Vor dem Ruhestand
Schauspielhaus
Ab Klasse 10
Dauer – ca. 2:40 Std., eine Pause nach 1:40 Std.
Premiere
Sa – 21. Feb 26
Sa – 21. Feb 26
Alle Jahre wieder feiert Familie Höller mit ihren Lieben: In schwarzer Uniform und zu den Klängen von klassischer Musik wird des Geburtstags des ehemaligen NS-Reichsinnenministers und Hauptverantwortlichen des Holocaust Heinrich Himmler gedacht; und bei diesem Ritual möchte die Familie lieber keine Zeug*innen, denn Rudolf Höller ist als Gerichtspräsident eine wichtige Person des öffentlichen Lebens. Rudolf lebt mit seinen beiden Schwestern zusammen, Clara und Vera. Jedes Jahr schwelgen die Höllers nun in Erinnerungen an die gute alte Zeit. Nur die schutzlos ausgelieferte und seit einem Attentat im Rollstuhl sitzende Schwester Clara versucht, sich den Phantasmen ihrer Geschwister mit beredtem Schweigen zu widersetzen. Als einst vehemente Sozialistin ist sie dafür heftigen Gegenangriffen ausgesetzt. Denn die private Erinnerungskultur über den Familienalben darf nicht durch negative Bemerkungen über die NS-Zeit getrübt werden.
Thomas Bernhard (1931 ̶ 1989) thematisiert mit sarkastischem Ton die eingeschriebenen Mechanismen des Nationalsozialismus und die nachwirkenden Effekte autoritärer Strukturen. Seine bitterböse „Komödie“ und politische Farce Vor dem Ruhestand wurde durch die Enthüllungen der NS-Vergangenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger angeregt. Der Stuttgarter Intendant und Regisseur Claus Peymann engagierte sich immer wieder politisch und sammelte nach den RAF-Anschlägen u. a. Spenden für die medizinische Behandlung der in Stammheim inhaftierten Gudrun Ensslin. Die CDU Baden-Württembergs forderte seine fristlose Entlassung. In der Diskussion um Peymann hatte sich auch Hans Filbinger vehement gegen den Theaterdirektor ausgesprochen.
Vor Peymanns vorzeitigem „Stuttgarter Ruhestand“ aufgrund seiner vielen politischen Äußerungen brachte er noch 1979 Vor dem Ruhestand in Stuttgart zur Uraufführung.
Thomas Bernhard (1931 ̶ 1989) thematisiert mit sarkastischem Ton die eingeschriebenen Mechanismen des Nationalsozialismus und die nachwirkenden Effekte autoritärer Strukturen. Seine bitterböse „Komödie“ und politische Farce Vor dem Ruhestand wurde durch die Enthüllungen der NS-Vergangenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger angeregt. Der Stuttgarter Intendant und Regisseur Claus Peymann engagierte sich immer wieder politisch und sammelte nach den RAF-Anschlägen u. a. Spenden für die medizinische Behandlung der in Stammheim inhaftierten Gudrun Ensslin. Die CDU Baden-Württembergs forderte seine fristlose Entlassung. In der Diskussion um Peymann hatte sich auch Hans Filbinger vehement gegen den Theaterdirektor ausgesprochen.
Vor Peymanns vorzeitigem „Stuttgarter Ruhestand“ aufgrund seiner vielen politischen Äußerungen brachte er noch 1979 Vor dem Ruhestand in Stuttgart zur Uraufführung.
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Komposition
Licht
Dramaturgie
Besetzung
Rocío Crespo / Aniko Huber / Elif Özmen
Olga, eine Bedienstete
Anuschka Herbst / Elif Özmen / Christian Schmittner / Phillip Schmolz
Statisterie
Michael Brodbeck / Michael Gemeinhardt
Technikstatisterie
Kinderstatisterie
Kinderstatisterie
… Die unterschiedlichen, weitläufigen Räume, in die sich Annette Murschetzs geniales Bühnenbild flugs verwandeln kann, wirken modern, steril und minimalistisch, weisen aber auffällige Details auf. … Die schnellen Bühnenverwandlungen werden durch Blacks überbrückt. Stückzitate werden dann auf den Zwischenvorhang projiziert, unterlegt von düsteren, bedrohlich pulsierenden, aufschäumenden, ratternden, wummernden Klängen (Musik: Bert Wrede).
Kušej nimmt Bernhards Figuren ernst. Er verzichtet auf comedyhafte, lächerlich machende Übertreibungen, setzt vielmehr auf die zwischentonreiche, entlarvende Sprache Bernhards. Die Spannung ist enorm, die das Ensemble auf der Bühne entfaltet – sprachlich wie körperlich. Therese Dörr spielt Clara, die querschnittgelähmte Schwester … Es ist spürbar, warum die beiden anderen sich allein durch ihre Blicke getriggert fühlen. …
… Vera ist ihrem Bruder in der Gesinnung eng verbunden, ihm stets voller Bewunderung zu Diensten (inklusive manueller Befriedigung). … Katharina Hauter spielt Vera als eine, die durchaus den Willen besitzt, eines Tages in der Welt der Politik mitzuspielen. …
… Antisemitische Ausfälle und antidemokratische Hasstiraden … – Matthias Leja spielt Höller passend latent gewalttätig. …
… Ein verdammt starkes Ende, sehr wirkungsvoll, das Publikum geplättet, erschauert. Kein tosender Applaus, sondern ein sehr bedrückter. So noch nie erlebt.
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… Die sexuelle Verbindung der Geschwister zeigt Kušej, wie man es von ihm kennt, in expliziten Bildern. … Katharina Hauters Vera muss keine Bügelarbeiten verrichten … Eher ist sie eine herausgeputzte Trophy Wife in hohen Hacken, gerne gekleidet in AfD-Blau (Kostüme: Heide Kastler). …
… Rudolf Höller, gespielt von Matthias Leja, ist ein schlanker Anzugträger Anfang sechzig, mit aggressiven Schüben, oft schneidend im Ton, innerlich unruhig, bebend, siegesgewiss: „Alles geht in unserem Sinne.“ Sie sind wieder da. Die Demokratiefeindlichkeit, die Bernhard ihm in den Mund gelegt hat, ist hochaktuell, sein Judenhass erschütternd. …
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… In Bernhards Original hatten sich der SS-Reichsführer und der Jurist Höller, der nach dem Krieg unbehelligt Karriere machen konnte, persönlich gekannt.
Das geht sich mit [Kušejs] Setzung in der nahen Zukunft rein rechnerisch nicht aus, und so hat Kušej den Text behutsam, aber konsequent angepasst, wodurch die absurde Geburtstagsfeier eine weitere, die Künstlichkeit herausarbeitende Ebene bekommt. So wird der 7. Oktober für die drei Geschwister jedes Jahr wieder zu einem schauspielerischen Drahtseilakt hinter (noch) geschlossenen Vorhängen …
… Während Matthias Leja als Rudolf den vom NS-Wahn beseelten Richter mit unverbrüchlicher Ernsthaftigkeit und einem hervorragenden Gefühl für Bernhards Sprachrhythmus gibt, blitzt bei Katharina Hauter als Vera wenn schon nicht Zweifel, dann doch ein gewisser wachsender Widerwille auf. Therese Dörr gibt … die der Schicksalsgemeinschaft ausgelieferte jüngste Schwester, die nicht nur stumm gegen die Ideologie ihrer Geschwister protestiert, sondern mit ihren offenen Angriffen die Abschiebung in eine Heilanstalt riskiert. …
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… Brillieren Hauter wie Leja vor allem in den redundanten Monolog-Kaskaden, besticht Dörr in der Gegensätzlichkeit von gelähmten Gliedmaßen einerseits und wildem Blick mit teils unerträglich langem Protestschweigen andererseits, das mehr sagt als die vielen tausend Worte ihrer zunehmend gewalttätigen Geschwister. …
… Stark am Ende auch das unschuldige Zwitschern der Vögel und Rudolfs Zitat „am besten wäre, alles bliebe stehen“: Gleich einer Mahnung erscheint es noch einmal in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund – und bleibt dem Zuschauer noch lange im Gedächtnis.
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… So wenig wahrscheinlich Konstellation dieses Stücks ist: Bernhard bringt damit das politische Spannungsverhältnis unserer Zeit auf den Punkt. Den Riss, der mitten durch Familien geht, sie aufspaltet zwischen polternden Populisten und paralysierten Liberalen. Dabei entpuppt sich die rechte Wut auf vermeintlich Schuldige als bloße Lust an Selbsterhöhung, das politische Argument als Rechtfertigung niederster Triebe. Sie nennen es Sorge ums Gemeinwohl, dabei geht es nur um das berauschende Gefühl von Machtausübung und Unterdrückung.
In der Stuttgarter Inszenierung wird dieser Widerspruch mit Händen greifbar. Das liegt vor allem an den darstellerischen Leistungen. …
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… Der auffälligste Unterschied zwischen Matthias Leja und Traugott Buhre liegt in der Artikulation, im Klang der Stimme, die in Thomas Bernhards Stücken mit ihren ausschweifenden Monologen eine wichtige Rolle spielen. Lejas deutliche, vollklingende Aussprache lässt ihn jünger, energischer wirken als Buhres charakteristische knödelnde Sprechweise.
Matthias Leja kostet die (unfreiwillige?) Komik der Bernhardschen Texte aus. Er tut gut daran, weder Filbinger, noch das Klischee des unverbesserlichen Nazis zu imitieren.
Annette Murschetz hat ein Anti-Karl-Ernst-Herrmann-Bühnenbild beigesteuert … Die Arrangements erinnern an Bilder der Neuen Sachlichkeit. Nazikitsch hängt nur an den sterilen Wänden. …
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… Die oft missbilligend schweigende Clara von Therese Dörr im modisch lilafarbenen Samt-Jogginganzug (später im knallroten Kleid) und mit cooler Intellektuellenbrille darf sich immerhin über den väterlichen Drill und seine Kunstverachtung in Rage reden. Vera hingegen, von Katharina Hauter mit hellblonder Mähne und im AfD-blauen Schlauchminikleid verkörpert, spricht gedimmt, beherrscht, zurückhaltend, als würde sie sich selbst nicht ganz glauben, wofür auch ihre Fressattacke bei der Himmlerfeier spricht. Heftig wirken ihre fast schon lakonisch dahingesagten Sätze …
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… Wehleidigkeit, Sentimentalität und Größenwahn treten immer wieder schmerzhaft hervor. … Dem werden aber auch die drei Schauspieler in ausgezeichneter Weise gerecht, wobei Matthias Leja als Gerichtspräsident Höller immer mehr in den Mittelpunkt rückt. …
… die beängstigende Stimmung wird auch mit der Komposition von Bert Wrede und zahlreichen Textüberblendungen facettenreich eingefangen. … Monologe, Tiraden und endlose Wiederholungen laufen dabei aber nicht ins Leere. Die stark rhythmisierte Sprache Bernhards kommt überzeugend zum Ausdruck …
… Viel Schlussbeifall und „Bravo“-Rufe.
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