Sommersonnenwende
Schauspielhaus
Ab Klasse 9
Dauer – ca. 1:25 Std., keine Pause
Uraufführung
Sa – 06. Jun 26
Sa – 06. Jun 26
Sommersonnenwende, 21. Juni: Ein Haus mit großem Garten, viele Gäste, es duftet nach Rosmarin – was für ein herrlicher Abend! Isabel und Albert geben eine Party. Plötzlich steht Isabels Bruder Victor samt Familie und Hund auf der Terrasse! Wer hat die eingeladen? Isabel hat nach dem Tod ihres Vaters das Haus geerbt, Victors Familie den elterlichen Schlachthof und das gesamte Geld, „die Schweine“, denkt sich Albert. Zudem sind Isabel und Albert seit kurzem nicht mehr allein in ihrer großen Villa. Sie haben ein kleines Mädchen namens Amina aus dem Ausland aufgenommen und adoptiert. Soll diese „Fremde“ irgendwann etwa das gesamte Anwesen erben und alles, was dazu gehört stillschweigend „übernehmen“, graut es Victor und Patrizia. Doch es heißt Contenance bewahren, denn Familie ist Familie, und die kann man schließlich nicht ausladen. Aber warum ist eigentlich das Gartenhaus „besetzt“? Das war doch Vaters Mausoleum. Woher hat der Hund den Knochen und was verbirgt sich bloß in der blutigen Mülltüte? Zwischen Fleischbällchen, Tupperwaren und vielen Drinks offenbart eine Sommernacht heftige familiäre Auseinandersetzungen, bei denen niemand seinen Kopf verlieren möchte.
In Roland Schimmelpfennigs neuem Stück wird ein Familienfest zum Schauplatz von Reibungen, Zwängen und unbewussten Zerstörungslaunen. Die Macht der Familie und alter Rollen, in die man, längst erwachsen, wieder fällt, blitzen mal komisch, mal bedrohlich auf, bis die bürgerliche Fassade des vertrauten Heims unheimlich zu bröckeln beginnt. Dabei erzählt Schimmelpfennig nicht nur von familiären Konflikten, sondern auch von einer gesellschaftlichen Gegenwart, in der Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit und vermeintlich schützenswertem Erbe zunehmend politisch aufgeladen werden und unterschwellig rechtes Denken in die Mitte eines liberalen Bürgertums zurückkehrt – nicht als plötzlicher Einbruch von außen, sondern als schleichende Verschiebung innerhalb vertrauter familiärer Strukturen: „Wie schön, dass ihr da seid!“
In Roland Schimmelpfennigs neuem Stück wird ein Familienfest zum Schauplatz von Reibungen, Zwängen und unbewussten Zerstörungslaunen. Die Macht der Familie und alter Rollen, in die man, längst erwachsen, wieder fällt, blitzen mal komisch, mal bedrohlich auf, bis die bürgerliche Fassade des vertrauten Heims unheimlich zu bröckeln beginnt. Dabei erzählt Schimmelpfennig nicht nur von familiären Konflikten, sondern auch von einer gesellschaftlichen Gegenwart, in der Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit und vermeintlich schützenswertem Erbe zunehmend politisch aufgeladen werden und unterschwellig rechtes Denken in die Mitte eines liberalen Bürgertums zurückkehrt – nicht als plötzlicher Einbruch von außen, sondern als schleichende Verschiebung innerhalb vertrauter familiärer Strukturen: „Wie schön, dass ihr da seid!“
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Komposition
Licht
Ralf Strobel
Dramaturgie
… Roland Schimmelpfennigs Abrechnung mit der Familie und der angeblichen demokratischen Verfasstheit der bürgerlichen Gesellschaft ist deutlich, klar – und überzeugend inszeniert von Daniela Löffner.
Die Regisseurin vertraut Schimmelpfennigs pointenreichem Drama, in dem es nur eine Richtung gibt: von hochtouriger Nervosität bis zum Exzess. …
… Das Lachen bleibt einem in diesen 90 Minuten immer wieder im Halse stecken. Es gelingt Autor und Regie, viele Themen – Rassismus, Klassenbewusstsein, Kolonialismus, Kapitalismuskritik, ins Reaktionäre kippender Konservatismus, familiäre Abgründe – anzuspielen, ganz ohne moralisch pädagogisches Zeigefingerzeigen. …
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… Der Clou der Textvorlage wie der inszenatorischen Umsetzung ist, dass sie zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren changieren. Hinter dem vordergründigen, bürgerlichen Geschehen blitzt – mal komisch, mal latent gewalttätig – eine tiefere Schicht auf. Ein effektvoller Kunstgriff ist, dass Tiere, die immer wieder die Handlung stören, von den Darstellern gespielt werden. Es sind herausragend komische, irritierende Szenen …
… Das Bürgerliche und das Ungezähmte, eigentlich getrennte Sphären, kommen sich hier beunruhigend nahe. …
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… In Löffners Regie balanciert das Ensemble raffiniert zwischen Witz, böser Stichelei und blankem Hass. …
… Der hintergründigen Regie und dem famosen Ensemble gelingt es vorzüglich, das Entgleisen der Party, den Bruch mit der Zivilisation, das drohende Gewaltpotenzial als schleichenden Verwandlungsprozess abzubilden und die Abgründe in surrealen Traumbildern aufscheinen zu lassen.
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… Katharina Hauter als straffe Isabel, Rainer Galke als losgelassener Albert, Christiane Roßbach als ungemütliche Patrizia und Marco Massafra als dahinträumender Victor gehen nach und nach in die Vollen: Weniger, indem sie ausfallend werden (das auch), sondern vor allem, indem sie sich verwandeln: in schlabbernde Hunde und gespenstische Katzen, in arglose Jungen und hochintensive Mädchen. Diese Verwandlungen gehen … in Sekundenbruchteilen vonstatten. Es gelingt den vier, das nicht wie die darstellerische Virtuosität aussehen zu lassen, die es zweifellos ist, sondern allen Ernstes wie eine Transformation. …
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Die ist zunächst einmal außerordentlich komisch. … Man muss sich ein großes Fest vorstellen, doch von den vielen Gästen sieht man nur zwei, Victor und Patrizia. … Die Regisseurin Daniela Löffner braucht keine Ausstattung, erst mal nur einen Bühnenhimmel voller Lampen und das fantastische Ensemble. Plastikstühle reichen als Auto, leere Schuhe für die anderen Gäste. …
... Schimmelpfennig belässt es nicht beim kunstvoll geschliffenen Edelboulevard einer Familienschlacht, obwohl die lustvoll ausgekostet wird. Alle vier verlieren ihre Haltung und Teile ihrer Kleidung, leeren Erde auf die Bühne und matschen darin herum, spielen Tiere (Katze, Hund, Großwild) und die Kinder, von denen nur geredet wird. Hier fängt an, etwas Dunkles, Untergründiges herumzuwurmen. …
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… Katharina Hauter als Schwester, Rainer Galke als ihr Mann, Marco Massafra als Bruder und Christiane Roßbach als dessen Frau brillieren, drunter kann man es nicht sagen.
Hier das philanthropisch-progressive Paar, das vom Vater das Anwesen geerbt hat, dort das konservative Unternehmer-Anwältin-Gespann, das die Vermögenswerte erhalten hat. Über allem schwebt das allen eigene Gefühl, betrogen worden zu sein. Spannungen in allen Aggregatzuständen von passiv-aggressiv bis Messer-schwingend, zwischen den Geschwistern und über Kreuz. Das alles sitzt an diesem Abend on point. Eine fabelhafte Regie- und Schauspielleistung, nicht hoch genug einzuschätzen angesichts eines Textes mit so vielen Zeitsprüngen, Wechseln und Wiederholungen. …
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… Hier kämpfen zwei politische Richtungen miteinander, hier kämpft, familiär verkleidet, die Bundesrepublik Deutschland. … Das Gute aber ist: Roland Schimmelpfennig schraubt all diese politischen Motive bewundernswert leichthändig und wie nebenbei zusammen. Im Grunde ist das Stück eine dunkle Parodie auf Shakespeare‘s Sommernachtstraum, ein Fest für Schauspieler – und von der Regisseurin Daniela Löffner genauso angerichtet: alle haben mit allen was am Laufen, und: lasst mich den Löwen auch noch spielen. …
… Die vier Schauspieler Katharina Hauter, Rainer Galke, Christiane Roßbach und Marco Massafra liefern einen großen Abend. …
Zum vollständigen Beitrag mit O-Tönen
… Daniela Löffner als ganz nah am Subtext des Stücks inszenierende Regisseurin steigert Schimmelpfennigs Metaphorik peu à peu ins Grauenhafte. …
… Sehr spielerisch und effektvoll, mit großartigen Schauspielern, hat Daniela Löffner Roland Schimmelpfennigs Sommersonnenwende in Stuttgart zur Uraufführung gebracht. …
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Zum vollständigen Beitrag mit O-Tönen
… Sprachlich ist das alles kunstvoll rhythmisiert. Die Konflikte und Verletzungen blitzen auf und werden dann wieder unter der Schicht von Zivilisation und familiärer Diplomatie verborgen. Kinder wie Tiere, die durch das Quartett mitgespielt werden, gleichen eher Spiegelungen der Erwachsenen, sind eine Art Geister der Geschwister, die sich ähnlich wie Hund und Katze balgen. Über allem thront der unsichtbare Geist des Vaters.
Die anderthalbstündige Uraufführung von Daniela Löffner nimmt das Timing des Textes grandios auf. Im Hin und Her … entwickeln Katharina Hauter (Isabel), Rainer Galke (Albert), Marco Massafra (Victor) und Christiane Roßbach (Patrizia) ein teils brüllend komisches Spiel. …
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... Katharina Hauter, Rainer Galke, Marco Massafra und Christiane Roßbach switchen virtuos zwischen den Ambivalenzen der Erwachsenen, der destruktiven Brutalität der Kinder und dem animalischen Gebaren von Hund oder Katze hin und her. Und schaffen so eine theatralische Metapher für die Verrohung einer von uns gar nicht so weit entfernten Gesellschaft und deren daraus resultierender kommunikationsunfähiger Sprachlosigkeit. Die Matthias Erhard in seiner eindringlichen Bühnenmusik in abstrakte Klänge weiterführt. Und bei der sich die präzise steuernde Regisseurin Daniela Löffner nicht scheut, die feine Partygesellschaft vom Edelgarten in den kotgrundierten Schlamm-Schmodder zu treiben. …
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… Das Kind [Friedrich] heißt wie das mit einem Messer bewaffnete Monster aus dem Horrorfilm Nightmare on Elmstreet und die Töle [Hund Loki] wie ein amoralisch böser Schelm aus der nordischen Mythologie. Amina, die adoptierte Tochter von Isabel und Albert, sowie deren Katze Mimi komplettieren den schrägen Reigen. Allerdings bleiben Tiere und Kinder sowohl in Roland Schimmelpfennigs Text als auch in Daniela Löffners Inszenierung unsichtbare Leerstellen, nur manchmal in kurzen Sequenzen verkörpert von den Erwachsenen, in die Tiere und Kinder wie freche Geister fahren. …
… Roland Schimmelpfennig erzählt hier nicht bloß von einer aus dem Ruder laufenden Familienfehde, von kleinlich-bürgerlichen Identitätsproblemen. Anhand der verkorksten Sippe zeigt er, wie eine Nation erneut im braunen Morast zu versinken droht …