un/true (UA)

Ein Videowalk von Gernot Grünewald & Thomas Taube
Kammertheater
Dauer – ca. 2:00 Std, keine Pause
Wiederaufnahme
Spielzeit 2021/22
„Wissenschaftler sollten niemals behaupten, dass etwas absolut wahr ist.“ Mit diesem Statement weist Radioastronomin Jocelyn Bell Burnell auf ein grundsätzliches Prinzip hin: Es liegt im Wesen der Wissenschaft, zu irren. Vermeintliche Kausalitäten stellen sich im Nachhinein als Fehlschlüsse heraus, Erklärungen von Forschern und Forscherinnen, nach denen wir unser Weltbild aufbauten, müssen revidiert werden. So produzierte man beispielsweise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch radioaktive Zahnpasta, um die Abwehrkräfte von Zahn und Zahnfleisch zu stärken – was sich wenige Jahrzehnte später durch weitere Strahlenforschung als großer Fehler entpuppte. Wissenschaftliches Arbeiten kann nur dann produktiv sein, wenn es eben nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Doch wie ertragen wir diese Unsicherheit in einer extrem komplex gewordenen Welt, in der wir jeden Tag auf die Meinungen von Expert:innen angewiesen sind? Und wem schenken wir Glauben, wenn kritische Stimmen beginnen, Zweifel an den Erkenntnissen der Forschung zu säen und uns ein anderes Wirklichkeitsnarrativ – eine andere Ordnung der Dinge – präsentieren?
In einem interaktiven Parcours hinterfragt Gernot Grünewald anhand eines Netzes aus Informationen und Materialien, Thesen und Widersprüchen die Rezeptionsmechanismen jede:r einzelnen. Zusammen mit dem Videokünstler Thomas Taube untersucht er in einem Videowalk, nach welchen Kriterien wir Fakten von bloßen Behauptungen unterscheiden und wie leicht diese Vorgänge psychologisch zu steuern sind. Wie konstruieren wir unsere Wirklichkeit?

Uraufführung: Fr – 25. Jun 21

Die Veranstaltung ist nicht barrierefrei. Während der Vorstellung wird das Publikum aufgefordert, sich selbständig, von einem Tablet und Kopfhörern angeleitet, durch den Raum zu bewegen.

Ein Werkauftrag für die Frankfurter Positionen 2021 – Festival für neue Werke
Eine Initiative der BHF Bank Stiftung
Inszenierung
Kostüme
Barbara Kiss, Natalie Nazemi
Videokünstler
Kamera
Jochen Gehrung, Daniel Keller
Musik
Ton
Thomas Tinkl
Dramaturgie

Pressestimmen

Stuttgarter Zeitung
Dorothee Schöpfer, 28. Jun 21
"Die Informationsflut ist immens, überfordernd, verwirrend. Aber darum geht es ja auch: Wie nehmen wir Wirklichkeit wahr, was ist der kleinste gemeinsame Nenner, über den eine Gesellschaft verfügen muss, um im Gespräch bleiben zu können, und wie gefährdet ist man selbst, die eigene Meinung immer nur bestätigt sehen zu wollen?
Gernot Grünewald hat mit "Thaddäus Troll – kein Heimatabend" vor zwei Jahren schon einmal eine konzeptionell außergewöhnliche Arbeit auf die Bühne gebracht. Mit "Un/true" öffnet er das Theater weit hinein in einen ganz realen Austausch. Am Ende sitzt jede Gruppe mit ihrem Spielleiter im Stuhlkreis und kommt ins Gespräch. Wer dabei der hellwachen, freundlich-fordernden und charismatischen Therese Dörr gegenübersitzt, darf sich freuen – wobei diese Situation mit den jeweils anderen Spielleitern möglicherweise genauso erhellend ist. Es gibt keine kollektive Wahrnehmung nach diesem Theaterexperiment, nur eine Summe singulärer Eindrücke. Was zum Thema des Abends hervorragend passt."

Zur vollständigen Kritik
Süddeutsche Zeitung
Adrienne Braun, 28. Jun 21
"Die Uraufführung "Un/true" ist ein Experiment der besonderen Art, bei dem das Publikum zum Versuchskaninchen wird."

"Grünewald hat schon früher klug den Perspektivwechsel erprobt mit Collagen aus Spiel, Live-Kamera und Projektionen. Das Setting von "Un/true" ist aufwendig, auch das Tablet (Video: Thomas Taube) doppelt die Wirklichkeit und manipuliert sie dabei, sodass in der leeren Kabine plötzlich virtuelle Aktivisten auftauchen oder auf dem Tisch ein Buch zu liegen scheint."

Zur vollständigen Kritik
Ludwigsburger Kreiszeitung
Arnim Bauer, 28. Jun 21
"[Ein] interessanter Laborversuch im Stuttgarter Kammertheater"

"Der Besucher sieht sich aber einer durchaus realistischen Situation gegenüber, im Gesamtbild trifft diese künstlerische Arbeit absolut die Realität, analysiert sehr genau, wie Verschwörungstheorien funktionieren, und legt das auch schonungslos offen. Man kann durchaus von einer Art Gehirnwäsche sprechen, der der Besucher hier ausgesetzt wird, es wird erschreckend deutlich, wie simpel und doch perfide Manipulation funktioniert. Sich dem zu entziehen, was da auf den Zuschauer einprasselt, ist kaum möglich. Ein weiterer spannender Aspekt ist die Tatsache, dass wohl jeder Besucher sein ganz eigenes Erlebnis hat."

Audio-Einführung zu "Un/true"
gesprochen von Sebastian Röhrle