Liebe / Eine argumentative Übung

von Sivan Ben Yishai
Aus dem Englischen von Maren Kames
Karten
https://www.schauspiel-stuttgart.de/ Schauspiel Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart
https://www.schauspiel-stuttgart.de/ Schauspiel Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart
Fr – 05. Jul 24, 20:00
Foyer Kammertheater
Dauer – ca. 1:45 Std., keine Pause
Premiere
So – 09. Jun 24
Karten
https://www.schauspiel-stuttgart.de/ Schauspiel Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart
https://www.schauspiel-stuttgart.de/ Schauspiel Stuttgart Oberer Schloßgarten 6, 70173 Stuttgart
Fr – 05. Jul 24, 20:00
Er ist muskulös, künstlerisch interessiert und Star seiner eigenen Serie – einen besseren Fang als ihren spinatversessenen Seemann Popeye hätte sich Olivia Öl eigentlich kaum wünschen können. Die beiden lernen sich im Sprachkurs kennen, sie feiert als aufstrebende Romanautorin erste Erfolge, er träumt vom Studium der Filmregie. Wenngleich sie sehr bedacht auf ihre Eigenständigkeit ist, sich nie ein Konto teilen, geschweige denn Kinder haben wollte, lässt sie sich auf die Beziehung ein. Doch schnell hat sie das Gefühl, jedes Treffen mit diesem flüchtigen Liebhaber könnte das letzte sein. Auch kostet es Kraft, sich ständig an der Ex messen zu müssen und das gekränkte Ego eines verkannten Künstlers zu tätscheln, dessen Drehbuch nie länger als zwei Seiten wurde – zumal er ihre Romane gar nicht erst gelesen hat. Doch Verletzlichkeit und gekränkter Stolz können auch etwas Attraktives an sich haben. Und es ist schön, Teil eines Paares zu sein, sich endlich mit den anderen messen zu können, die Blicke derer zu spüren, die sich nach Popeye umdrehen. Und wer würde schließlich behaupten, dass eine Beziehung nicht auch Arbeit und Verzicht bedeutet?

Ein ganzes Jahrzehnt war Olivia Öl Hauptfigur von E. C. Segars weltberühmten Comic, bevor 1929 Popeye den Streifen kaperte, und sie in die Nebenrolle drängte. Sivan Ben Yishai lässt uns mit ihrem Text hinter die vermeintlich zweidimensionalen Oberflächen dieser popkulturellen Ikonen blicken. Dabei durchleuchtet sie reflektiert feministisch und mit scharfer Direktheit die Ungleichheiten, die sich bis heute in scheinbar emanzipierte Paarbeziehungen einschleichen und beschreibt den inneren Konflikt zwischen feministischem Selbstanspruch und der Annehmlichkeit tradierter Muster.
Inszenierung
Bühne
Kostüm
Dramaturgie

Pressestimmen

Stuttgarter Zeitung
Roland Müller, 12. Jun 24
… groß und stark ist er, der Cis-Mann Popeye, den sich die Autorin Sivan Ben Yishai aus dem in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammenden US-Comic ausgeliehen hat. Schon damals war der nach Spinat süchtige Bursche dominant und degradierte seine Freundin Olivia Öl, zuvor die Heldin der Story, zur Nebenfigur. … Hundert Jahre später wird sie, 40, abermals von ihm, 32, unterworfen. Oder ist es vielleicht so, dass sich Frau Öl selbst unterwirft, aus freien Stücken, Emanzipation hin oder her?
Das ist eine von vielen Fragen, die Sivan Ben Yishai in Liebe stellt. ...

Aufgeführt wird das Stück im Foyer des Stuttgarter Kammertheaters. Junge Leute setzen es mit Tempo und Schwung ins Werk. ...

Obwohl als Autorin erfolgreich, will sie [Mina Pecik als Olivia] dem Popeye des Felix Jordan, dem sehr schwadronierenden und sehr erfolglosen Möchtegernregisseur, das „supportivste Girlfriend ever“ sein. Klappt auf Dauer nicht. Fest gewillt, ihn zu bewundern, wächst bei ihr der aus Unsicherheit gespeiste Selbsthass, vor allem auf ihren Körper, den sie vor seinen Augen nur noch unter Kissen verstecken möchte. … während Popeye weiterhin Trophäen sammelt, flüchtet sich Olivia in eine wilde Sexualrauschfantasie mit allem Drum und Dran, sprachlich, aber nur sprachlich, explizit wie die ganze Inszenierung.
Zur vollständigen Kritik
Ludwigsburger Kreiszeitung
Uta Reichardt, 15. Jun 24
Werden in den ersten 45 Minuten von Tom-Henry Löwenstroms unbekümmerter und erfrischender Regieleistung … vor allem Fotos von Popeye und Olivia in Dia-Stiltechnik auf den weißen Bühnenvorhang projiziert, anhand derer Jordan und Pecik im Stil des Erzähltheaters wechselseitig oder auch im Chor über Popeyes und Olivias Paarfindung durchaus humorig und direkt das Publikum ansprechen, wird der Vorhang später unter dumpfen Elektrobeats beiseitegeschoben. Zum Vorschein kommt dann ein Kingsize-Bett, ausstaffiert mit jeder Menge bunter Kissen … und darin das Paar, nun auch rein äußerlich durch grotesk-sexualisierte Outfits markiert … Popeye entrückt-aufreizend bis peinlich in tänzerischer Selbstdarstellung, während Olivia mehr und mehr erdrückt wird von ihrer eigenen Scham und Selbstrücknahme – auch und gerade beim Sex.
Zunehmend schleicht sich allerdings eine zunächst subtile, dann immer stärker entfesselte Wut gleich einem gefangenen Tiger im Käfig in Olivias Gefühlswelt …

Sivan Ben Yishais über weite Strecken sehr expliziten wie fulminanten Text … setzen Jordan und Pecik dabei engagiert und schön kontrastierend in betont implizites Spiel um …
Zur vollständigen Kritik
Die deutsche Bühne
Manfred Jahnke, 11. Jun 24
… im Foyer des Kammertheaters [ist] ein Gerüst (Bühnenbild: Klara Kollmar) aufgeschlagen, das, wenn nach vorne und an den Seiten der weiße Vorhang aufgezogen wird, einem großen Bett ähnelt …

Tom-Henry Löwenstrom behandelt in seiner ersten Inszenierung am Schauspiel Stuttgart den Text von Yishai als Erzähltheater mit direkter Ansprache ans Publikum. Mina Pecik als Olivia und Felix Jordan als Popeye schenken sich nichts. … Sie versucht distanziert zu sein und ihre Prinzipien durchzuhalten, die sie jedoch nacheinander aufgibt und sich dafür immer stärker selbst hasst.

Für diesen Prozess findet Löwenstrom einprägsame Bilder: Was als ruhiger Bach beginnt, wird am Ende zum tosenden Strom – unterstützt von der Musik der Band Keine Revolte. … Katharina Weis hat groteske Kostüme geschaffen, die die sexualisierten und erogenen Zonen der Körper betonen.

… Popeye hat den ruhigeren Part in dieser Aufführung, zumal er stets auf sich selbst bezogen agiert und keine Empathie zu Olivia entwickeln kann: Frauen können Männer lieben, aber können Männer Frauen lieben? Leiden müssen die Frauen – wie Olivia.
Zur vollständigen Kritik