudem durch religiöse Auseinandersetzungen geprägt waren. Zeitlebens tarnte er seine Biografie und ließ für die Öffentlichkeit vieles im Dunkeln – bis heute. Shakespeareexperten, wie Stephen Greenblatt, bezeichnen ihn als „Überlebenden“. Er kam aus einer Mittelklassefamilie, genoss eine bescheidene Ausbildung und wurde dennoch wohlhabend. Als Dramatiker und Schauspieler brachte er es im Laufe seines Lebens zu einem eigenen Theater (Das Globe Theater in London wurde 1599 von der Schauspieltruppe The Lord Chamberlain’s Men erbaut, zu der auch Shakespeare gehörte) sowie zu umfangreichem Besitz. Er heiratete Anna Hathaway, mit der er drei gemeinsame Kinder hatte. Shakespeare starb 1616 im Alter von 52 Jahren. König Richard der Dritte ist seinem Frühwerk zuzuordnen und zählt bis heute zu den bekanntesten seiner Königsdramen (Henry VI. (1590 / 1591), Richard III. (1592 / 1593), Richard II. (1595), John (1597), Henry IV. (1597/ 1598), Henry V. (1599), Henry VIII. (1613)). In ihnen spiegeln sich, äußert wagemutig für einen Theatermacher seines Zeitalters, die Herrschaftsgeschichte Englands wider. Noch heute dienen diese Dramen als fiktionale Quellen für zahlreiche Welterfolge der Streamingdienste.
Sendung vom 22.05.2012

Kampf um den Thron

Die Häuser York und Lancaster in der Ins­ze­nier­ung von Andreas Kriegen­burg

Haus York

Die drei Brüder König Edward IV., George, Herzog von Clarence, Richard, Herzog von Gloster und später König Richard der Dritte und ihre Mutter, die Herzogin von York und Edwards Ehefrau Königin Elisabeth und die Kinder Edward von Wales und Richard von York und Elisabeth (namentlich genannt). Zum Hause York zählen die Anhänger Richards, Herzog von Gloster: Herzog von Buckingham, Lord Hastings, Sir Catesby, Sir Tyrrel sowie zwei Mörder, die im Auftrag von Richard, Herzog von Gloster, agieren. Aber auch die Brüder von Königin Elisabeth, Graf Rivers und Sir Grey.

Haus Lancaster

Königin Margareta, Witwe von Heinrich VI. und Lady Anne. Sie ist die Witwe von Margaretas Sohn Prinz Edward von Wales, der von Richard, Herzog von Gloster, getötet wurde. So ist die männliche Linie des Hauses Lancaster erloschen und die Erbansprüche auf den Thron wechseln zu Graf von Richmond. Anne wird später die Frau von König Richard dem Dritten.

Haus Tudor

Graf von Richmond (auch Heinrich Tudor: Erbansprüche aus dem Haus Lancaster gehen nach dem Tod des Prinzen von Wales, Lady Annes Ehemann und Sohn Königin Margaretas, auf ihn über.) Er wird später König Heinrich VII. sowie Lord Stanley, ein Anhänger Richmonds, der die Seiten wechselt.

Die Rosen­kriege

Die Rosenkriege (1455 – 1485) waren erbitterte Schlachten zweier Herrschaftshäuser um die englische Thronfolge nachdem England den Hundertjährigen Krieg gegen Frankreich verloren hatte. Es herrschte in diesen Jahren eine Art „feudale Anarchie“ und es bekämpften sich die Häuser York (Die weiße Rose) und Lancaster (Die rote Rose). Das Haus York stürzte Heinrich VI. vom englischen Thron, da dieser zunehmend regierungsunfähig wurde und setzten dafür Edward IV. als König ein. Somit erloschen die Herrschaftsansprüche des Hauses Lancasters und gingen auf Heinrich Tudor, Graf von Richmond, über. Nach der Schlacht bei Bosworth (1485) zwischen dem Haus York mit König Richard dem Dritten und dem Hause Tudor mit dem Grafen von Richmond an der Spitze und nach dem Tod Richards, wurde Richmond als Heinrich VII. aus dem Haus Tudor zum König ernannt. So begann die Herrscherzeit der Tudors.

Historische Chro­no­lo­gie

1455
Krieg zwischen König Heinrich VI. und dem Herzog von York
Schlacht von St. Alban
1459
Niederlage des Herzogs bei Blore Heath und Ludford Bridge
1460
Schlachten von Wakefield und von Northampton
1461
Absetzung des Königs und Schlachten von Mortimer’s Cross und St. Alban

1464
Ehe zwischen König Eduard IV. (Gründer des Hauses York) und Elisabeth Woodville
Schlachten von Towton, Hedgeley, Moor und Hexham
1465
Gefangennahme Heinrich VI.
1469
Aufstände der Herzöge von Warwick und Clarence
Schlacht von Edgecote
1470
Absetzung Eduards IV. und Rückkehr Heinrich VI. an die Herrschaft

1471
Rückkehr Eduards IV. an die Macht und damit das Ende des Hauses Lancaster
Tod des „Königsmachers“, des Grafen von Warwick, in der Schlacht von Barnet
Schlacht von Tewkesbury
Tod (wahrscheinlich Ermordung) des abgesetzten Königs Heinrich VI.
1475
Frieden mit Frankreich im Vertrag von Picquigny
1483
Absetzung des Thronerben Eduard V.
Er und sein Bruder verschwinden im Tower von London und werden wahrscheinlich von Richard ermordet
Aufstand des Herzogs von Buckingham niedergeschlagen
1485
Tod Richards in der Schlacht von Bosworth (Leicestershire)
Thronantritt des Siegers Heinrich Tudor

UN­GE­ZÄHL­TE KÖPFE

von Urs Widmer
Es gab keinen in seiner Nähe, der seinen Weg mordlos gegangen wäre. Wer im Palast zugelassen war, hatte sich den Zugang mit Schwert und Feuer freigeräumt. König Edward, sein Bruder, war ein Mörder. George sein anderer Bruder, war ein Mörder. Die gepflegten Grafen waren Mörder, die schleimigen Barone, die hochfahrenden Herzöge. Die Erzbischöfe und Kardinäle waren Mörder. Die angestellten Mörder, gesichtslose Männer in unauffälligen Kleidern, waren Mörder. Sogar die Frauen waren Mörderinnen, und die, die es nicht waren, schliefen mit Mördern, es gab ja keine andern Männer, und gebaren Kinder, die wie zukünftige Mörder erzogen wurden oder wie ihre Opfer. Was sollten sie tun? Es war eine Zeit, in der die Bewohner der Paläste (die Bewohner der Hütten lebten noch weit zufälliger) nur zwei Möglichkeiten hatten, entweder sie hielten den Griff eines Schwerts in der Hand, oder sie hatten die Klinge eines Schwerts am Hals. Ein jeder hieb ungezählte Köpfe ab, Köpfe von Freunden, von Söhnen, von Freundinnen auch, ja was sollte man da machen?, und fast jeder ging dann, ja so war halt das Leben!, an einem nebeligen Morgen selbst über einen Hof auf einen Holzblock zu, neben dem ein Mann mit einer Kapuze über dem Kopf und einem Beil in der Hand stand. Es ist unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit jeder seinen Kopf auf den Spaltstock legte. Keiner versuchte, schreiend über die Hofmauer zu klettern. Keiner stürzte sich auf den Henker. Keiner rannte mit der Eisenkugel am Bein auf die Zugbrücke zu. Alle legten, einem Naturgesetz gehorchend, den Kopf auf den Block. Sie atmeten nicht schneller als sonst. Das Naturgesetz hieß, dass es eine Macht geben und daß sie durch das Schwert ausgeübt werden musste, und so starb jeder im Einklang mit der Natur der Dinge.
Urs Widmer: Shakespeares Königsdramen. Zürich 2004. S. 122, 123.
Mit freundlicher Genehmigung des Diogenes Verlages

Ein We­sen des Krie­ges

Ein Ge­spräch mit Regisseur An­dre­as Krie­gen­burg
Katja Prussas (Dramaturgin): Andreas, Shakespeare zu arbeiten: Freude oder Last?

Andreas Kriegenburg: Natürlich unbedingt beides. Freude, mit diesem genialen Dramatiker Lebenszeit verbringen zu können und sich an seinem Werk abzuarbeiten. Last in der Gewissheit, dass man dieser Genialität nie nah genug kommen kann.

Wann hast du das Werk zum ersten Mal gelesen und was hast du gedacht? Kannst du dich erinnern?

Nein, das ist zu lange her.

Welche Inszenierungen hast du gesehen und welche blieb dir im Gedächtnis? Und beeinflusst dich diese Seherfahrung in deiner Regiearbeit?

Gesehen habe ich wohl einige, aber wirklich beeinflusst hat mich wohl keine. Höchstens unbewusst.

Das Figurentableau im Original ist milde formuliert „umfangreich“, wie hast du dich mit deinem Team entschieden?

Man muss wohl immer Kompromisse eingehen, die von den Realitäten der Theater mit großem Repertoire diktiert werden. Wir haben dennoch versucht, so groß wie möglich zu besetzen und so viel wie möglich der Komplexität der Geschichte zu erhalten.

Es gibt zahlreiche Übersetzungen von König Richard der Dritte, wir haben uns für die Übersetzung von Rudolf Schaller entschieden. Magst du die Beweggründe nochmals darlegen? Wodurch zeichnet sich diese für dich als Regisseur aus?

Für mich war für diese Inszenierung extrem wichtig eine möglichst musikalische Übertragung zu finden, deren Augenmerk mehr auf der sprachlichen Bildkraft und der Form der Sprache im Vers liegt, als auf dem Versuch, die Sprache zu aktualisieren oder die Sprache und Bilder heutiger erscheinen zu lassen.

Zum einen die Sprache Shakespeares und zum anderen Repräsentanten einer Monarchie – wie heutig denkst du deine Inszenierung?

Ich denke, wir sollten uns fragen, warum die Darstellung einer kranken, psychopathischen Figur wie Richard, die die Macht an sich reißt und dessen gewissenlosem Charakter niemand etwas entgegenzusetzen weiß, durch alle Zeiten hindurch immer wieder Entsprechungen in den Positionen der Macht findet. Immer wieder in unserer Geschichte gab und gibt es diese Monster, denen Wahrheit in ihrer Gier nach Macht nichts bedeutet und die weder Gewissen, noch irgendeine Art moralischen Kompass haben und die damit mit Skrupellosigkeit und Verschlagenheit an die Macht gelangen. Und uns damit zeigen, wie verletzlich unsere Gesellschaft, unser System ist.

Die Historie Englands verdichtet Shakespeare in seinem Werk, so war die Regierungszeit von Richard lediglich zwei Jahre, danach endeten auch die sogenannten „Rosenkriege“. Wie intensiv habt ihr Euch mit den realen, historischen Fakten auf den Proben auseinandergesetzt?

Natürlich gab es etliche lange Gespräche über die historischen Fakten und das „Who is Who“ im Stück. Aber irgendwann verlor das etwas an Wichtigkeit, wir bringen ja kein Historiendrama auf die Bühne.

Shakespeares Dramen leben auch von einer verzwickten Erbfolge – welches war die lustigste Pointe auf den Proben?

Naja, immer wieder aufs Neue durch das dichte Geäst des Stammbaums zu klettern, in dem gefühlt alle immer nur Elisabeth oder Edward oder Richard heißen, ist mehr mühsam als lustig.

In König Richard der Dritte ist der Krieg gerade vorbei, jedoch sind die Zeiten weiter unsicher und alle kehren in eine veränderte Heimat zurück und sind auch selbst – wie Richard, Herzog von Gloster – durch den Krieg verändert. Spielt dies eine Rolle in deiner Inszenierung?

Natürlich, das spielt eine zentrale Rolle. Wir beginnen ja den Abend mit einem Friedensfest, in dem die Menschen sich euphorisch und taumelnd vor Freude ihre Uniformen vom Leib reißen und auf einen großen Haufen werfen, um den kurzen Frieden vor dem nächsten Krieg zu feiern. Einzig Richard, der Hässliche, der Bucklige, der nicht in unsere Muster von Schönheit passt, behält seine Uniform an. In den Zeiten des Krieges war sein Wesen, geprägt von Skrupellosigkeit, Grausamkeit und Hinterlist, für die Gesellschaft nützlich und er konnte sich durch errungene Siege Stand und Anerkennung erkämpfen. Er ist ein Wesen des Krieges, und jetzt, in der Zeit des Friedens, führt er insgeheim den Krieg, den er in sich trägt, gegen die Gesellschaft weiter.

Gleich anschließend die Frage: Was kann Richard in Friedenszeiten mit sich anfangen? Einer, der seit seiner Geburt im Kampf gegen die eigene Mutter, gegen die anderen Familienmitglieder, gegen die Feinde aus dem Hause Lancasters und gegen die äußere Welt steht?

Richard kennt keinen Frieden. Er ist, wie er selber sagt: „nicht geschaffen für Tanz und Tändeleien.“ Das so menschliche Streben nach Liebe und Intimität ist bei ihm völlig verdrängt durch das unbedingte Streben nach ungeteilter Macht und Überlegenheit. Auf grausame Weise zeichnet Shakespeare eine Figur, die schon in ihrer Kindheit diese Züge des psychopathischen Narzissten trägt und über den selbst seine Mutter sagt, sie könne sich nicht an auch nur einen Augenblick erinnern, indem er ihr auch nur einmal eine Freude als seine Mutter bereitet hätte.

Richards Siegermentalität richtet sich nicht nur gegen die Feinde des Hauses Yorks, sondern auch gegen die eigene Familie – warum?

Für Richard gelten diese Kategorien der Einbindung in die Gesellschaft in bestimmte Strukturen wie Familie oder Stand nicht. Er erlebt sich immer als der Eine, der Besondere, der Auserwählte, der gegen die ganze Welt steht. Seine Welt ist nur eingeteilt in jene, die ihm dienen, und die anderen, die ihm Feinde sind. Und die er vernichten muss.

Shakespeare zeigt Richard im dauerhaften Kriegsmodus, wie erarbeitet ihr diesen?

Richard ist nicht im Kriegsmodus, Richard ist Krieg. Richard ist Täuschung. Das Faszinierende und dabei auch ungemein Erschreckende an dieser Figur ist, wie er die große Palette des menschlichen Ausdrucks nachspielen kann, wie er sowohl Freude und Ausgelassenheit nachahmt, wie aber auch Schrecken, Scham, Trauer oder Wut über ungerechte Behandlung. Und dieses Nachahmen von normalen, menschlichen Empfindungen beherrscht er in einer Perfektion, dass keine der Figuren im Stück, ja nicht einmal die Zuschauenden im Stande wären, ihn früh genug zu durchschauen und seiner Intrige zu entgehen.

Du hast es oft auf den Proben gesagt: „Das Wort ist die Waffe.“ Wie nutzt Richard diese „Wort-Waffe“ und was fasziniert euch daran?

Richard ist perfekt darin, den Verlauf eines Gespräches zu manipulieren und sein Gegenüber dazu zu bringen, ein bestimmtes Eingeständnis zu formulieren oder auch nur ein bestimmtes Wort zu sagen, um dann diese Situation zu seinem Nutzen und zum Schrecken des Anderen auszunutzen. Dabei ist natürlich für ihn von großem Vorteil, da er keine Wahrheit und somit natürlich auch keine Lüge kennt.

Strategien der Intrige stehen hoch im Kurs. Richard gelingt es stets sich mit anderen durch seine Intelligenz, seine sprachliche Virtuosität und sein Machtbewusstsein zu Schandtaten zu verbünden. Wie schafft er es die Gesellschaft zu manipulieren?

Im Kern fußt jede halbwegs funktionierende Gesellschaft auf Vertrauen. Versprechen werden eingehalten, Verträge werden erfüllt und nicht gebrochen. Und bei schwerwiegenden Vergehen oder Verstößen gegen diese Art von Verabredungen innerhalb der Gesellschaft erleben gesunde Menschen das Gefühl von Scham, einer der stärksten Empfindungen, zu denen wir fähig sind. Von all dem ist Richard befreit. Er ist ein Mensch, der keine Scham empfindet, der kein Gewissen hat, für den Wahrheit und Lüge unnötige Konzepte sind. Er ist sozusagen „befreit“ davon und damit allen gegenüber überlegen.

Richard scheitert auch an den vier Frauen im Stück, Lady Anne, Königin Elisabeth, Königin Margaret sowie seiner Mutter, der Herzogin von York, also an den four queens – oder?

Nein, Richard scheitert vor allem an sich selbst, und an dem Rest von Menschlichkeit, der noch in ihm ist und der den Schock des völligen Alleinseins nicht erträgt. Aber wir sehen, dass in dieser Welt der Männermacht, die Frauen die ersten Opfer sind, die in die Welt der Trauer und des Schmerzes gestoßen werden.

Hat Richard nicht einfach nur Probleme mit mächtigen Frauen aufgrund seiner Schandtaten oder gibt es Probleme wegen seiner Hässlichkeit?

Ich glaube nicht, dass Richard sich wirklich für Frauen interessiert. Ich glaube, dass er sich für keine Form der Gemeinschaft interessiert.

Interessant für Richards Charakteristika ist oft auch eine psychologische Komponente des „kalten Psychopaten“. Spielt die für dich und Max Simonischek, der Richard spielt, eine entscheidende Rolle?

Das Faszinierende ist vielleicht, dass man nicht die eine Rolle des Richard spielt, sondern in jeder einzelnen Szene einen Richard, der sich am Ende zu einem Puzzle eines schrecklichen Monsters zusammensetzt.

Wie wollt ihr mit den körperlichen Zuschreibungen umgehen, die Shakespeare Richard „angedichtet“ hat und was bedeutet dies für das Spiel?

Die Deformation des Menschlichen ist ein wesentlicher Kern dieser Figur. Nicht umsonst lässt Shakespeare Richard immer wieder auch über seine Andersartigkeit sprechen. Shakespeare zeigt in dieser Figur das Gesicht eines Menschen in der Überzeichnung zur Fratze. Und im Theater, denke ich, ist jede Form der Überzeichnung zum Lächerlichen, zum Fratzenhaften, zum Grotesken möglich und oft auch nötig.

Das Werk zeigt die Überschreitung moralischer Grenzen, hier sei v. a. der Kindermord im Tower erwähnt, wie probiert ihr sowas?

Möglichst konzentriert.

Machiavelli gab in seiner Schrift Der Fürst (Il Principe) den Ratschlag, dass der Fürst der Versuchung aus dem Weg gehen soll, sich zu den Guten rechnen zu wollen. Das „Schlecht-Sein“ ist eine Fähigkeit, die geübt und verfeinert sein will. Das gilt doch 1:1 für Shakespeares Richard – oder?

Für Richard gibt es diese Kategorien von gut oder böse nicht, er funktioniert mehr über, „nützt mir oder nützt mir nicht“.

DREAM OF CLARENCE

von Willi­am Sha­kes­pe­are
O, I have passed a miserable night,
So full of fearful dreams, of ugly sights,
That, as I am a Christian faithful man,
I would not spend another such a night
Though ’twere to buy a world of happy days,
So full of dismal terror was the time!

Methoughts that I had broken from the Tower,
And was embarked to cross to Burgundy;
And in my company my brother Gloucester,
Who from my cabin tempted me to walk
Upon the hatches. Thence we looked toward England,
And cited up a thousand heavy times,
During the wars of York and Lancaster,
That had befall'n us. As we paced along
Upon the giddy footing of the hatches,
Methought that Gloucester stumbled, and in falling,
Struck me, that thought to stay him, overboard
Into the tumbling billows of the main.
O Lord, methought what pain it was to drown,
What dreadful noise of waters in my ears;
What sights of ugly death within my eyes.
Methoughts I saw a thousand fearful wracks;
A thousand men that fishes gnawed upon;
Wedges of gold, great anchors, heaps of pearl,
Inestimable stones, unvalued jewels,
All scattered in the bottom of the sea.
Some lay in dead men’s skulls, and in the holes
Where eyes did once inhabit there were crept –
As ’twere in scorn of eyes – reflecting gems,
That wooed the slimy bottom of the deep,
And mocked the dead bones that lay scattered by.
Methought I had; and often did I strive
To yield the ghost, but still the envious flood
Stopped in my soul, and would not let it forth
To find the empty, vast, and wand’ring air,
But smothered it within my panting bulk,
Who almost burst to belch it in the sea.

No, no, my dream was lengthened after life.
O, then began the tempest to my soul.
I passed, methought, the melancholy flood,
With that sour ferryman which poets write of,
Unto the kingdom of perpetual night.
The first that there did greet my stranger-soul
Was my great father-in-law, renowned Warwick,
Who spake aloud, “What scourge for perjury
Can this dark monarchy afford false Clarence?”
And so he vanished. Then came wand’ring by
A shadow like an angel, with bright hair
Dabbled in blood; and he shrieked out aloud
“Clarence is come – false, fleeting, perjured Clarence,
That stabbed me in the field by Tewksbury!
Seize on him, Furies! Take him unto torment!”
With that, methoughts, a legion of foul fiends
Environed me, and howled in mine ears
Such hideous cries that with the very noise
I trembling waked, and for a season after
Could not believe but that I was in hell,
Such terrible impression made my dream.

Ah, Keeper, Keeper, I have done these things,
That now give evidence against my soul,
For Edward's sake, and see how he requites me.
O God, if my deep prayers cannot appease Thee,
But Thou wilt be avenged on my misdeeds,
Yet execute Thy wrath in me alone;
O, spare my guiltless wife and my poor children!
Keeper, I prithee sit by me awhile.
My soul is heavy, and I fain would sleep.
Die Staatslehre von Niccolò Machiavelli (1469 – 1527), die er in seinem bis heute berühmten Werk Il Principe / Der Fürst 1532 niederschrieb, befragt im Kern, ob es überhaupt möglich sei, Politik und Moral zu trennen. Wann ist in den Sphären der Macht zudem der richtige Moment, um an die Macht zu kommen? Wie kann man die Macht ergreifen und vor allem behalten? In seinem Werk Über die Kunst des Krieges von 1521 legt er dar, dass nur eine republikanische Armee, den Staat gegen Söldner und Tyrannen verteidigen kann. Aber bis heute wird Machiavelli als Theoretiker des Staatsstreiches bezeichnet und wegen seines Machiavellismus geächtet. So schreibt er z. B. über die Schmeichler im Umfeld des Fürsten im dreiundzwanzigsten Kapitel des Fürsten:

„Nicht übergehen will ich einen wichtigen Punkt und einen Fehler, den die Fürsten nur schwer vermeiden, wenn sie nicht sehr klug sind und eine gute Auswahl treffen / dies sind die Schmeichler, von denen es an den Höfen wimmelt, denn die Menschen sind von sich eingenommen und täuschen sich dabei dermaßen, dass es ihnen schwerfällt, sich vor dieser Pest zu schützen und will man sich davor schützen, so läuft man Gefahr verachtet zu werden (…) / Ein Fürst muss sich daher immer beraten lassen, aber jeweils nur, wenn er selbst es will, und nicht, wenn andere es wollen / vielmehr muss er jedem den Mut nehmen, ihm in irgendeiner Angelegenheit einen Rat zu erteilen, wenn er ihn nicht darum gefragt hat / doch muss er selbst reichlich Fragen stellen und sich über das, wonach er fragt, geduldig die Wahrheit anhören, ja sich entrüsten, wenn er merkt, dass jemand sie ihm aus irgendwelchen Bedenken nicht sagt / wenn viele meinen, dass ein Fürst, der als klug gilt, nicht aufgrund seiner Natur in diesem Ruf stehe, sondern dank der guten Ratgeber seiner Umgebung, so täuschen sie sich zweifellos / es ist nämlich eine allgemeine Regel, die nie fehlgeht, dass ein Fürst, der nicht selber klug ist, auch nicht gut beraten werden kann, es sei denn, er verließe sich ganz auf die Führung eines einzigen besonders klugen Mannes, in diesem Fall könnte er gut beraten werden, doch würde es nicht lange dauern / denn jener, auf dessen Führung er sich verlassen hat, würde nach kurzer Zeit die Herrschaft entreißen.“
Niccolò Machiavelli, 1532
Sendung vom 31.05.2016

Ein Ty­rann

von An­dré Krisch­er
2019 las Angela Merkel während ihres Sommerurlaubs das ihrerzeit vieldiskutierte neue Buch des amerikanischen Literaturhistorikers und Shakespeare-Experten Stephen Greenblatt Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert. Der Harvard-Professor machte keinen Hehl daraus, dass es in seinem Bestseller nicht nur um Dramenfiguren wie Richard III. oder Macbeth ging, sondern auch um die Präsidentschaft von Donald Trump. Mit Shakespeare stellte Greenblatt Fragen, die der damaligen Bundeskanzlerin angesichts der Weltlage vielleicht auch in den Sinn gekommen waren: „Wie ist es möglich, dass ein ganzes Land in die Hand eines Tyrannen fällt? […] Unter welchen Umständen […] erweisen sich solche hochgeschätzten Institutionen, die tief verwurzelt und unüberwindlich erscheinen, plötzlich als fragil? Warum lassen sich so viele Menschen in die Irre führen, obwohl sie wissen, dass man sie belügt?“ (Greenblatt, 2018). Wenn Richard III. als prototypischer Tyrann erscheint, dessen Schreckensherrschaft den Blick für die Gefährdungen moderner Demokratien schärft, ist er auch ein naheliegender Kandidat für diesen Band. Es wird hier aber nicht um die Gegenwartsrelevanz dieser Figur gehen – das bleibt Greenblatts Thema –, sondern um die historische Frage, inwiefern Richard III. in seiner Zeit als Tyrann wahrgenommen wurde. Um das Ergebnis vorwegzunehmen:

Es gibt kaum einen anderen europäischen Herrscher, bei dem sich die zeitgenössischen Zuschreibungen tyrannischen Verhaltens so gut nachzeichnen lassen wie bei diesem spät-mittelalterlichen englischen König. Shakespeares Stück The Tragedy of King Richard The Third, das […] über die Jahrhunderte bis heute immer wieder gespielt wurde, hat dafür gesorgt, dass diese Zuschreibungen tief in das kulturelle Gedächtnis der englischsprachigen Welt eingedrungen sind. Zahllose Romane, Filme und Serien porträtieren Richard nach dieser Vorlage auch noch im 20. und 21. Jahrhundert als Oberschurken (villain) und Tyrann.

Allerdings gab es auch frühzeitig Stimmen, die die Tyrannei-Vorwürfe gegen Richard als Teil der Propaganda der Tudor-Dynastie werteten. Schon 1768 bemerkte der britische Schriftsteller und Politiker Horace Walpole: „Vieles, was Richard an Verbrechen zur Last gelegt wird, klingt wenig plausibel, und, was noch wichtiger ist: Was er angeblich verübt haben soll, widersprach seinen eigenen Interessen. Die Geschichtsschreiber haben Heinrich VII. mit so viel Lob überhäuft, dass Richard dagegen umso deutlicher als gemeiner und gefühlloser Tyrann hervortritt. Ich vermute aber, dass sie Richard deshalb so sehr schwärzten, damit Heinrich durch den Kontrast in einem freundlicheren Licht erschien“ (Walpole, 1768).
War Richard III. also das Opfer haltloser Vorwürfe und übelwollender Zuschreibungen von interessierter Seite – was moderne Tyrannen und Despoten natürlich auch von sich behaupten würden? […]

Ri­chard III. und die Wir­ren der eng­li­schen Thron­fol­ge

Richard wurde am 2. Oktober 1452 in eine Zeit voller Wirren hineingeboren. Sein Vater war Richard, Herzog von York, seine Mutter Cecily Neville. Beide Eltern waren direkte Nachfahren König Edwards III. aus dem Hause Plantagenet (1312 – 1377). Dieser hatte für seine Söhne eigens fünf Herzogtümer geschaffen, aber Erbstreitigkeiten damit gerade nicht vermieden, ganz im Gegenteil: Die mächtigen Häuser York und Lancaster kämpften vielmehr zwischen 1455 und 1487 um die Krone, was später in Anspielung auf ihre Wappen als Rosenkriege bezeichnet wurde. Neben der Vielzahl an Prätendenten trug auch der Ansehensverlust des englischen Königtums infolge des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich zur politischen Krise bei. Bis 1453 waren die englischen Besitzungen auf dem Kontinent weitgehend verloren gegangen. Die in den Diensten englischer Magnaten stehenden Söldner wurden nunmehr bei den Kämpfen auf der Insel eingesetzt. Nach dem schmählichen Rückzug aus Frankreich besaß König Heinrich VI. aus dem Haus Lancaster nicht die nötige Autorität, um die politischen Fliehkräfte im Zaum zu halten; hinzu kam, dass er durch eine psychische Krankheit immer wieder monatelang aus dem Spiel genommen wurde.

1454 nutzte Herzog Richard einen neuerlichen Zusammenbruch des Königs, um ihn im Tower einzusperren und selbst als Lordprotektor zu regieren. Nachdem Herzog Richard 1460 getötet worden war, meldete dessen ältester Sohn Edward (1442 – 1483) Ansprüche auf den Thron an und wurde 1461 tatsächlich von den Londonern zum König ausgerufen. Heinrich VI. blieb im Tower gefangen, doch seine Frau Margarete organisierte von Schottland aus eine Adelsverschwörung gegen Edward, die diesen 1470 zwang, zusammen mit seinem jüngeren Bruder Richard nach Brügge zu fliehen. Der York-König hatte Richard bei seiner Krönung zum Herzog von Gloucester ernannt, ihn mit weiteren Ämtern und Würden versehen und ihm schon frühzeitig militärische Kommandos überlassen. Richard stand zu dieser Zeit fest an der Seite seines königlichen Bruders und trug entscheidend dazu bei, dass sich dieser 1471 auf den Thron zurückkämpfen konnte. Heinrich VI. starb unter ungeklärten Umständen im Tower, sein einziger Sohn auf dem Schlachtfeld – das Haus Lancaster war Geschichte.

Die 1470er Jahre erwiesen sich für England als konfliktarme und politisch stabile Zeit, die es den Chronisten später leichtmachen sollte, Edward IV. als guten und weisen König zu porträtieren. Als Edward am 9. April 1483 nach kurzer Krankheit starb, hinterließ er zwei minderjährige Söhne. Der ältere wurde als Edward V. neuer König. Solange er noch nicht volljährig war, bedurfte es eines stellvertretenden Regenten. Ihr Onkel Richard wurde vom Kronrat zum Lordprotektor berufen, doch die Königsmutter, Elisabeth Woodville, vertraute ihre Söhne lieber ihrem Bruder an, dem Earl Rivers, den Richard alsbald aufgrund eines angeblichen Komplotts des Hochverrats anklagen und hinrichten ließ. Der minderjährige König und sein jüngerer Bruder landeten im Tower, ihre Mutter suchte Zuflucht in der Westminster Abbey. Richards Getreue streuten derweil das Gerücht, dass die Ehe zwischen Edward IV. und Elisabeth unrechtmäßig gewesen sei und die Nachkommen somit keinen Anspruch auf die Thronfolge hätten. Die Londoner Bevölkerung agierte daraufhin abermals als Königsmacher, indem sie Richard aufforderte, anstelle der „Bastarde“ selbst König zu werden. Am 6. Juli 1483 erfolgte seine Krönung. Die Prinzen im Tower verschwanden auf mysteriöse Weise.

Richard suchte seine Herrschaft durch Reisen in die englischen Grafschaften und eine Reihe von wohltätigen Stiftungen zu sichern, doch sie stand auf tönernen Füßen und währte kaum zwei Jahre. Zwar konnte er den von seinem ehemaligen Gefolgsmann Buckingham angezettelten Aufstand noch niederringen. Doch einem der aufständischen Magnaten, Heinrich Tudor, gelang die Flucht nach Frankreich, wo er ein Heer aufbaute, mit der er im August 1485 nach England zurückkehrte. Obwohl zahlenmäßig unterlegen, besiegte das Tudor-Heer die Truppen Richards III. am 22. August auf Bosworth Field in der Nähe von Leicester. Richard wurde in der Schlacht getötet, seine Leiche geschändet und verscharrt. Heinrich Tudor wurde noch auf dem Schlachtfeld die Krone aufgesetzt. Damit war auch die Zeit der Yorks und der Rosenkriege vorbei, das Jahrhundert der Tudors begann.

Die Stil­i­sie­rung ein­es Ty­ran­nen

Wann Richard zum ersten Mal als Tyrann bezeichnet wurde, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Angeblich soll Heinrich Tudor seine Truppen vor der Bosworth-Schlacht damit aufgestachelt haben, dass sie nun gegen einen Tyrannen zu Felde zögen: „Und nun vorwärts: wahre Männer gegen Verräter, fromme Leute gegen Mörder, wahre Erben gegen Usurpatoren, die Geißeln Gottes gegen Tyrannen. […] Seht euch den Richard an, der Tarquin und Nero zugleich ist! Ja, ein Tyrann mehr als Nero“. Aber vermutlich hat erst der Chronist Edward Hall (1495 – 1547) dem Tudor diese programmatischen Worte in den Mund gelegt. Heinrich VII. hatte seine Thronfolge rückwirkend auf den 21. August datiert und damit alle zu Hochverrätern erklärt, die bei Bosworth gegen ihn gekämpft hatten, einschließlich Richard selbst. Aber weder Hall noch die anderen Chronisten, Publizisten und Dichter, die im Folgenden die Erinnerung an Richard prägen sollten, gaben sich mit dem Stigma des Verrats zufrieden. (Angebliche) Verräter gab es zu dieser Zeit sehr viele. Der Begriff des Tyrannen war dagegen noch recht unverbraucht. Zuletzt war Richard II. (1367 – 1400) von seinen Gegnern so bezeichnet worden (McHardy, 2012). Edward Hall hatte beim Verfassen seiner Chronik zudem bereits auf die Anglica Historia des aus Urbino stammenden Humanisten Polydore Vergil (1470 – 1555) zurückgreifen können, der um 1500 nach England gekommen war und am Hof Heinrichs VII. freundliche Aufnahme gefunden hatte (Rexroth, 2002).

Humanisten waren Experten für die alten Sprachen. Sie hatten daher erheblichen Anteil daran, die antiken Tyrannenlehren von Platon, Aristoteles, Sueton und Tacitus an ihre Gegenwart zu vermitteln. Da sie nicht an Universitäten lehrten, waren viele Humanisten von der Patronage durch einen Herrscher abhängig, steigerten umgekehrt aber auch dessen Ansehen. Die Anglica Historia, an der Vergil schon bald nach seinem Eintritt in die Hofgesellschaft des ersten Tudors zu arbeiten begonnen hatte, war daher als Lobpreisung seines königlichen Gönners gedacht, der die Fertigstellung aber nicht mehr erlebte. Unter Heinrich VIII. fiel Vergil in Ungnade, deswegen erschien die lateinische Druckausgabe erst 1534 in Basel, eine gekürzte englische Fassung folgte 1565 (Bushnell, 1990). Bei Vergil verdankte Richard seinen Aufstieg vom Königsbruder über den Lordprotektor zum König seiner List und Tücke.

Nichts war bloßen Umständen oder Zufällen geschuldet. Von Beginn an hatte Richard demnach vorgehabt, die königliche Autorität in Tyrannei zu verwandeln („convert the regall authoritye into tyranny“). Gewalt sei ihm dabei als Mittel nur recht gewesen. Vergil schob Richard auch den Auftrag zum Mord an seinen beiden Neffen, den Prinzen im Tower, in die Schuhe, was nur zeige, dass mit ihm die „wildeste Form der Tyrannei“ (tyrannis saevissima) in das Gemeinwesen eingedrungen sei. Erst Heinrich Tudor habe England davon befreit (Ellis 1844, 182).

Vergil war also einer der ersten Historiographen, bei denen Richard als Tyrann erscheint – einige Jahrzehnte nach dessen gewaltsamem Tod. Als besonders wirkmächtig erwies sich auch Vergils Beschreibung des Äußeren und der schlechten Angewohnheiten Richards: „Er war von kleiner Statur, hatte einen hässlichen Körper, eine Schulter höher als die andere, ein kurzes und wildes Gesicht, das nach Bosheit und Betrug zu riechen schien. Während er über etwas nachdachte, biss er sich ständig auf die Unterlippe, als wäre eine wilde Natur in diesem kleinen Körper, der gegen sich selbst wütete. […] Aber er war scharfsinnig, schlau, sehr vielseitig, gut im Simulieren und Verbergen.“ Solche körperlichen Nachteile wurden auch ins Bild gesetzt. Eines der ersten erhaltenen Porträts aus dem frühen 16. Jahrhundert, dessen Motive auf späteren Gemälden und Kupferstichen übernommen wurden, zeigt Richard mit hängender linker Schulter – vermutlich eine Folge von Skoliose –, zusammengepressten Lippen und Händen, die mit einem Ring spielen, was ebenfalls auf innere Unruhe – „die wilde Natur, die in diesem kleinen Körper wütete“ – verweisen sollte.

Solche Bilder hängte der englische Adel in seinen Schlössern auf, umgeben von hochgeschätzten Monarchen und Monarchinnen vor und nach ihm. Richard III. zum exemplarischen Tyrannen zu stilisieren war ein multimediales Projekt. Noch größeren Anteil als Vergil, bei dem Richard vor allem in der Rolle des hinterhältigen Schurken glänzte und der Begriff des Tyrannen nur beiläufig vorkam, hatte daran Thomas Morus. Ohne Zweifel kannte Thomas Morus (1478 – 1535) das Werk Vergils, als er seine History of King Richard III verfasste, die 1518 im Manuskript abgeschlossen war, aber erst 1543 auszugsweise und 1557 in Gänze erschien. In Morus’ Werk war Richard nicht nur auch, sondern durch und durch Tyrann – geradezu die Verkörperung des Typus. Für Morus waren Richards Unansehnlichkeit und Hässlichkeit äußere Zeichen seiner tyrannischen Natur. Schon die Umstände seiner Geburt ließen keinen Zweifel daran, dass sein Lebensweg unter schlechtesten Vorzeichen stand: Nicht nur sei er mit den Füßen voran auf die Welt gekommen, sondern habe auch bereits Zähne besessen was in dieser Zeit nicht als Laune der Natur, sondern als monströses Omen galt. Für Morus war klar, was daraus folgte: „Die Natur änderte tatsächlich von Beginn an ihren Lauf bei ihm, der im Laufe seines Lebens so viel Widernatürliches beging“ (Morus, 1984). Thomas Morus war ebenfalls ein Humanist und Jurist in den Diensten König Heinrichs VIII., fungierte als Diplomat, Mitglied des Kronrats und schließlich, ab 1529, als Lordkanzler, also oberster Richter Englands. Heinrich VIII. erwartete von Morus in dieser Rolle bedingungslose Unterstützung bei seinen dynastischen Plänen. 1530 sollte er sich beim Papst dafür einsetzen, Heinrichs Ehe mit Katharina von Aragon zu annullieren, weil diese dem König nicht den ersehnten männlichen Thronfolger gebären konnte. Da der papsttreue Humanist aber nicht das kanonische Recht brechen wollte, reichte er stattdessen seinen Rücktritt als Lordkanzler ein. Als er sich dann noch weigerte, einen Eid auf Heinrich als Oberhaupt der englischen Kirche abzulegen, wurde er 1535 wegen Hochverrats verurteilt und hingerichtet – auf der Grundlage eines kurz zuvor verabschiedeten Gesetzes, das Verbot, den König einen Tyrannen zu nennen […].

Dabei hatte Morus eigentlich anhand der Geschichte Richards III. dazu beitragen wollen, Könige davor zu bewahren, überhaupt erst in diesen Ruf zu geraten. Morus kam es also vor allem auf die Moral seiner History of King Richard III. an; es handelte sich ebenso wenig wie bei Vergils Anglica Historia um quellenkritische Forschung. Dem ganzen Werk lag vielmehr eine dramatische Struktur zugrunde, wenn er darin den unaufhaltsamen Aufstieg und notwendigen Fall einer Figur schilderte, die von Beginn an als Tyrann feststand. Viele der Szenen, die Morus lebendig und detailliert schildert, sind nicht durch belastbare Zeugnisse verbürgt. Folgt man Morus, dann war zum Beispiel Richards Erhebung zum König Ende Juni 1483 das Ergebnis einer geschickten Manipulation: Nachdem die Legende von der unehelichen Geburt der Söhne Edwards VI. gestreut worden war, habe der Herzog von Buckingham den Londoner Bürgern bei einer Versammlung in der Guildhall Richard als Retter der Nation präsentiert. Als daraufhin aber – anders als erwartet – keine Jubelstürme ausgebrochen seien, hätten bestellte Claqueure Richard zum König ausgerufen. Bei Morus erteilte Richard nach seiner Krönung auch den Auftrag, die Prinzen im Tower zu ermorden. Manipulationen und Mordauftrag an den eigenen Neffen fügten sich perfekt ins Bild des Tyrannen. Thomas Morus übertrug damit die Tyrannenlehre, die sein Humanistenfreund Erasmus von Rotterdam in seinem Fürstenspiegel Institutio principis Christiani von 1516 anhand antiker Beispiele aufgestellt hatte, auf eine Figur der damaligen Zeitgeschichte […].

Bei Erasmus fand Morus einen umfangreichen Katalog tyrannischer Untugenden, Adjektive wie „grausam, hochtrabend, gewalttätig, äußerst jähzornig, unmenschlich, schmähsüchtig, unbezähmbar und unerträglich“ (Erasmus, 1968), die er wörtlich übernahm und an seine Betrachtungen über Richards deformierten Körper anschloss. Erasmus verglich Tyrannen zudem mit Bären oder Wölfen, „die von der Beute ihrer Blutgier leben. Auch bei Morus war Richard ein Wolf im Schafspelz. Ausgerechnet in seine Obhut gab man den jungen König Edward V., als man den Herzog von Gloucester zum Protektor bestimmte […]. Indem er seine Neffen töten ließ, zerriss er schließlich „alle Bande, die Mensch und Mensch verbinden“, und handelte auf jene „widernatürliche Weise“, die schon von Geburt an bei ihm, mehr Wolf als Mensch, angelegt war. Zuvor hatte sich Richard das Vertrauen des jungen Königs durch demonstrative Ehrerbietung erschlichen. Edward V. aber ahnte nicht, dass sein Onkel „ein abgrundtiefer Heuchler [war], unterwürfig in der Miene und arroganten Herzens; nach außen freundlich, wo er innerlich hasste, zögerte er nicht, den zu küssen, den er zu töten beabsichtigte“. Als unbeherrscht und unüberlegt – kennzeichnende Schwächen eines Tyrannen nach Erasmus – ließ Morus seinen Richard also nicht erscheinen. Wie bei Vergil erschien er vielmehr als gewiefter Blender und Strippenzieher, der seine Schritte plante und die Folgen abschätzte – jedenfalls bis er von Heinrich Tudor in der Schlacht besiegt wurde. Neben den Charakterschwächen zeichnet sich der typische Tyrann vor allem dadurch aus, dass er Recht und Gesetz zu seinem Vorteil beugt – dies hatten bereits Plato, Aristoteles oder Thomas von Aquin als untrügliches Kennzeichen hervorgehoben […].
Morus nun verdeutlicht diese Qualitäten eines Tyrannen daran, wie Richard das Kirchenasyl aushebelte und einen buchstäblich kurzen Prozess machte mit jenen, die ihm gefährlich werden konnten.

Mit beiden Beispielen verfolgte Morus auch eine persönliche Agenda: Elisabeth Woodville hatte sich zusammen mit ihrem jüngeren Sohn in die Westminster Abbey geflüchtet, wo beide unter dem Schutz des Kirchenasyls standen. Morus zufolge gelang es Richard aber nicht nur, den Jungen mithilfe des Erzbischofs von Canterbury daraus hervorzulocken. Vielmehr habe er diese Institution durch eine flammende Rede, die sein Gefolgsmann Buckingham hielt, grundsätzlich zu diskreditieren versucht: In den Sanktuarien entzögen sich Verbrecher ihrer gerechten Strafe. Tatsächlich war das Kirchenasyl am Ende des 15. Jahrhunderts hoch umstritten […]. Als treuem Anhänger des Papstes waren Morus die Freistätten besonders heilig. Wenn er allerdings gehofft hatte, bei seinem König Heinrich VIII. für das Kirchenasyl dadurch zu werben, dass er dessen Verletzung als tyrannischen Akt darstellte, so wurde er enttäuscht. Im Zuge der Klosteraufhebungen in den 1530er Jahren schaffte Heinrich VIII. das Kirchenasyl vielmehr weitgehend ab, weil er es als nicht zu akzeptierende Einschränkung seiner Souveränität betrachtete. Lange Zeit hat man dies als fortschrittliche Maßnahme zur rechtlichen Vereinheitlichung Englands angesehen. Heute dagegen wird die Auflösung der Sanktuarien von vielen zur Vorgeschichte der Aushöhlung von Flüchtlingsrechten gezählt – eine Wendung, die Morus sicher gefallen hätte […]. Für die Wendung im zweiten Fall, bei dem Morus es als tyrannisch schildert, wenn Ankläger und Richter in einer Person zusammenfallen, gilt das aber eher nicht:

Als Richard noch Lordprotektor war und Mitte Juni 1483 im Tower einer Sitzung des Rats zur Vorbereitung von Edwards Krönung beiwohnte, habe er sich zuerst jovial gegeben und Appetit auf Erdbeeren gezeigt. Doch nach einer kurzen Unterbrechung der Beratungen „kehrte er völlig verändert zurück […], hatte nun eine überaus finstere und zornige Miene, hatte die Brauen zusammengezogen, runzelte die Stirn, geiferte und kaute auf seinen Lippen“ […]. Morus ließ Richards tyrannische Natur also erneut körperlich hervortreten. Die zugewandte Art und der Genuss von Früchten, die symbolisch für Unschuld und Demut standen – alles nur Fassade. Aber was war geschehen? Richard behauptete, er sei von Verrätern umgeben, die ihm nach dem Leben trachteten. Und er nannte auch Namen: Königin Elisabeth und Jane Shore, vormals die Mätresse Edwards IV. und nunmehr die Geliebte von Lord Hastings. Dabei lässt Morus keinen Zweifel daran, dass „sein“ Richard dieser paranoiden Stimmung keineswegs aufsaß, sondern sie bewusst erzeugte und für seine Zwecke nutzte.

In der englischen Adelsgesellschaft des 15. Jahrhunderts und zumal während der Rosenkriege waren Verratsvorwürfe zwar nicht ungewöhnlich, aber gleichwohl jedes Mal ein scharfes Schwert. Es handelte sich dabei nämlich nicht nur um ehrabschneidende Schmähungen, sondern um strafrechtlich relevante Anklagen. Als Verrat (treason) galt seit 1351 schon die bloße „Imagination“ des Königsmords – eine Formulierung, die dem konspirativen Denken in Zeiten der Rosenkriege besonderen Vorschub leistete. Doch nicht nur die Beschuldigten konnten ein Problem bekommen, wenn sie beweisen sollten, dass sie keinen Mord am König imaginiert hatten. Vielmehr konnten bereits diejenigen, die auch nur Zweifel an diesem Vorwurf anmeldeten, in den Verdacht geraten, Mitverschwörer zu sein. Morus unterstellte Richard ein entsprechendes Kalkül, als er die Szene der Ratssitzung im Tower dramatisch ausmalte. Lord Hastings, so Morus, habe in der Ratssitzung erklärt, er wolle die Täterinnen erbarmungslos bestraft sehen, wenn sich die Vorwürfe gegen sie beweisen ließen. Damit aber habe er sein eigenes Todesurteil gesprochen: „Was!“, rief der Protektor, „Ihr wagt es, mir mit „Wenn“ und „Aber“ zu kommen? Ich sage, sie haben es getan, und an eurem Leib soll es gerächt werden, Verräter!“.

Wie in höchster Erregung schlug er dabei mit der Faust heftig auf den Tisch. Auf dieses Zeichen hin schrie draußen jemand „Verrat!“. Eine Tür wurde aufgestoßen, Bewaffnete stürmten herein, so viele die Kammer nur fassen konnte. Und jetzt sagte der Protektor zu Lord Hastings: „Ich verhafte dich, Verräter!“. Nachdem auch Hastings’ Anhänger entwaffnet worden waren, bestand Richard laut Morus auf einer schnellen Hinrichtung: „Ich will nicht eher tafeln, bis ich deinen abgeschlagenen Kopf sehe.“ Es half Hastings nichts, nach dem Warum zu fragen; traurig nahm er den nächstbesten Priester und legte eine kurze Beichte ab, mehr gewährte man ihm nicht.“ (Morus, 1984) Unmittelbar darauf wurde er auf Tower Green geköpft. Um aufkommende öffentliche Zweifel an Hastings‘ Verrat zu zerstreuen, habe Richard noch am selben Tag durch einen Herold in der Stadt verkünden lassen, was für ein übler, lasterhafter und liederlicher Mensch dieser Hastings doch gewesen sei – ein Verräter, den man auf frischer Tat ertappt und der noch die Frechheit besessen habe, seine Mitverschwörer anzuweisen, sich „zusammenzurotten, um einen Aufruhr zu seiner Befreiung zu veranstalten“. Im allerletzten Moment habe der Protektor diesen Staatsstreich aber abwenden können. Dabei, so kommentierte Morus, habe doch jedes Kind ahnen können, dass diese ausführliche Erklärung vorab verfasst worden und Hastings in eine Falle getappt sei. Auch über Lord Rivers und den Herzog von Buckingham sei in dem Moment das Urteil gefallt worden, als König Richard III. sie als Verräter bezichtigte.

Im 15. Jahrhundert waren solche kurzen Prozesse zwar eher die Regel als die Ausnahme, aber Morus und andere Chronisten ließen vor allem Richard III. als Ankläger und Richter in einer Person auftreten – und damit als Tyrannen. Unter den Tudors gehörte eine ordentliche Justiz dagegen ebenso zur königlichen Imagepolitik wie prachtvolle Hofhaltung, Kunst und Theater auch. Dies heißt nicht, dass die Prozesse ergebnisoffen geführt wurden. Viele Urteile waren auch unter den Tudors eine ausgemachte Sache. Einer der ersten Prozesse, bei dem aber öffentlichkeitswirksam zur Schau gestellt werden sollte, dass unter Heinrich VIII. selbst gegen die schlimmsten Verräter ordentlich verhandelt wurde, war ausgerechnet der Prozess gegen Thomas Morus in der Westminster Hall im Mai 1535. Dass er seinen Kopf verlor, entsprach dem Willen des Königs. Dass dazu aber ein solcher Prozess nötig war, dafür hatte Morus auch selbst gesorgt. Die von ihm und anderen stammenden Darstellungen der Justiz unter einem Tyrannen hatten zweifelsohne dazu beigetragen, dass seit dem 16. Jahrhundert ein öffentliches Verfahren mit dem Recht des Angeklagten auf Widerrede und dem Urteil durch zwölf Geschworene vor Gericht als unverzichtbar galten. Morus‘ eindrückliche Schilderung prägte das Bild Richards III. nachhaltig. Seine History of Richard III. übertrug aber nicht nur antike und mittelalterliche Kriterien für einen Tyrannen auf eine bereits negativ besetzte Herrscherfigur.

Vielmehr zeigte er auch, welches Unheil ein Tyrann durch Manipulationen, das Säen von Misstrauen, Hetze, Vorverurteilungen und Verschwörungstheorien anrichten kann. Morus ergänzte also den Katalog tyrannischer Untugenden um wichtige Einträge und konturierte damit zugleich das Bild eines neuzeitlichen Tyrannen. Dieses Bild wurde von dem Geschichtsschreiber Raphael Holinshed (ca. 1525 –1580) in seinen Chronicles of England, from William the Conquerour untill the yeare 1577 nahezu vollständig übernommen. Die Ausgabe dieser Chroniken aus dem Jahr 1585 war wiederum die zentrale Quelle für William Shakespeares Dramen mit Stoffen aus der englischen Geschichte des 15. Jahrhunderts […]. Als seine Tragedy of King Richard The Third 1597 im Druck erschien und gespielt wurde, gelangten Versatzstücke aus Morus‘ paradigmatischem Tyrannenleben auf die Bühne und anschließend in die Weltliteratur.

Ri­chards Ty­ran­nei - nur ein My­thos?

Vergil, Morus, Holinshed, Shakespeare und andere Chronisten des 16. Jahrhunderts trugen gewollt oder ungewollt zur Verbreitung des Tudor-Mythos bei, wonach Heinrich VII. England aus den Fängen eines Tyrannen befreit hatte. Horace Walpole hatte also Recht damit, dass Richard III. zur Beförderung dieses Mythos in schwärzesten Farben ausgemalt worden sei, so dass sein Nachfolger umso heller strahlte. Ähnliches hatte vor Walpole bereits Sir George Buck (1560 –1622) behauptet, der als Buchzensor die Werke Shakespeares zu genehmigen hatte: „Die Geschichte Richards“, so Buck, „wurde mit viel Galle und Neid geschrieben […], all seine Tugenden wurden mit übelwollender Alchemie in Verbrechen verwandelt“ (Buck, 1647). Seit dem 19. Jahrhundert wurde es in England populär, Richard vom Vorwurf der Tyrannei freizusprechen. Dieses Interesse mündete 1924 in die Gründung der bis heute aktiven The Richard III Society. Dem Bemühen dieser „Ricardians“ ist es zu verdanken, dass Richards Gebeine 2013 unter einem Parkplatz in Leicester gefunden und 2015 in der dortigen Kathedrale feierlich beigesetzt wurden […] – was einer alten Kontroverse neue Nahrung gab: War der Tyrann Richard bloß eine Erfindung von Humanisten, Geschichtsschreibern und Dramatikern?

Einerseits handelte es sich bei der Typisierung Richards als Tyrannen um eine rhetorische Verbeugung vor den Tudors. Andererseits aber besaß der im Renaissance-Humanismus ungemein populäre Begriff des Tyrannen aber auch analytisches Potenzial, wenn es darum ging, die fortlaufende und stellenweise besonders drastische Enttäuschung der traditionellen Erwartungen an einen guten, tugendhaften und gerechten König auf den Begriff zu bringen […].

Für die Humanisten stand Richard zudem keineswegs allein in der Tyrannen-Ecke. Als Usurpatoren wurden von den Zeitgenossen auch Edward IV. und Heinrich VII. gehandelt […]. Heinrich VIII. griff bekanntlich aus dynastischer Räson das Sakrament der Ehe an, ebenso wie Richard, der damit seine Neffen als „Bastarde“ erweisen wollte. Eine paranoide Stimmung herrschte auch an den Höfen der Tudorkönige und -königinnen – weswegen Stephen Greenblatt davon ausgeht, dass Shakespeares Richard III. eigentlich Zeitkritik darstellte und die Frage, wie ein Land in die Hand eines Tyrannen fallen kann, sich nicht auf die 1480er, sondern die 1590er Jahre bezog […].

Was Richard für seine Kritiker im 16. Jahrhundert jedoch mehr als alles andere zum exemplarischen Tyrannen machte, war die skrupellose Wendung gegen die eigene Familie, und hier vor allem gegen deren männliche Mitglieder: die Entthronung des einen Neffen, das Kidnapping des anderen, das Desinteresse an der Klärung vom Verschwinden beider, womöglich gar ihre Beseitigung. Aus Sicht der gelehrten Zeitgenossen war das, so wie fast alles an Richard, schlicht widernatürlich. Und noch eines kam hinzu: Richard konnte sich gegen solche Vorwürfe nicht mehr zur Wehr setzen – anders als Heinrich VIII., der zwar ebenfalls als Tyrann gelten konnte, die Verbreitung solcher Vorwürfe aber bei Höchststrafe verboten hatte […].

Außerdem hatte Heinrich Nachkommen, die bei allem, was sie persönlich von ihm halten mochten, sein öffentliches Andenken in Ehren hielten, etwa durch eine Bildpolitik, die ihn nach Maßstäben des 16. Jahrhunderts als attraktiv und männlich erscheinen ließ – ganz im Gegensatz zum verkrüppelten Richard.

Die Darstellung Richards III. als Tyrannen war also eine politisch motivierte Zuschreibung, aber keine vollkommen willkürliche. Sein Handeln vom Tod seines königlichen Bruders 1483 bis zur Schlacht von Bosworth 1485 ließ sich mit den überlieferten Kriterien für einen Tyrannen vielfach in Übereinstimmung bringen. Wenn man also historisch urteilen wollte, müsste man sagen: Die Ungerechtigkeit bestand nicht darin, Richard einen Tyrannen zu nennen, sondern darin, dass andere Herrscher im 15. und16. Jahrhundert nicht auch so bezeichnet und in Texten und Bilder entsprechend stilisiert wurden.
André Krischer / Barbara Stollberg-Rilinger: Tyrannen. Eine Geschichte von Caligula bis Putin. München 2022, S. 77 – 90.
Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlages.

IM SCHATTEN DES SCHUR­KEN

Schauspieler Gábor Bie­der­mann und Max Simonischek über ihre ge­mein­same Arbeit an König Richard der Dritte
Katja Prussas (Dramaturgin): Shakespeares Königsdrama zu proben – ein Fest oder der Horror?

Gábor Biedermann (spielt Herzog von Buckingham): Ein Fest!

Max Simonischek (spielt König Richard den Dritten): Fest. Definitiv. Aber erst nach einer Inkubationszeit als Horror. Man bekommt den Text und merkt, Shakespeares Königsdramen sind im Grunde eine Steuererklärung mit Blutrache. Drei Typen heißen Edward, zwei heißen Richard, vier George. Die Hälfte ist gleichzeitig verwandt und verfeindet, und man braucht einen Stammbaum, um herauszufinden, wer wen aus welchem Grund gerade umbringen lässt. Man sitzt da wie bei der Steuererklärung fürs Finanzamt: „Moment, ist Buckingham jetzt Werbungskosten oder Sonderausgabe?“ Die Vorbereitung fühlt sich also an wie eine Steuererklärung, die Proben wie Steuerhinterziehung, die Generalprobe wie eine Betriebsprüfung, bei der alle hoffen, dass keiner genauer hinschaut. Die Premiere hoffentlich dann wie Rückerstattung. Das ist dann der Moment, wo aus Buchhaltung Theater wird. Und die Wiederaufnahme im nächsten Jahr? Wahrscheinlich wie die Mahnung vom Finanzamt: Man dachte, man wäre durch, ist man aber nicht. Spaß bei Seite. Ein Fest!

Habt ihr das englische Original stets präsent oder vertraut ihr auf die gewählte Übersetzung von Rudolf Schaller?

M. Simonischek: Ich habe mir den englischen Originaltext besorgt und während der Proben immer wieder parallel gelesen. Schallers Fassung trägt Rhythmus und Bilder sehr nah am Original und ist eigentlich, um bei meinem Bild der Steuerberatung zu bleiben, wie eine solide Steuersoftware, die einem die Arbeit abnimmt. Aber wenn mir eine Formulierung zu glatt oder zu erklärend vorkam, oder ich eine Stelle einfach nicht verstanden habe, bin ich zurück zu den Rohbelegen gegangen und habe im Original nachgeschaut, was Shakespeare da eigentlich wollte. Das war oft hilfreich für den Subtext, auch wenn am Ende natürlich die deutsche Zeile gesprochen wird.

G. Biedermann: Ich schaue immer wieder gerne in das englische Original und staune über die Eleganz, die Direktheit und Schärfe der Sprache Shakespeares.


Was fasziniert an der Sprache Shakespeares?

G. Biedermann: Sie ist wie ein Tanz der Worte und Gedanken.

M. Simonischek: Der Jambus zwingt einen zu etwas, das ich fast einen „50/50-Joker“ nenne. Jede Silbe ist entweder gehoben oder gesenkt. Damit fallen schon viele falsche Intonation bzw. Haltungen, die man beim Sprechen einnehmen könnte, weg. Das Versmaß schlägt einem vor, mit welcher inneren Position man einen Satz sprechen könnte. Auch Richard nutzt dieses. Er weiß genau, wo er eine Silbe heben muss, damit die Zuhörer glauben es handle sich um Wahrheit und nicht um Taktik. Shakespeares Sprache ist harmonisch und zugleich sinntragend. Man merkt in jeder Zeile, wie durchdacht die Satzstellung ist, wie bewusst die Intonation vorgegeben wird. Das ist keine Sprache, die man einfach wegsprechen oder schnell hinter sich bringen kann. Sie verlangt Aufmerksamkeit, sie lädt ein sich mit ihr auseinanderzusetzen. Und genau das ist für mich der Punkt: Man versteht sie als Kunstform, die man etwas anhebt und den Zuschauern damit präsentiert und zugänglich macht.


Gábor, kannst du aus der Perspektive von Heinrich Stafford, Herzog von Buckingham, König Richard beschreiben?

G. Biedermann: Ein nützlicher Idiot (lacht). Im Ernst: Richard ist der beste Kandidat für den Thron – ihm zur Macht zu verhelfen, wird Buckingham von großem Nutzen sein, davon ist Buckingham überzeugt.

Max, kannst du aus der Perspektive von Richard, Herzog von Gloster und späterer König Richard der Dritte, Herzog von Buckingham beschreiben?

M. Simonischek: Für Richard ist Buckingham das nützlichste Werkzeug, das ihm auf dem Weg zum Thron begegnet. Genauso kreativ wie er selbst und dabei bereit im Hintergrund zu bleiben. Das macht ihn so wertvoll und gefährlich zugleich. Ein Werkzeug, das so gut denkt, wie man selbst, hört nämlich irgendwann auf nur Werkzeug zu sein. Irgendwann will auch er an die Macht.


Was macht das Verhältnis der beiden im Machtgefüge so gefährlich?

G. Biedermann: Die Skrupellosigkeit in ihrer Zielstrebigkeit, gepaart mit dem nicht allzu diskreten Charme ihrer Sprach- und Verführungskunst.

M. Simonischek: Die beiden brauchen einander nur solange sie sich gegenseitig unterschätzen dürfen. Sobald einer merkt, dass der andere ihn durchschaut, kippt das Gleichgewicht. Richard führt über Charme, Tempo und Kalkül. Und sobald Buckingham ihn durchschaut und in seiner Loyalität zögert, serviert Richard ihn eiskalt ab.

Oft ist zu beobachten, dass der jeweilige heutige Machthaber stets mit seinem Tun im Fokus steht, während sein „Schatten“ (sein engster Berater) oft weitaus machtvoller, intellektueller und progressiver wahrgenommen wird und im Hintergrund die Strippen der Politik zieht. Ist dem auch in Shakespeares Richard der Dritte der Fall?

M. Simonischek: Ich glaube Shakespeare unterläuft dieses Muster ganz bewusst. Buckingham hat tatsächlich viele Züge dieses klügeren, kühleren Kopfes im Hintergrund. Aber Richard gibt ihm nie wirklich die Kontrolle. Er lässt ihn zwar glauben er sei der Stratege, während er selbst aber längst zwei Schritte weiter ist. Richard braucht Buckingham als Helfer und nicht als echten Mitregenten.

G. Biedermann: Ein Stück weit, ja. Die Radikalität Buckinghams kennt jedoch Grenzen in Form von Moral und Anstand, wovon Shakespeares Richard weitgehend befreit zu sein scheint.


Inspirieren euch heutige Machthaber und politische Strippenzieher für die Erarbeitung eurer Rollen?

G. Biedermann: Sicher. Da gibt es mittlerweile leider so viele Beispiele, nicht nur in den USA oder Russland …

M. Simonischek: Mich haben weniger einzelne Personen, als bestimmte Verhaltensmuster inspiriert. Muster wie zum Beispiel eine Rhetorik ohne jeden Wahrheitsanspruch. Wie Machthaber Zuhörende mit wohlklingenden aber inhaltsleeren Worten für sich gewinnen ohne dass Wahrhaftigkeit dabei eine Rolle spielt. Richard überzeugt Menschen mit gezuckerten Worten und ist an Wahrheit überhaupt nicht interessiert. Dazu das ständige Lügen bei gleichzeitiger Selbstinszenierung. Seine Monologe offenbaren ja wie durchgängig er alle belügt. Auch die Verachtung für Frauen hat Richard mit heutigen mächtigen Präsidenten gemein. Im Original behandelt er Frauen verbal und körperlich respektlos darunter seine eigene Frau und Mutter. Auch der Gestus des „Ich allein“ fällt mir noch ein, der mir bei heutigen Machthabern auch viel zu ausgeprägt vorkommt. An diesen Verhaltensweisen die unseren gesellschaftspolitischen Alltag von unterschiedlichen Richtungen prägen, konnte ich mich während der Proben zu Genüge orientieren, ohne dabei nur eine konkrete, reale Figur kopieren zu müssen.

Im Drama wird von den Rosenkriegen in England berichtet, doch beide erleben gerade eine kurze Friedenszeit in unsicheren Zeiten, wie gehen sie jeweils damit um?

M. Simonischek: Richard nutzt diese kurze Atempause nicht zum Ausruhen, sondern zum Handeln. Für ihn ist Frieden nur die Zeit, in der noch niemand mit einem Angriff rechnet. Er selbst sagt ja, dass ihm in solchen Friedenszeiten langweilig wird.

G. Biedermann: Ich denke, Frieden ist ihnen beiden suspekt und zugleich DIE Gelegenheit, um Macht zu erlangen.


Der hinterhältige Mord an den Kindern, den Neffen von Richard, im Tower zu London ist der Wendepunkt der Allianz von Richard und Buckingham, könnt ihr darlegen, warum sich dadurch die Wege trennen?

M. Simonischek: An diesem Punkt wird aus politischem Kalkül offener Mord. Für Richard trennt sich hier die Spreu vom Weizen. Buckinghams Zögern ist für ihn schon Verrat. Ab diesem Moment ist der einst so wertvolle Buckingham für Richard kein Verbündeter mehr, sondern nur noch ein Risiko.

G. Biedermann: Naja, da geht Richard für Buckingham eindeutig zu weit.

Was ist der größte Irrtum eurer jeweiligen Figur?

G. Biedermann: Zu glauben, ein Partner sei ein Partner.

M. Simonischek: Richards größter Irrtum ist zu glauben er könne Loyalität, die er selbst nie gegeben hat, dauerhaft einfordern. Richard rechnet mit der Angst und dem Ehrgeiz der anderen, aber nicht damit, dass irgendwann niemand mehr übrig ist, dem er vertrauen könnte. Und dass er diesen Moment ganz allein selbst herbeigeführt hat.

Das frühe Shakespeare Stück war nie ganz verschwunden von den Spielplänen, doch erlebt es in der jüngsten Zeit eine Art Revival auf den Bühnen, woran liegt das in euren Augen?

M. Simonischek: Klassiker generell zeichnen sich eher durch psychologische Tiefe statt durch Tagesaktualität aus. Sie verdichten ja Muster menschlichen Verhaltens, wie u. a. Machtgier, Manipulation, Verstellung, Liebe, Mord, Verrat. Ein Shakespearetext und über vierhundert Jahren alt, ist durch unzählige Inszenierungen, Deutungen und Kontexte hindurchgegangen und ist trotzdem nie stumpf geworden. König Richard der Dritte sagt weniger etwas über das England des fünfzehnten Jahrhunderts aus, als über den Mechanismus wie Macht funktioniert, wenn genug Menschen bereit sind wegzusehen. Und hier bekommt der Text für mich den entscheidenden Link zu heute. Das Stück ist eine Studie über einen Menschen, der über keinen moralischen Kompass mehr verfügt und dabei Charisma, Redegewandtheit und schamlose Selbstinszenierung nutzt, um sich an die Macht zu manipulieren, während alle um ihn herum eigentlich wissen wozu er fähig ist und trotzdem mitspielen oder wegschauen. Das ist ein Mechanismus der sich in jeder Epoche neu besetzen lässt. Vielleicht halten sich Klassiker deshalb im Vergleich so lange über Wasser

G. Biedermann: Ich wundere mich eher, warum es seit meinem Studium vor über zwanzig Jahren nicht ständig und überall gespielt wird. Mich hat es damals schon viel mehr fasziniert als andere seiner Stücke. Das heutige Interesse mag mit der weltpolitischen Lage zusammenhängen, in der skrupellose, von Moral befreite, narzisstische Egomanen das Sagen haben und auch noch von vielen bewundert werden.

Was ist für euch der schönste Satz eurer Figur? Oder der schrecklichste Satz?

G. Biedermann: Ist Hohn der Lohn für meine treuen Dienste?

M. Simonischek: Now is the winter of our discontent // Made glorious summer by this sun of York.


Ihr habt beide schon einige Produktionen mit Andreas Kriegenburg gemacht, was schätzt ihr an der Arbeit mit ihm?

G. Biedermann: Dass er weiß, wie es geht!

M. Simonischek: Bei Andreas Kriegenburg ist es vor allem die Geduld und die Konsequenz, die ansteckend sind. Es ist keine Frage mehr von Geschmack oder Stil. Wenn jemand mit dieser Überzeugtheit seine Vorstellung von Theater, von Spiel, von Humor, von Sprache vom Miteinander vertritt und das so kompromisslos durchzieht, dann steckt es an, weil es die beste Voraussetzung dafür ist auf der Bühne wirklich etwas zu erleben. Andreas Kriegenburg inszeniert mit einer Genauigkeit und dennoch bleibt am Ende immer ein riesiger Spielraum als Schauspieler. Darum geht es in diesem Beruf letztlich. Und Andreas Kriegenburg versteht es für mich, wie kein Zweiter, diesen Nährboden zu bereiten, auf dem solche Erlebnisse überhaupt wachsen können. Man muss als Spieler allerdings dafür bereit sein, denn es bedeutet Arbeit sich auf seine Vorstellungen einzulassen. Dafür ist die Belohnung groß. Und man wird dabei als eigenständiges Denkendes Individuum geschult, weil gezwungen selbst eine Haltung zu der Unternehmung einzunehmen. Denn je klarer die Vorgaben seitens der Regie sind, desto mehr muss man ihnen etwas entgegensetzen. Die eigene Spielfreude, die eigene Fantasie, die eigene Vorstellungskraft gegen dieses scheinbare Korsett von seinen Vorstellungen, wie es zu sein hat. Genau darin ähnelt Andreas Kriegenburg übrigens auch Shakespeare. Beide geben einen Rahmen vor, der so eng erscheint, dass man glaubt keine Wahl mehr zu haben. Aber genau in diesem engen Rahmen findet man dann die größte Freiheit.
Vier Frauen, vier Königinnen, drei Generationen und allesamt Opfer des Krieges, der nie enden wollenden Schlachten der Rosenkriegen zwischen den Häusern York und Lancaster um den Thron Englands. Sie sind oder werden zu Witwen. Außer Lady Anne sind alle Mütter: Mütter ermordeter Söhne. Und alle sind der Willkür Richards in seinem toxischen Herrschaftssystem – geprägt von Frauenfeindlichkeit – ausgesetzt. „Das Ausmaß des Schmerzes, den jede einzelne der weiblichen Figuren unter der ‘insulting tyranny’ Richards durchleben, lässt sie zunehmen die Einsicht in die Wirklichkeit ihrer gegenwärtigen Lage finden“, so Sprachwissenschaftlerin Doris Märtin.
Oh Gott, du höchster König, sage mir,
Der alten Frau, der nicht mehr Gattin, nicht
Mehr Mutter, sag uns, ehmals Frauen, Müttern,
Uns allen, denen Trauer um die uns
Entrissenen Männer, unsre Söhne
Den Atem wegschlägt, jeden Schrei erstickt,
Das still geworden auch der Fluss der Tränen
Versiegt, oh sag, du höchster König, sage:
Ist Krieg denn, immerwährend, Gottgegeben?
Bist du’s, der immerzu der Männer Hybris
Mit machtbegeifernden Gedanken füttert?
Bist du’s, der sie wie willenslose Äffchen
Einander in die Kehlen beißend, um
Einen Thron lässt tanzen. Sag, ist das dein Wille?
Sind wir auf deinem Tischchen Welt nur kleine
Mit Schwertern fuchtelnde Figuren, die nur
Dir zum Vergnügen uns die Köpfe runterhaun?
Sind wir es selber, die aus freien Stücken
Einander in Stücke zerstücken? Aus Tradition?
Der Vater setzt den Sohn auf einen Weg
Der ihn gradwegs zu Macht und Reichtum
Hinführen soll, und links und rechts des Wegs
Fünf Meter hohe Bretterzäune, drauf
Eingebrannt mit glüh’ndem Eisen Wörter
Wie Sieger, Ehre, Tradition und Blut?!?
Ich bin jetzt eine alte Frau, die Welt
Kann mir nichts nehmen mehr. War Königin,
nicht mehr, war Gattin, er ist tot, war Mutter,
Er fiel im Krieg. Der Frieden, der jetzt ist,
Im Übergang zum nächsten Krieg, in mir
Findet er keinen Einlass, keine Tür
Für Freude, Heiterkeit, für Tanz und Küsse,
Zu hart gebacken ist die Kruste
Auf meiner Haut aus Bitterkeit und Wut
Und tränenleerer Trauer. Euer Siegerfrieden
Prallt einfach ab von mir. In meiner Brust,
Gepanzert durch das Blut der Meinen, bleibt
Mir nur der Krieg der alten Männer, wie
Ein Krebsgeschwür das meine Seele frisst.

Margareta, Monolog von Andreas Kriegenburg
Zunächst steht Königin Margareta aus dem Hause Lancaster als ehemalige, abgesetzte Königin im Fokus. Sie sinnt auf Rache für ihr Haus Lancaster. Mit ihren Verfluchungswünschen widersetzt sie sich nicht nur der Verbannung, sondern auch gleich den Anordnungen des neuen Herrscherhauses York. Elisabeth, die neue Königin, ist ihr ein Dorn im Auge. Shakespeare nimmt mitten im Machtzentrum das Gegen- und Nebeneinander der Frauenfiguren, deren Instrumentalisierung, Isolierung und Handlungsohnmacht ins Visier. Erst die Ermordung von Elisabeth beiden Kindern Edward und Richard im Tower von London, der frühe und tragische Tod von Lady Anne, deren Martyrium an der Seite Richards nur zu erahnen ist, lässt die verbleibenden drei Königinnen am Ende des Stückes ein Stück weit näher zusammenrücken – für einen Moment. Sie klagen nicht über die Umstände in denen sie leben müssen, sondern sie solidarisieren sich mit dem Leid der jeweils anderen – für einen Moment. Ein Novum. Sie destabilisieren mit ihrem emotionalen Sog und gegenseitiges Mitgefühl die Sphäre Richards. Sein perfides Machtinstrument der „Austauschbarkeit von Frauen“, wie Lady Anne und Königin Elisabeth am eigenen Leib erfahren mussten oder das neue Werben um Königin Elisabeths Tochter Elisabeth, soll zerstört werden.
Vergönn mir, Mann der völligen Verpestung,
Dich wegen allbekannter Missetaten
In allen Einzelheiten zu verfluchen.

Lady Anne
Zunächst sind sie Königinnen auf Abruf, doch es ist Margareta, die durch ihre öffentliche Verdammung Richards und dem Aufzeigen des Schicksals Elisabeth (das stellvertretend für alle vier Königinnen steht), die entscheidende Wende einläutet. Zeitgleich sendet Elisabeth ihren Sohn aus erster Ehe Dorset (namentlich genannt) zu Richards Erzrivalen Graf von Richmond und wird als Erste der vier wirklich aktiv und greift in politische Kämpfe ein. Sie möchte die nächste Generation vor dem Zugriff des Tyrannen schützen.
Die Klageszenen sowie die Monologe der Frauen zeigen offensichtlich eine Nähe zum antiken Drama. Doch bei Shakespeare treffen sich „the four queens“ (Herzogin von York, Margareta, Elisabeth, Anne) „um sich gegenseitig ihr Schicksal zu klagen“. Die Anlässe für ihr jeweiliges Klagen liegen weit zurück und diese werden untereinander zur Sprache gebracht. Ein lang aufgestautes Wissen um das System, in dem sie leben. „Schuld- und Leidenszusammenhänge werden rational dargelegt“, so Wolfgang Clemen in seinem Kommentar zum Drama, und Richards Biografie wird vor allem von seiner Mutter belastend als Analyse herangezogen.
Zur Hölle ward die Erde mir durch dich.
Als schwere Bürde hab ich dich geboren;
Voll Trotz und launenhaft war deine Kindheit,
Die Schulzeit schrecklich, wild und übermütig,
Dein Jugendlenz war gottlos, kühn und wütig,
Dein reifres Alter stolz, schlau, falsch, verrät’risch,
Im Haß wohl milder, doch gefährlich freundlich:
Sag, welche frohe Stunde kannst du nennen,
In der mich deine Gegenwart erfreute?

Herzogin von York
Wie soll Frau handeln im Angesicht des Terrors und des vergangenen Grauens? Da auch das Wissen um die Folgen bereits wie ein Dämon im Raum steht:
Bald stürzt sich übermüt’ge Tyrannei
Auf den verwaisten Thron, den keiner fürchtet.
Zerstörung, Tod und Massenmord: willkommen!
Ich seh’ schon, wie im Bild, das End’ von allem.

Königin Elisabeth
Zwischen eigenen Schicksalserfahrungen, Instrumentalisierungen und Machtansprüchen, finden sie einen Weg miteinander zu sprechen. Diese Szene gehört zu den bemerkenswertesten des Stückes. Sie weist über das individuelle, weibliche Schicksal hinaus. Denn Frauen bilden die von Tyrannen vornehmlich attackierte und unterdrückte Gruppe. Wie agieren? Die Arroganz der herrschenden Männerbünde zeigt sich auch 2026 allgegenwärtig auf den politischen Bühnen dieser Welt. Shakespeares faszinierende Charakterstudie eines Machtmenschen ohne jegliche Moral, ist auch in unserer Zeit ohne Gebrauchsanweisung für alle lesbar.
Sendung vom 23.04.2025

DER FALL RICHARD DER DRITTE

von Ma­nuel Bau­er
[…] William Shakespeares Rang in der Geschichte der Kriminalliteratur beruht vor allem darauf, dass er einige der abgründigsten und faszinierendsten Verbrecherfiguren erschaffen und an einer Ausleuchtung ihrer Psyche gearbeitet hat. Für Karl Philipp Moritz, der im ausgehenden 18. Jahrhundert die Disziplin der Erfahrungsseelenkunde begründet, sind Shakespeares Dramen „ein Beitrag zur innern Geschichte des Menschen“ […]. Geht man mit Harold Bloom von der Annahme aus, „dass Shakespeare, indem er die universal anerkannte Weise der Darstellung von Charakter und Persönlichkeit erfand, zugleich den Menschen, wie wir ihn kennen, erfand“ (Bloom, 2002), dann musste der größte aller „Meister [...] in Darstellung menschlich voller Individuen und Charaktere“ […] auch an der kriminellen Seite des Menschen interessiert sein. Hegels Bemerkung, dass Shakespeare „in der unendlichen Breite seiner Weltbühne auch zu den Extremen des Bösen […] fortgeht“, benennt die unverzichtbare Funktion verbrecherischer Figuren für Shakespeares anthropologische Innovation einer literarischen Vermessung des Menschen. Für die Entwicklung und den Facettenreichtum der Kriminalliteratur sind Shakespeares psychologisch aufschlussreiche Dramen von größerer Bedeutung als die wenige Jahrzehnte später entstehenden, vergleichsweise aber altbacken wirkenden „blutrünstige[n] Barockspiele“, die in „Greuel- und Marterszenen [...] schwelgen“. Shakespeare interessiert sich nicht für Greuel oder Marter. Das Werk des größten Dramatikers zeigt die spezifische Leistung des Verbrechens für eine literarische Anthropologie. Anders als die antiken Tragiker bedient sich Shakespeare nicht mehr beim Mythos, sondern bei der Historie. Aber hier wie dort wird hinter dem Anschein blanker Monstrosität ein Abgrund menschlicher Leidenschaften vermessen. Mit besonderer Drastik geschieht das am Beispiel der Figur des Herzogs Richard von Gloucester, des späteren Königs Richard III. Shakespeare entwirft das Psychogramm eines Mörders, der den Weg zur Tyrannei beschreitet. Im dritten Teil von König Heinrich VI. (entstanden zw. 1590 und 1592) bekundet Richard in einem Monolog (III / 2) seine Bestrebungen, selbst König zu werden. Seinen Ehrgeiz und die damit verbundene Ruchlosigkeit führt er auf seine körperliche und seelische Disposition zurück. Fehlende pränatale Mutterliebe habe zu seiner umfassenden physischen Deformierung geführt. Angeborene Benachteiligung durch körperliche Unansehnlichkeit und Behinderungen wird als Voraussetzung einer immensen kriminellen Energie ausgestellt. Wer sich als elendes Geschöpf erfährt und selbst versteht, ist dieser Engführung von körperlicher und seelischer Deformierung zufolge zum Verbrecher prädestiniert (ein in der Folge häufig eingesetztes Kriminalliterarisches Erklärungsmuster, das im ebenso beklagenswerten wie genialen und kriminellen Protagonisten von Gaston Lerouxs Roman Das Phantom der Oper (1909/10) und dessen zahllosen Adaptionen einen populärkulturellen Kulminationspunkt erreicht). Verbrechen wird zur einzigen Möglichkeit der Kompensation einer physischen Benachteiligung apostrophiert, „[w]eil denn die Erde keine Lust mir beut / Als herrschen, meistern, andre unterjochen, / Die besser von Gestalt sind wie ich selbst“ (Heinrich VI., III / 2). Da ihm die Erfüllung anderer Begierden versagt ist, bietet ein übersteigerter Wille zur Macht seine einzige Aussicht auf Befriedigung. Er bekundet, „diese Welt für Hölle nur zu achten“, bis er die Krone errungen habe. Erscheint diese Koppelung einem modernen Publikum als naiv, unkorrekt und problematisch, ist ihr Effekt doch bemerkenswert: Da Richards spätere Taten auf seine Missgestalt zurückgeführt werden, ist selbst einer der abscheulichsten Schurken der Weltliteratur nicht das Böse schlechthin. Noch eine derart verkommene Gestalt ist aus benennbaren Gründen zu solcher Monstrosität getrieben – und vermag es deswegen, zumindest ansatzweise Mitleid und Verständnis zu erregen. Schiller wird anmerken, dass der Leser Richard zugleich bewundere und hasse (Schiller: Die Räuber). Durchaus zerrissene Figur, empfindet Richard von Gloucester das Streben nach der Krone als Marter, von der er sich befreien will. Misslingt ihm das, will er sich „den Weg mit blut’ger Axt“ bahnen, sich dabei stets verstellen und seine Mitmenschen täuschen: „Kann ich doch lächeln, und im Lächeln morden“ (Heinrich VI., III / 2). Zuvor erregtes Mitgefühl kippt angesichts solcher Absichten in bloßen Widerwillen gegen derlei ostentative Monstrosität. Im exemplarischen Superschurken Richard verschränken sich Erklärung und Exzess, in der Reaktion auf ihn Empathie und Entsetzen.
Auch in König Richard III. thematisiert Gloucester seine „Mißgestalt“, die ihm jedwede Erfüllung erotischen Begehrens versagt habe, deshalb sei er „gewillt, ein Bösewicht zu werden“ (Richard III., I / 1). Planvoll beseitigt er jeden, der ihm im Wege steht, auch seinen Bruder und seine jungen Neffen. Entfaltet wird das Charakterprofil des aufstrebenden Tyrannen, dem das Gesetz verhasst ist und dessen Vergnügen im Gesetzesbruch besteht (vgl. Greenblatt, 2018). In Richard bündelt sich die Niedertracht der dynastischen Auseinandersetzungen, die Shakespeare in seinen Historien- und Königsdramen behandelt. Richard ist die Zuspitzung eines Menschenbildes: Das sich als geistig ermächtigt begreifende Individuum wird von der Aussicht auf Macht korrumpiert und zum vielfachen Mörder. Erscheinungsformen, Genese und Konsequenzen der Psychopathologie des mordenden Tyrannen machen den analytischen Kern dieser machtpsychologisch fundierten Spielart der Kriminalliteratur aus. Richards zügellose Schauerlichkeit kann gedeutet werden als Identifikationspotenzial für das Publikum, das die eigenen verbotenen Sehnsüchte nicht ausleben kann. Greenblatt sieht keine rationale Identifikation mit Richards politischen Zielen, wohl aber „eine gewisse Mitschuld beim Publikum, die Mitschuld derer, die ein flüchtiges Vergnügen in der Befreiung von aufgestauten Aggressionen finden“, sodass die Theaterzuschauer ein ums andere Mal „von der Ungeheuerlichkeit des Schurken bezaubert“ sind (Greenblatt, 2018). Gerade das macht ihn zum Muster eines amoralischen Verbrechers aus Benachteiligung, der vom Publikum aufgrund der Ungeheuerlichkeit seiner Taten und seiner Verachtung juridischer wie moralischer Gesetze gleichermaßen verachtet wie bewundert werden kann. Die Vermessung krimineller Beweggründe mündet in eine Restituierung der Ordnung. Richard III. illustriert Hegels Beobachtung, dass in der modernen Tragödie Gerechtigkeit „teils bei dem verbrieften Unrecht und den Verbrechen, zu denen sich die Individuen, wollen sie sich durchsetzen, genötigt sehen, von kälterer, kriminalistischer Natur“ sein müsse; Figuren wie Richard „verdienen durch ihre Greuel nichts Besseres, als ihnen geschieht“.
Im 5. Akt erscheinen dem zum König aufgestiegenen Richard in der Nacht vor der Schlacht gegen seinen politischen Rivalen die Geister mehrerer seiner Opfer; in ähnlicher Weise werden auch Macbeth und Brutus vom Geist eines Ermordeten heimgesucht. Diese Manifestationen des wiederkehrenden Verdrängten stellen die Beschwernis des vormals nicht auszumachenden Gewissens dar und zielen auf die niemals ganz auszuschaltende Schwermut des Peinigers. Die Geister kündigen Richard an, er werde in der anstehenden Schlacht an sie denken und sein Schwert fallen lassen. Als er aus diesen Träumen erwacht, konfrontiert er sich, psychisch zerrüttet, tatsächlich mit seiner Schuld. „Ich bin ein Schurke [...] / Meineid, Meineid, im allerhöchsten Grad, / Mord, grauser Mord, im fürchterlichsten Grad, / Jedwede Sünd’, in jedem Grad geübt, / Stürmt an die Schranken, rufend, „Schuldig! Schuldig!“ / Ich muß verzweifeln.“ (Richard III., V / 3). Die Täterpsyche steht im Zentrum des analytischen Interesses, und sie ist es auch, die den Verbrecher überwältigt. „Ein blutiger Tyrann und Menschenmörder“ ist eine solch exorbitante Figur, dass sie einzig durch ihre eigenen Seelenregungen eliminiert werden kann; diese jedoch sind unausweichlich und holen selbst den Amoralischen und vermeintlich Gewissenlosen ein – Lady Macbeths eingebildet blutige Hände sind sinnfälliges Symbol dieses Zusammenhangs.
An einer Idealisierung des Verbrechers arbeiten Shakespeares Dramen keineswegs. Sie erkunden seine Ab- und Beweggründe und lassen ihn dadurch als ebenso bedrohlich wie menschlich erscheinen. Am Ende von Richard III. ist „der Bluthund tot“ (V / 4) und Englands Frieden wieder hergestellt. Der tyrannische Mörder ist nicht allein anthropologisches Studienobjekt, er ist in eminenter Weise auch eine zu beseitigende (gleichwohl dadurch literarisch besonders fruchtbare) Störung der sozialen Ordnung […]. Der letzte Akkord entwirft ein optimistisches Menschen- und Geschichtsbild. Ordnungsstörung durch Verbrechen ist heilbar. Und doch wird es auf Shakespeares Bühne weitere tyrannische Mörder geben. Des Friedens Samen blüht stets nur kurz. Ohne Verbrechen, ohne deviante Figur keine Tragödie. […]
Wie optimistisch oder düster das Bild der für die Kriminalliteratur konstitutiven verbrecherischen Natur des Menschen ist, bemisst sich danach, ob es einen Ausweg aus dem Kreislauf der Kriminalität gibt, ob eine Ordnungsstörung temporär und behebbar oder in paradoxaler Weise Teil der Ordnung selbst ist. Shakespeares Diagnose ist besorgniserregend: Kriminalität und mörderische Absichten erscheinen nicht als zu überwindende Ausnahmeerscheinungen, sondern als universelle Phänomene. […] Die Innerlichkeit der Mörder ist für Shakespeare von größerem Interesse als die mörderischen Taten selbst.
Manuel Bauer: Kriminalliteratur: Geburt und Geschichte des Genres. Band 1. Von Ödipus bis Sherlock Holmes. Berlin 2025. S. 71 – 77.
Mit freundlicher Genehmigung des Schwabe Verlages
König Richards Gebeine wurden 2012 unter einem Parkplatz in Leicester gefunden und 2015 in der Kathedrale von Leicester feierlich beigesetzt.
von Daniela Wakonigg
Sendung vom 25.08.2012

Ein Schwurgerichtsverfahren am Old Bailey tagte am 21.2.1984 zu einem der berühmtesten Ereignisse der englischen Geschichte. Fast 500 Jahre nach dem Tod König Richards auf dem Bosworth Field. Er wird angeklagt im August 1483 im Tower von London Edward, Kronprinz von Wales und Richard, jungen Herzog von York, ermordet zu haben.
Wägen Sie in The Trial of King Richard the Third mit der Jury die Beweise in zweiundzwanzig Folgen ab und gelangen Sie zu ihrem eigenen Urteil über diesen Fall.
Sie können das Verfahren unter dem Stichwort The Trial of Richard III, 1984 problemlos auf YouTube finden.
Harold Bloom: Shakespeare. Die Erfindung des Menschlichen. Berlin, 2002.
Stephen Greenblatt: Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert. München, 2018.
Jan Kott: Shakespeare heute. Berlin, 2013.
Niccolò Machiavelli: Der Fürst. Stuttgart, 2024.
Doris Märtin: Shakespeares. Fiend-like Queens. Heidelberg, 1992.
Harriet Rubin: Machiavelli für Frauen. Frankfurt am Main, 2000.
Wie lebte Shakespeare? Die Erfolgsgeschichte eines frühbürgerlichen Genies. Stephen Greenblatt im Gespräch mit Alexander Kluge. In: Lettre International 152, Frühjahr 2026.
Urs Widmer: Shakespeares Königsdramen. Nacherzählt von Urs Widmer. Zürich, 2004.
John Adams: Violin Concerto: III. Toccare
Shaker Loops: I. Shaking and Trembling & II. Hymning Slews
Arvo Pärt: Für Alina
Cantus in Memoriam of Benjamin Britten
Trisagion
Das Deutsche Literaturarchiv Marbach feierte 2022/2023 in Kooperation mit dem Globe Theatre London den 400. Geburtstag Shakespeares First Folio:
https://www.dla-marbach.de/museen/literaturmuseum-der-moderne/wechselausstellungen/wills-book-400-jahre-shakespeares-first-folio/

https://richardiii.net/

https://shakespeare-gesellschaft.de/